Das Rot der Autos, die vor dem Fenster des Bordells vorbeifahren; das Rot der Rosen, die der lüsterne Hausfreund der jungen Séverine (Catherine Deneuve mit 23 Jahren) geschickt hat; vor allem aber das Rot des Kostüms, das diese Séverine in der berühmten Eröffnungsszene trägt. Da sitzt sie in einer offenen Kutsche, bis ihr Ehemann sie von den Kutschern herausschleifen und auspeitschen lässt. Der Farbe Rot hat der Filmemacher Luis Buñuel eine wesentliche Funktion in seinem Film Belle de Jour gegeben, das spürt man, selbst wenn man nicht psychologisieren mag, weil Buñuel sich das Psychologisieren bei seinen Filmen ja verbat. Er und sein Kameramann Sacha Vierny, der zuvor unter anderem für Alain Resnais Hiroshima, mon amour und Letztes Jahr in Marienbad so fabelhaft in schwarz-weiß fotografiert hatte, sie beide waren erst spät zum Farbfilm gekommen. Und nun, 1967, benutzten sie Rot so, dass es in den ursprünglichen Vorführungen nur so von der Leinwand heruntergeleuchtet haben muss: Rot wie die Sünde, Rot wie die Macht, Rot in jedem Fall als heftiger optischer Reiz in den sexuellen Tagträumen der Séverine, ausgedacht und in Szene gesetzt von Männern.

Umso schockierender ist es jetzt, wenn man dieses Rot fünf Jahrzehnte später in einer anderen, viel kräftigeren Nuance neu erstrahlen sieht. Das Kostüm von Yves Saint Laurent, das Catherine Deneuve in der ersten Szene trägt, ist seinen gedeckten Ton losgeworden, den er noch auf dem Originalmaterial Eastmancolor hatte, auf dem der Film gedreht wurde. Jetzt sind Kleid und Jacke geradezu Scharlachrot, und die Zweierreihen Goldknöpfe glitzern in der Sonne, die sacht durch die Bäume bricht. Color Grading geschieht heute per Software und macht, dass Belle de Jour, obwohl erst vor ein paar Jahren für eine DVD-Neuauflage restauriert, noch einmal farblich wie soundtechnisch überarbeitet wurde und nun digital, in 4K-Auflösung und mit neuer Mono-Tonabmischung noch einmal ins Kino kommt. Vom 20. Juli an in einem Filmtheater Ihres Vertrauens. Zwei Wochen später, am 3. August, folgt dann Die Reifeprüfung von Mike Nichols, ebenfalls im Jahr 1967 erstmals ins Kino gekommen, nun ebenfalls frisch audiovisuell saniert.

Ist das jetzt die nachgeholte endgültige Befreiung des Kinofilms von allen Einschränkungen früherer Analogtechnik? Oder ein Frevel am Original? Ein weiterer Versuch, aus alten Meisterwerken noch ein paar mehr Euro herauszuholen, als man mit BluRays für Home-Cinema-Besitzer und mit DVDs in Luxusschubern schon erreicht hat? Oder nur der nächste Gesprächsstoff für cinephil tuende Großstädter mit Vintage-Tick, die sich damit abends in der Bar durch ihre komplizierten Vollbärte hindurch zuraunen können: "Ins Kino gehen, Dicker, ist das neue Livekonzerterlebnis"?

Vermutlich ist es von all dem etwas, aber auch und zuvorderst: tatsächlich eine große Freude, wenn man dann im Kinosessel sitzt und einen Film, den man wie Die Reifeprüfung über Netflix auch jederzeit zu Hause auf seinem Laptop streamen könnte, zum ersten Mal auf einer großen Leinwand sieht. Die Farb- und Tonversion entspricht zwar nicht mehr dem Original, aber womöglich – die These sei gewagt – dem, was sich der Regisseur gewünscht hätte, wenn er vor 50 Jahren schon mit heute modernen Mitteln hätten drehen können. Mike Nichols etwa, der vor zweieinhalb Jahren gestorben ist, hat laut der verantwortlichen Filmfirma Studiocanal vor seinem Tod noch die digitale Überarbeitung von Die Reifeprüfung abgenommen. Buñuel war dafür im Fall von Belle de Jour schon ein bisschen zu lange tot, es sind bald 34 Jahre.

Anders als bei Director's Cuts geht es in diesen Fällen nicht darum, dass ein Regisseur sein Werk gegen oft drastisch geänderte Schnittfassungen des Studios verteidigen und die von ihm eigentlich angestrebte Form zeigen will. Anders auch als bei Rekonstruktionen wie etwa zuletzt der von Metropolis wird hier auch nicht nachträglich eine historische, gleichsam vollständigere Komplettversion wiederhergestellt. Nein, Belle de Jour und Die Reifeprüfung kommen in exakt dem Schnitt wieder in die Kinos, in dem sie ursprünglich dort mal liefen. Die Bilder eines Jesus-Gemälde, die Buñuel vor 50 Jahren den Zensoren zuliebe wegließ, als er – verstörend genug – Deneuve in einen Sarg bettete, wurden auch jetzt nicht etwa hinzugefügt. Beiden Filmen wurde lediglich digitaler Glanz verliehen.

Schärfer und detaillierter bis in die Hautporen des Hauptdarstellers

Der Effekt ist dennoch erheblich. Etwa auch bei der Einstiegsszene von Die Reifeprüfung, in der Nichols seinen monumentalfilmerfahrenen Kameramann Robert Surtees das Gesicht des jungen Dustin Hoffman in allergrößter Großaufnahme fürs Breitwandformat filmen ließ: Die Körnung des ursprünglichen Analogmaterials Technicolor ist immer noch da, doch das Bild erscheint wesentlich schärfer und detaillierter, bis in die Hautporen des Hauptdarstellers hinein. Und die folgende Kamerafahrt, die dem verloren im Flughafenterminal auf einem Laufband stehenden Hoffman folgt, wirkt weicher, ruckelfreier als im Original.

Das sind im Zweifel alles Effekte, die man mit Nachbearbeitungssoftware heute leicht hinbekommt. Sie nehmen dem Original nichts weg. Sie optimieren es lediglich auf zeitgenössische Sehgewohnheiten hin. Genauer: Die Effekte holen aus dem Material heraus, was mit heutiger Technik rauszuholen ist. Das wiederum ist selbstverständlich ein Zeichen der Zeit: Statt das gute Alte einfach so zu lassen, wie es ist, müssen wir es noch besser machen, zumindest dem Anschein nach.

Wenn dann die letzte Szene von Die Reifeprüfung gelaufen ist und die Abblende kommt, nachdem man Dustin Hoffman, den Brautentführer, neben Katherine Ross hinten im Bus Richtung einer ungewissen Zukunft hat sitzen sehen, erst triumphal lächelnd, schließlich seltsam ausdruckslos, tritt man doch sehr glücklich hinaus ins Kinofoyer. Man sieht dort die Ankündigungsplakate für all die Sommerblockbuster hängen und kann sentimental werden: Warum sollte man die Vergangenheit nicht auf 4096 x 2160 Pixel hochrechnen, wenn die Gegenwart wirklich nicht selbst mehr zu bieten hat als hochaufgelöste Bilder.