Aber zack-zack – Seite 1

Der Kieler Tatort: Borowski und das Fest des Nordens (NDR-Redaktion: Sabine Holtgreve) ist der letzte vor der Sommerpause, also der Zeit, in der auch sonntags um 20.15 Uhr nur Tatort-Wiederholungen laufen. Dabei ist der Film schon lange fertig – die beiden danach gedrehten Kieler Abenteuer Borowski und das verlorene Mädchen und Borowski und das dunkle Netz haben sich durch Aktualität vorgedrängelt. Das ist aus dem Presseheft zu erfahren.

In diesem findet sich auch – und deshalb die Erwähnung – eine Würdigung der Folge, ein "Gast-Beitrag des Kritikers, Genrefilmexperten und Regisseurs Dominik Graf", wie es titelstolz heißt. Redaktionell ist das eine hübsche Idee und marketingtechnisch ein kluger Zug: Denn Dominik Graf ist ja – und keineswegs zu Unrecht – eine hochgeschätzte Figur als Filmemacher wie als Filmerklärer. Weshalb das Kalkül des NDR durchaus darin bestehen dürfte, dass Kritiker, die nach dem Anschauen des Films vielleicht etwas unschlüssig sind, sich ihre Zweifel von Grafs Schwärmen abnehmen lassen.

Dass Graf die Arbeit von Jan Bonny, dem Regisseur von Borowski und das Fest des Nordens, mag, ist kein Geheimnis: Wie Graf hält Bonny nichts von der Mechanik standardisierter Drehbücher, die sich mit klassischem Verdächtigen-Ballett praktisch von selbst erzählen – Kommissar hierhin, Kommissar dahin und "ihre Frau hat uns gerade aber was ganz anderes gesagt". Viel lieber matscht er mit dem Öl rum, malt versonnen Schlieren auf Fensterscheiben, will es dreckig und verletzt, dramatisch groß und existenziell verzweifelt. Sterbende Männer, "verglimmendes Testosteron", wie Graf schreibt und gleich hintendran: "Wundervoll."

Das letzte Zucken eines Gescheitertseins

Es gibt – Deutschland ist ein kleines Filmland – Überschneidungen zwischen den Filmografien. 2011 hat Bonny im Münchner Lars-Eidinger-Polizeiruf: Der Tod macht Engel aus uns allen ein Buch des – wenn man das so sagen darf, ohne despektierlich zu sein – Graf-Autors Günter Schütter verfilmt. In Kiel ist es nun eines des – wenn man das so sagen darf, ohne despektierlich zu sein – Graf-Autors Markus Busch (nach einer Vorlage von Henning Mankell in Bearbeitung von Nils Willbrandt), der zuletzt den gerade ausgestrahlten Am Abend aller Tage geschrieben hat.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Und Mišel Matičević ist natürlich ein – wir haben es gleich geschafft – Graf-Schauspieler, wie er im Buche steht. Dessen viriles Draufgängertum korrigiert Bonny allerdings von Beginn an nach unten, wenn Roman Eggers (so heißt er) auf einem Kinderbett Platz nimmt und dort nicht mal was verloren hat. Seine Ex-Frau (Franziska Hartmann) schmeißt ihn in einem beeindruckenden Schreianfall gleich wieder raus. Wir sehen also einem gebrochenen Mann zu, der keinen Wohnsitz mehr hat, kein Geld und keine Bindungen. Seine Gewalt resultiert aus Schwäche, die Morde, Totschläge, die er begeht, sind das letzte Zucken eines Gescheitertseins, der Abwehrkampf eines nicht gelingenden Lebens.

Man kann sich mit diesen schweren, wehmütigen Männlichkeitsfeuilletismen noch stundenlang betäuben, so wie Männer, die tief ins Glas schauen, wenn sie ihre Probleme sehen wollen. Wenn man allein drauf achtet, wie sehr Bonny die Horizontale mag, wie oft da aufm Boden rumgelegen wird, mal allein, mal umklammert, aber nie so friedlich embryonal wie John Lennon auf dem berühmten Bild mit Yoko Ono, weil diese Form der Unschuldssehnsucht den Männern hier unmöglich ist, da lässt sich schon einiges an Motivik erkennen. Oder wie Roman Eggers unter der Dusche ansatzlos zusammenschlafft ohne Fremdeinwirkung, wohingegen Boros (Axel Milberg) kurzer Macker-Rausch auf der Kieler Woche durch die Vertikale angezeigt wird – er nimmt die beflirtete Kellnerin schließlich auf die Schultern.

Keine Bombe mehr wegen Erschlaffung

Der Phallus kommt zum Liegen – Über Figurationen des Männerkörpers bei Jan Bonny würde vielleicht keinen Sonderforschungsbereich rechtfertigen, eine Masterarbeit durchaus. Aber, aber: Die Figuren und Konflikte bleiben großformatig, schattenristhaft. "Archetypisch", wie Bonny selbst wiederum im Presseheft sagt. Man merkt dem Tatort an, dass seine Macher viele Filme gesehen haben, dass es um die Modulation eines Gefühls geht, das zeitlos ist (deshalb konnte der schon vor zwei Jahren produzierte Film ja auch immer wieder geschoben werden): das alte Spiel zwischen Jäger und Gejagtem, die sich in Wahrheit ähnlich sind.

Dabei fällt das Jagen allerdings aus, Borowski, scheint's, will gar nicht richtig ermitteln, die ganze Arbeit bleibt an Sarah Brandt (Sibel Kekilli) hängen. Und es ist auch ein wenig bezeichnend, dass diese Arbeit vom Film nicht gezeigt wird, also wie Brandt aus Hinweisen auf sechs, sieben verschiedene Personen den gemeinsamen Bezugspunkt Eggers rausdröselt. Stattdessen: Testosteronverglimmen, Männergewanke.

Dass Gut und Böse sich ineinander spiegeln, ist die zentrale Idee des Films. Sie hat ihre Momente, wenn Boro weiß, dass Eggers, obwohl er Sprengstoff gehortet hat einst, keine Bombe mehr bauen wird aus Erschlaffung, Brandt aber noch Gefahr im Verzug wittert. Doch sie bleibt allgemein, fast ein bisschen Herbert-Reinecker-haft (bei Derrick ging es ja immer darum, sich in die großen, existenziellen Dinge zu flüchten, damit von persönlicher und konkreter Schuld nicht geredet werde muss).

Sinn für den Kieler Klinker

Ich würde also bezweifeln, dass sich Borowski und das Fest des Nordens so markant in die Geschichte des Tatort einreiht, wie Dominik Graf das in seinem Text suggeriert. Bonny ist ein interessanter Filmemacher, er hat, unter anderem, einen Sinn für Orte, für den westdeutschen Beton und den Kieler Klinker. Aber die Arbeit mit der Handkamera (Jakob Beurle), das notgedrungene Schneiden ins Bild (Andreas Menn) wirken auch routiniert: Man sieht in diesem Tatort viele Rücken.

In Erinnerung bleiben wird die Folge, weil sie die letzte mit Sibel Kekilli ist. Das bedeutet einen großen Verlust, denn Brandt, die hier leider auch runtergezogen wird von der Lebensschwere, die alle befällt (in ihrem Fall wird das mit einem neuen Medikament gegen die Epilepsie erklärt, auf die bei ihren ersten Auftritten häufiger angespielt wurde). Dabei war die Kommissarin in ihrer Dynamik und Keckheit, der Technikbeherrschung und dem aufs Tempogedrücke ein herrliches Antidot zu schweren, grüblerischen Männersorgen. Es ist also fast ein wenig ironisch, dass sie aus dem Kieler Tatort ausgerechnet mit dieser Folge scheidet – was seinen Ausdruck in ständiger gereizter Kabbelei mit Boro findet.

In einem kann man freilich Dominik Graf beipflichten: "Am Ende fließt der Fluss der Erzählung sozusagen ins Meer, in die Kieler Bucht. Tiefe Trauer. Die Tatort-Musik klingt dazu völlig deplaziert." Was nicht gegen die Abspannmusik gerichtet ist, sondern nur vorführt, wie sehr einen die Stimmung von Borowski und das Fest des Nordens dann doch kriegt. Die verdankt sich zu einem großen Teil der Filmmusik von Antonio de Luca, Caroline Kox und Lukas Croon, die immer wieder in diesen Film hineinregnet in kurzen, heftigen Strömen.