Es wimmelt und schwirrt und krabbelt und fliegt; überall grünt, blüht und wuchert es; alles ist in Bewegung in diesem farbigen Universum, bevölkert von einer unaufhörlich sich multiplizierenden Vielfalt an Wesen und Formen. Die schönsten und fantasievollsten Bilder, die man seit Langem in einem Science-Fiction-Film zu sehen bekommen hat, schenkt uns jetzt Luc Besson in Valerian: Ein psychedelisches Prachtwerk ist ihm gelungen, eine Feier des Ornaments und der Mannigfaltigkeiten. Das Weltall ist hier kein Ort der Leere und Schwärze, einen Horror Vacui findet man nicht. Das Weltall ist vielmehr ein grenzenloser Raum unendlicher Möglichkeiten, keine Sphäre der Beklemmung, sondern eine Sphäre der Freiheit. 

Das ist toll! Ob so ein Film in unsere verzagte Zeit passt, muss sich freilich zeigen. Die literarische Vorlage für Valerian ist fünf Jahrzehnte alt. Es handelt sich um die 1967 begonnene Comic-Serie Valerian und Veronique von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin. Darin erleben zwei Raum-Zeit-Agenten im 28. Jahrhundert unglaubliche Abenteuer auf fernen Planeten. Sie lernen die erstaunlichsten Lebewesen und Gemeinschaftsformen kennen und kämpfen für Freiheit und Demokratie und gegen patriarchale Strukturen. Sie helfen geknechteten Alien-Völkern bei der politischen Emanzipation und schützen bedrohte Ökosysteme vor dem rücksichtslosen Raubbau durch interplanetare Kapitalisten.

Die Comics waren – darin besteht ihre historische Bedeutung – von Karl Marx ebenso geprägt wie von LSD. Aus den Geschichten, die der Journalistikprofessor Pierre Christin verfasste, sprach die Agenda des Pariser Mai '68. In den verspielten, hoch ornamentalen, von weichen Konturen und flüssigen Formen bestimmten Zeichnungen von Jean-Claude Mézières spiegelte sich hingegen der psychedelische Zweig der 68er-Bewegung. Die im richtigen Leben keineswegs immer friedlich verschwisterten Avantgarden der Revolution und der Introspektion fanden sich bei Valerian und Veronique glücklich versöhnt. Und während die prägenden Science-Fiction-Autoren der späten sechziger Jahre – von Philip K. Dick bis Michael Moorcock – sich aus dem Weltall in den eigenen inner space zurückzogen, spiegelte sich bei Christin und Mézières stets das Große im Kleinen, das Weltall im einzelnen Menschen.

Diese vielfältige Verfugung von innen und außen, von Weltraum-Oper und psychedelischem Trip hat Luc Besson in seinem Film kongenial umgesetzt. Er habe, sagt er, die Comics schon als Kind gelesen und zeit seiner Karriere als Regisseur darauf gewartet, dass die Technik endlich soweit ausgereift ist, um sie adäquat auf die Leinwand zu bringen.

Die Ästhetik ist ebenso artifiziell wie realistisch. In ruhigen Kamerafahrten schweben wir zu Beginn zum Beispiel über die paradiesische Welt Mül, auf der androgyne Wesen ein harmonisches Leben führen, bis ein abstürzendes Megaraumschiff der Menschheit den Planeten zerstört. Wir sehen in hyperrealistischem 3D, wie handtellergroße Gürteltierwesen, die von den Mül-Bewohner mit Perlen gefüttert werden, das Hundertfache an Perlen wieder ausscheiden. Wir begleiten die letzten Überlebenden von Mül bei dem Versuch, eine neue Lebenswelt für sich zu finden.

Dabei bekommen sie Hilfe von Valerian und seiner Partnerin, die in diesem Film nicht – wie in der deutschen Ausgabe des Comics – Veronique heißt, sondern – wie im französischen Original – Laureline. Verwirrend, aber sei's drum. Valerian und Laureline sind ein eingespieltes Team, aber kein Liebespaar, auch wenn Valerian das gerne hätte. Aber um sich ihm und seinen Macho-Avancen hinzugeben, ist Laureline zu souverän und zu stolz. Auch das war übrigens eine historische Leistung von Christin und Mézières: Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte der von männlichen Helden (Tintin, Spirou, Asterix, Lucky Luke…) beherrschten frankobelgischen Comic-Tradition ließen sie eine souveräne weibliche Heldin die Bühne betreten, die ihrem männlichen Pendant nicht nur in Fragen der Empathie überlegen war, sondern auch intellektuell und kampftechnisch.