Ach, süße Jugend, herrliche Jahre der Planlosigkeit, des Herumschweifens und der Verschwendung von Lebenszeit, Talent und Gemüt. Welches andere Ziel kann es in dieser Zeit geben außer der schönen Ziellosigkeit? Wer mit 18 nicht ordentlich gefeiert, getanzt, Drogen probiert und wild in der Gegend herumgevögelt hat, wird es schon mit 25 bereuen. Und mit 50 erst! Meist tun die Menschen, die während der Spätadoleszenz derlei Verhaltensweisen ausgiebig pflegen, dies aus positiven Motivationen heraus, aus Freude, Lust, Spaß und Genuss. Für eine Minderheit hingegen – man könnte sie vielleicht als die protestantischen Party People bezeichnen – ist das Feiern, Vögeln und Drogennehmen fest mit schlechtem Gewissen, Schuldgefühlen und Selbsthass tingiert. Diese Menschen feiern nicht, weil sie das Feiern toll finden, sondern weil sie versuchen, damit eine innere Leere zu verdecken.

Die heute 25-jährige Autorin und Regisseurin Helene Hegemann gehört zu der protestantischen Partyfraktion, jedenfalls kann man das aus ihrem 2010 erschienenen Debütroman Axolotl Roadkill schließen. Darin beschreibt Hegemann die Odyssee der als ihr Alter Ego kenntlichen minderjährigen Halbwaisen Mifti durch das nächtliche Berlin und diverse unglücklich verlaufende Liebesbeziehungen. Miftis Mutter ist tot und ihr Vater mit anderen Dingen als väterlicher Fürsorge beschäftigt. Darum schwänzt Mifti die Schule und wirft sich in rauschhafte Erlebnisse, küsst Männer und Frauen und geht tagelang im Technoklub Berghain tanzen. Das Buch lebt von seiner dichten, zwischen altklugem Intellektualismus und juveniler Überhitztheit changierenden Sprache; aber es nervt auch gewaltig durch die schlechte Laune, die Hegemann unentwegt verbreitet und mit der sie noch die tollsten, euphorischsten Momente einer Partynacht mit einem säuerlichen Generalbass grundiert, mit dem Widerhall depressiver Verstimmtheit und innerer Leere.

Trotzdem – oder gerade deswegen – wurde das Buch in der deutschsprachigen Literaturkritik ein überaus großer Erfolg. Das liegt auch daran, dass diese Literaturkritik mehrheitlich von Menschen mittleren Alters ohne nennenswerte Nachtlebenerfahrung betrieben wird. Die wenigsten von ihnen werden jemals auf einer ordentlichen Technoparty gewesen sein, geschweige denn in jenem sagenumwobenen Berghain, in dem wesentliche Teile von Axolotl Roadkill spielen. Deswegen wurde das Buch mit seinen eigentlich eher banalen Partybeschreibungen plötzlich als Einblick in ein sonst verschlossenes Paralleluniversum bestaunt und im Zuge dessen auch gleich noch zum Porträt einer wahlweise "verlorenen" oder "abgestumpften" Generation hochgewertet, die, statt sich politisch zu engagieren, lieber besinnungslos feiert. Auch die protestantische Grundstimmung trug in diesem Zusammenhang zweifellos zum Erfolg bei: Literaturkritiker können das Porträt einer feiernden Jugend nur dann für ästhetisch und politisch wertvoll erachten, wenn das Feiern zugleich als Ausdruck eines falschen Bewusstseins erscheint. Wäre es positiv gezeichnet, müssten die Kritiker mittleren Alters ja eventuell darüber nachdenken, dass in ihrem eigenen, partylos gewordenen Leben etwas fehlt. Oder anders gesagt: Während Helene Hegemanns Roman Axolotl Roadkill selber schon ziemlich doof war, war die feuilletonistische Rezeption noch erheblich doofer.

Und jetzt kommen wir zu einer überraschenden Wendung in dieser Geschichte: Sieben Jahre nach der Veröffentlichung des Romans hat Helene Hegemann daraus einen Film gemacht, sie hat selbst das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt – und ihr Film Axolotl Overkill ist ganz großartig geworden! Sie hat nämlich die Geschichte, ihre Figuren und zentralen Motive von jeglichen Formen der Selbstkasteiung und des schlechten Gewissens befreit, von den Auren der Unlust und des Depressiven, und damit auch von der Interpretierbarkeit als Generationenporträt. Hegemann hat ihr Buch gewissermaßen entrezipiert, aus der tödlichen Umklammerung durch die wohlmeinenden Kritiker gelöst. Sie hat ihre Mifti mit der großartigen Jasna Fritzi Bauer besetzt und auch alle anderen Rollen mit Schauspielerinnen und Schauspielern, denen man gerne dabei zusieht, wie sie tanzen, sich lieben und sich beschimpfen und – ganz wichtig – zwischendurch viel sinnloses Zeug reden. Aus dem literarischen Original ist in dieser Axolotl-Variante lediglich die Grundkonstellation übrig geblieben, die Hegemann wie eine Versuchsanordnung in einem klassisch-strukturalistischen Nouvelle-Vague-Film mit glänzend selbstbezüglich agierenden Protagonisten besetzt.

Jasna Fritzi Bauer beginnt ihre Rolle mit bockiger Teenagerverweigerung gegen die Welt, um sich dann in rasendem Tempo und stets gerade nicht von der Welt, sondern von ihrem vollständig eigenen Rhythmus getrieben durch unterschiedliche Tonalitäten hindurchzubewegen. Sie ist überlegen, kindisch, verzweifelt und souverän, sie schlüpft ganz tief in ihre Rolle hinein und scheint doch auch stets neben dieser zu stehen und das heißt dann irgendwie auch: neben sich selbst. Damit macht Bauer die zentrale Schwäche des Romans – ohne das Buch nach eigener Auskunft jemals gelesen zu haben – zu ihrer Stärke: Wo die Schriftstellerin Hegemann sich nicht zwischen der sachlichen-kalten Darstellung wohlstandsverwahrlosten Teenagerleidens und dessen moralisch-ironischer Bewertung entscheiden konnte, dort verlegt Bauer den Ernst und Unernst, das Wertfreie und das Bewertende ganz in ihre schauspielerische Oszillation.

Umschwirrt wird sie dabei von einer Reihe ebenfalls guter, aber keineswegs vergleichbar charismatischer Darstellerinnen: Laura Tonke spielt die als Mutterersatz ebenso fürsorglich wie ergebnislos agierende Halbschwester Anika mit der rechten Mischung aus Wärme und Spießigkeit; Mavie Hörbiger nervt in der Rolle von Miftis Affäre Ophelia als überchargierend hysterische, unentwegt zu laut auftretende Schauspielerinnen-Darstellerin, die einer schlechten Frank-Castorf-Inszenierung entsprungen sein könnte; Arly Jover wiederum gibt die ältere Liebhaberin Alice auf so rätselhafte Weise verrätselt, dass man als Betrachter zu keinem Zeitpunkt das Bedürfnis entwickelt, dieses Rätsel lösen zu wollen.

Kein Gespür für das epiphanische Jetzt eines gelungenen Raves

So ist es durchweg in den anderthalb Stunden dieses rundum kurzweiligen Films: Man hat nie das Gefühl, dass man irgendetwas verstehen soll, dass die Regisseurin und ihr Ensemble irgendeine Botschaft vermitteln wollen oder sonst etwas, das die bloße Darstellung gut gespielter Selbstbezüglichkeiten überstiege. Man hat nie das Gefühl, dass es hier irgendjemandem um irgendetwas geht. Die Partyszenen – die nicht im Berghain gedreht wurden, sondern im ungleich uncooleren Tresor, doch sei's drum – bestechen durch ihre geschmeidigen Choreografien und sind um vieles kunstvoller gestaltet als ihre literarischen Vorlagen. Dafür gab es im Januar beim Sundance Film Festival auch den Kamerapreis für Manu Dacosse.

Interessant ist gleichwohl, dass es auch in der filmischen Variante immer noch um Individuen geht, die sich allein oder zu zweit durch euphorisch feiernde Mengen bewegen, welche ihnen als solche aber im Wesentlichen fremd bleiben. Auch im Film gelingt es Mifti an keiner Stelle, wirklich loszulassen und mit einer ravenden Menge, einer euphorischen Situation, zu verschmelzen. Immer bleibt sie doch an dem haften, was sie aus der Welt in die Partyräume mit hineingebracht hat, seien es Begleiterinnen oder Begleiter oder die allgemeine Last ihres Daseins. Für das epiphanische Jetzt eines gelungenen Raves – für den Moment, in dem man wirklich alles vergisst – hat Helene Hegemann offensichtlich kein Sensorium und keine Sprache, weder eine literarische noch eine filmische. Das kann man schade finden, aber eher für Helene Hegemann als für sich selbst.

Gegen Ende des Films gibt es dafür noch eine sehr schöne Szene, in der Mifti am hellichten Tag Besuch von einem Pinguin bekommt, und gegen Filme mit Pinguinen lässt sich grundsätzlich nichts sagen, das verbindet Axolotl Overkill zum Beispiel mit Happy Feet, Madagascar und Bauzi, der Pinguin aus der Antarktis.