Als Owen Suskind sein Elternhaus verlässt, um mit 23 Jahren zum ersten Mal in einer betreuten Wohnung zu leben, ist das eine dramatische Wende in seinem Leben. Man erkennt das, als der Autist mit der Schar seiner Betreuer darüber diskutiert, welche Vor- und Nachteile der Auszug für ihn habe. Eine Pädagogin sorgt sich um seine Sicherheit, weil er auf der Straße oft nur nach unten gucke. Und was sei mit seiner Liebe, einer jungen Frau? Und werde sein großer Bruder das Versprechen halten, dass er immer für ihn da sei?

Einen Dokumentarfilm, der diesen Owen Suskind bei und nach seinem Auszug begleitet, hätte man gerne gesehen. Leider gibt es diesen Film nicht. Der Regisseur Roger Ross Williams hat sich dafür entschieden, Suskinds ganzes Leben zu erzählen. Und das ist schade. Mindestens die Hälfte der oscarnominierten Dokumentation Life, Animated besteht nämlich aus trickfilmhaften Kindheitserlebnissen, Interviews mit dessen Familie und Therapeuten und vor allem sehr vielen Disney-Zeichentrickfilmen, die Owen Suskind über alles liebt. Er kann sie auswendig nachsprechen und es hat für jede seiner Gefühlslagen einen passenden Film, damit es ihm besser geht.

Tatsächlich ist es reizvoll zu sehen, wie sehr Owen mit den Filmfiguren mitfiebert. Tatsächlich wünscht sich der Zuschauer, so sehr in das Kino einzutauchen wie Owen Suskind das kann. Aber der Regisseur verliebt sich zu sehr in diese kuriose Eigenheit. Zu groß war offenbar die Versuchung, sich für den Dokumentarfilm dieses Filmmaterials zu bedienen. Man sieht förmlich die am Film Beteiligten rufen: "Der Junge liebt Disney! Groß-ar-tig! Das ist die halbe Miete für den Film."

Der Vater ist nicht nur Protagonist, sondern auch Produzent

Als der Abspann von Life, Animated beginnt, erfährt der Zuseher, dass ein gewisser Ron Suskind executive producer des Films ist und wundert sich. Tatsächlich hat Owens Vater, Journalist und Pulitzerpreisträger, die Dokumentation über seinen Sohn mitproduziert, was zuvor aber in keiner Szene offenbar wird. Und so fragt man sich, wie sehr der Vater den Sohn beeinflusst hat, damit er sich hat filmen lassen. Hatte dieser überhaupt eine Wahl?

Im Nachhinein mutet es seltsam an, wenn der Vater ständig interviewt wird und vor der Kamera weint, ohne dass der Zuschauer von seiner Doppelrolle als Produzent erfährt. In manchen Szenen hat man sogar das Gefühl, Ron Suskind trete in eine gewisse Konkurrenz zu seinem autistischen Sohn: Einmal erzählt er etwa, wie es ihm gelungen sei, im Rollenspiel mit einer Disney-Puppe den Sohn doch zum Reden zu bekommen, nachdem dieser ein Jahr lang geschwiegen hatte. Als der Vater davon erzählt, imitiert er die Stimme der Figur, eines krächzenden Vogels – eine Fähigkeit, in der sein Sohn eigentlich Meister ist.

Eine Stärke des Films ist, dass er aufzeigt, wie unterschiedlich die einzelnen Familienmitglieder mit der Entwicklungsstörung des Sohnes umgehen. Der Vater sagt, Owen sei, als er als Kleinkind erste Anzeichen von Autismus zeigte, "verschwunden". Die Mutter spricht davon, wie der Junge sich "verändert" habe. Sein großer Bruder, es ist fast peinvoll mit anzusehen, möchte Owen unbedingt beibringen, dass – anders als in den Disney-Filmen – im echten Leben auch mit der Zunge geküsst wird, nicht nur auf die Lippen. Ron Suskind begreift den Autismus als eine Art Wettbewerb. Weil sein Sohn verschwunden sei, schickt er sich an, ihn aus seinem Gefängnis, wie er es nennt, zu befreien.

Der Vater möchte ein Held sein

Der Sohn ist das Opfer, der Vater möchte ein Held sein. Das ist die Aussage von Life, Animated. Damit verliert der Film, der ursprünglich wohl vorhatte, Empathie für den Betroffenen zu schaffen, seinen eigentlichen Fokus.

Nachdem der Abspann gelaufen hat, sieht man den Film noch mal mit anderen Augen. Ist es okay, wenn sich der Produzent selbst in ein so gutes Licht setzt? Und was hat man über Autismus erfahren, das man nicht schon vorher wusste – außer, dass manche Autisten offenbar eine kuriose Vorliebe für Disney-Filme und deren Synchronstimmen haben?

Als Owen schließlich auszieht, verliert er zwischen den Umzugskisten seinen Micky-Maus-Anhänger, der ihm viel bedeutet. Als schließlich die Mutter den Anhänger findet und nicht der Vater, scheint es ein wenig so, als wolle sich der Zufall ein bisschen rächen.