Manchmal stößt auch die mächtigste Superkraft an ihre Grenzen – immer dann, wenn sie sich an der Realität messen muss. Um die halbe Erde ist die unbesiegbare Amazonenprinzessin in Wonder Woman gereist, um dem schlimmsten Superschurken von allen das Handwerk zu legen. Sie will Ares, den Gott des Krieges, vernichten, um die Menschheit von den Gemetzeln zu erlösen, die den Erdball verheeren. Nun befindet sie sich an der deutsch-französischen Front des Jahres 1917. Vor ihr steht ihr Gegner, von dem die Mythen des Amazonenvolks seit Äonen berichten: In dem deutschen General Erich Ludendorff, der die Menschen mit Bomben und Giftgas in Massen ermordet, glaubt sie Ares erkannt zu haben. Es kommt zu einem dramatischen Duell Mann gegen Frau, das die Prinzessin mit Kampfkunst, überirdischen Kräften und nicht zuletzt ihrem magischen Lasso gewinnt. Der Gott des Krieges ist tot. Aber: Es ändert sich nichts. Die Gefechte gehen weiter. Die Männer auf dem Schlachtfeld töten und sterben noch immer.

Das ist vielleicht die tollste Stelle in diesem generell tollen neuen Blockbuster-Film des Superhelden-Verlags DC. Der Blick des Betrachters entfernt sich plötzlich aus dem Getümmel und wendet sich der erschöpften und verwunderten Wunderprinzessin zu. Sie hat alles getan, was sie tun konnte, aber am Ende ihres Kampfes versteht sie plötzlich, dass sie mit mythischen Kräften alleine nichts ausrichten wird. Die Kämpfe dieser Welt folgen keinen mythischen Mustern. Der Wille zum Krieg steckt in jedem einzelnen Menschen und ist keine göttliche Verzerrung des Geistes, die gute Menschen in böse verwandelte. Was also tun? Die Prinzessin könnte jetzt zynisch werden und die gesamte Erde vernichten. Stattdessen entscheidet sie sich, die Gründe für ihren Irrtum verstehen zu wollen und sich in die Menschen einzufühlen, die einfach nicht aufhören wollen, einander zu hassen. Gibt es vielleicht eine andere Möglichkeit, sie zum friedlichen Miteinander zu bekehren?

Wie kein anderes Werk der Gattung in den vergangenen Jahren stellt Wonder Woman von Patty Jenkins und Allan Heinberg wichtige weltanschauliche Grundlagen des Superheldenwesens in kluger und kurzweiliger Weise in Frage und sieht dabei auch noch hervorragend aus. Das ist auch Gal Gadot zu danken, die sich als Amazonenprinzessin Diana alias Wonder Woman mit Souveränität und schlau zweifelnder Naivität, mit hoher Körperbeherrschung und intelligenter Unsicherheit angesichts einer unbegreiflich irrsinnigen Welt in das Getümmel stürzt. Vor allem aber gelingt es der Regisseurin Jenkins und ihrem Drehbuchautor Heinberg, den befremdeten Blick der weiblichen Heldin auf die männliche Welt ohne Parodie und Albernheit zu inszenieren und damit eine Art feministischen – oder sagen wir wenigstens: männlichkeitskritischen – Gegenentwurf zu den Superhelden-Filmen der vergangenen Jahre zu  schaffen.

Dass Superhelden an die Grenzen ihrer Kraft stoßen und sich mit der eigenen Ohnmacht abfinden müssen, gehört ja schon länger zu den Konventionen der Gattung. Freilich führte diese Einsicht bislang bloß zu Selbstmitleid und Zynismus: Seit Frank Miller 1987 in dem Comic Die Rückkehr des Dunklen Ritters seinen Batman als desillusionierten Rächer relaunchte, der ebenso korrupt geworden war wie die ihn umgebenden Verhältnisse, werden die Superhelden-Comics und -Filme von verbitterten Männern bevölkert, die sich nicht mehr als Beschützer, sondern als Außenseiter der Gesellschaft betrachten – und aus dieser Selbsteinschätzung als Opfer die Berechtigung zu aggressivem Verhalten gegen sich und andere ziehen. Auch Wonder Woman hätte allen Grund dazu, sich als ohnmächtiges Opfer fühlen. Doch reagiert sie auf diesen Zustand mit noch einmal gesteigerter Empathie. Sie hört einfach nicht auf mit den Versuchen, die sie umgebende Welt zu verstehen.

In der Legion der Superhelden gehört Wonder Woman zu den am wenigsten bekannten Figuren – dabei ist sie eine der ältesten Vertreterinnen der Gattung. Anfang der 1940er-Jahre war sie unter den sonst männlichen Helden die erste und stilprägendste Frau. Superman und Batman waren gerade zu den Nationalhelden der US-amerikanischen Comic-Kultur aufgestiegen, als die Amazonenprinzession Diana 1941 in der Reihe All Star Comics debütierte. Anders als ihre Kollegen wurde sie nicht von gerade erwachsen gewordenen männlichen Autoren und Zeichnern erschaffen, die in den kostümierten Helden ihre eigenen Ohnmachtsgefühle und Omnipotenzfantasien spiegelten – sondern von dem damals schon fast 50-jährigen Psychologen William Moulton Marston, der unter anderem als Erfinder des Lügendetektors in die Geschichte seines Fachs eingegangen ist. Er gestaltete Wonder Woman bewusst nach allerlei psychologischen Studien und Publikumsbefragungen als weiblichen Gegenpol zu den männlichen Helden. Er wollte mit ihr jungen Leserinnen ein vergleichbar kraftvolles Vorbild stiften und nicht zuletzt auch das junge Medium der Comic-Hefte von seiner damals exklusiven Fixierung auf die Zielgruppe pubertierender männlicher Leser befreien.