"Ich bin kein Held", sagt Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) am Ende der dritten Staffel der BBC-Serie Sherlock, "ich bin ein hochfunktionaler Soziopath." Dann hebt er die Waffe und erschießt den Medienmogul und Erpresser Charles Augustus Magnussen. Eine Selbstbeschreibung auf einer realistischen Basis. Es dauert nicht lange, bis jemand in der vierten Staffel die Frage stellt: "Ist Ihr Freund verrückt?" und die prompte Antwort erhält: "Nein, er ist ein Arschloch." Zwischen Soziopath und Arschloch also. Aber stimmt das überhaupt?

Zur Definition des Soziopathen gehört zwar die eingeschränkte Empathiefähigkeit, aber auch die Unfähigkeit, die Folgen des eigenen Handelns abschätzen zu können. Ein Autist wiederum, gerade in der Variante des abgemilderten Asperger-Syndroms, der die Welt in ein entemotionalisiertes Raster setzt, erscheint in Verbindung mit hoher Intelligenz zur Zeit beinahe als Prototyp des erfolgreichen Ermittlers. Zwischen Autismus und Arschloch also, eine aparte Kombination, zumindest als Kunstfigur.

In Elementary, der New Yorker Neuzeit-Variante der Sherlock-Holmes-Geschichten, tritt in der vierten Staffel die Computer-Programmiererin Fiona Helbron auf. "Es heißt", sagt Fiona, "Autismus ist ein Spektrum, aber eigentlich ist es eine Reihe von Zuständen, die alle zusammen auftreten. Ich bevorzuge den Begriff neuro-atypisch. Mein Gehirn ist anders als Ihre." Atypisch, a-t. Fiona schaut Watson an: "Sie sind a-t." Sie schaut Holmes an: "Was Sie sind, weiß ich nicht."

Weiter in die Radikalität

Der Autist als Kriminalermittler ist ein reizvolles Element, das aber auch dazu verführt, es sich einfach zu machen und ins Klischee zu verfallen: Das sozial dysfunktionale Genie, das nicht nur den eigenen Kopf mit unbestechlicher und unerschütterlicher Rationalität regiert, sondern auch für seine Umwelt und für uns als Zuschauer die zunehmend unübersichtliche Welt auf verblüffende und unterhaltsame Weise in überschaubare Portionen aufteilt – das hat etwas von einem Zaubertrick. Wer schaut nicht gerne einem Magier zu, der noch dazu nicht einfach nur der Unterhaltung dient, sondern darüber hinaus in der Lage ist, die Bösen zu entlarven und Verbrechen aufzuklären?

In der dänisch-schwedischen Co-Produktion Die Brücke ist es die schwedische Kommissarin Saga Norén, die das Asperger-Syndrom hat und die gemeinsam mit ihrem dänischen Kollegen Martin Rohde einen verwickelten Mordfall lösen muss. Sagas Autismus schlägt sich nieder in Kälte, Unerbittlichkeit, Selbstdisziplin. Die Kollegen tuscheln. "Weiß er, dass unsere Saga... speziell ist?", fragt einer. An der Saga-Figur ist nichts komisch, nicht freiwillig, nicht unfreiwillig. Die Hilflosigkeit eines Sherlock Holmes dagegen in der zwischenmenschlichen Kommunikation ist in der Sherlock-Reihe immer wieder dafür gut, komische Momente zu erzeugen. Man denke nur an die Hochzeitsrede anlässlich von Watsons Hochzeit in der dritten Staffel, in der jegliche Abweichung von seinem zuvor gezimmerten Rede- und Ablaufgerüst für einen Beinahe-Zusammenbruch sorgt.

Die Sherlock-Reihe dokumentiert in jeder einzelnen Folge, dass ihre Macher von hoher Intelligenz sind. Sie wissen, was sie tun; sie wissen, wie weit sie gehen dürfen oder sogar müssen. Und sie müssen gespürt haben, dass sie die Reihe nach der unter den Fans durchaus heftig diskutierten dritten Staffel nur in zwei Richtungen weiterführen konnten: Zurück ganz zum Anfang, zu den Basics. Das wäre die konservative, sichere Nummer gewesen. Oder weiter in die Radikalität, in ein Szenario hinein, das perfektes Logikvermögen und soziale Isolation gleichzeitig nicht nur vorzeigt, sondern auch in der Form umsetzt. Die Drehbuchautoren Steven Moffat und Mark Gatiss haben sich für Letzteres entschieden, mit der Konsequenz, dass zumindest der zweite Teil, Der lügende Detektiv betitelt, nahezu unanschaubar ist.