"Ich habe keine Ahnung, wo uns das Ganze hinführen wird, aber ich bin mir sicher, es wird ein Ort sein, der sowohl traumhaft als auch befremdlich ist." Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) sagt das in der zweiten Staffel von Twin Peaks. Geradezu paradigmatisch fasst dieser Satz meine Lieblingsserie zusammen.

Auch ich tauche jedes Jahr einmal ab in die irrwitzige Welt von Twin Peaks, in der Kitsch und Horror, Nostalgie und Verstörung nahtlos ineinander übergehen. Immer im Herbst, jener Jahreszeit, die meinem subjektiven Empfinden nach in Twin Peaks permanent herrscht (obwohl die Serie im Februar spielt), lasse ich mich in die Kleinstadt im pazifischen Nordwesten der USA transportieren. Dieses Jahr werde ich zum siebten Mal mitansehen, wie Agent Cooper dort versucht, den Mord an der enigmatischen Highschool-Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) aufzuklären.

Allein der Vorspann reicht, um mich rauszuholen aus dem Alltag und hineinzuwerfen in David Lynchs und Mark Frosts surreale Seifenoper: In suggestiver Zeitlupe sehen wir einen Vogel in Großaufnahme, ein Sägewerk, das Panorama einer nebligen Berglandschaft sowie einen Wasserfall. Überhöht werden diese Kleinstadt-Impressionen von Angelo Badalamentis Titelmelodie, einer schmachtvoll dahinfließenden Symphonie aus Bass und Synthesizer. Ich kann mir schwerlich eineinhalb elegischere Minuten vorstellen. Es ist eine halluzinatorische Stimmung, die von dieser Titelsequenz ausgeht und die mich überführt zu diesem zugleich romantischen und makabren Ort namens Twin Peaks.

Meine Begeisterung für die Serie ist nicht wie bei so vielen geprägt von Jugenderinnerungen. Als Twin Peaks im April 1990 (in Deutschland im September 1991) erstmals im Fernsehen lief, war ich eineinhalb Jahre alt. Als ich die Serie 2010 entdeckte, hatte ich nicht nur die meisten David-Lynch-Filme bereits gesehen, sondern war auch sozialisiert mit einer anderen Fernsehkultur: die Sopranos, Mad Men und The Wire etwa waren großartige Serien jener Jahre, keine Frage. Doch keine davon übt auf mich annähernd die gleiche Faszination aus wie Twin Peaks.

Die Serie lebt von ihrer unvergleichlichen Atmosphäre. Die exquisiten Sets – vom Great-Northern Hotel bis hin zum lokalen Double-R-Diner – wollte man sofort selbst bewohnen, wenn dort nicht ständig allerlei unheimliche Sachen passieren würden. Die kunstvolle Licht- und Farbgestaltung ist zu gleichen Teilen betörend und schaurig. Twin Peaks, das ist, als hätte Hieronymus Bosch mit seinem infernalischen Pinselstrich ein Gemälde von Edward Hopper verfremdet.

Die cineastischste aller Fernsehserien

Eintauchen kann man auch in ein schier unerschöpfliches Netzwerk aus kulturellen Zitaten und Bezügen. Denn diese cineastischste aller Fernsehserien ist eine eklektische Liebeserklärung an das Kino. Die düstere Stimmung des Film Noir, das Pathos amerikanischer Melodramen, die Eleganz der französischen Nouvelle Vague, der Zauber von Federico Fellini, das Bizarre von Luis Buñuel – mit alldem ist die Bildwelt von Twin Peaks angereichert.

Diese unorthodoxe Genremischung macht natürlich einen großen Teil der Faszination an dieser Serie aus. Man weiß bei Lynch nie, wie lange man in pittoresken Bildern schwelgen kann, bis er wieder mit verstörenden Schockmomenten überrascht. Wie hier Idyllisches und Dissonantes koexistieren, bleibt in seiner Wirkung bis heute einzigartig.