Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne Hildegard von Binge besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats, empfehlen unsere persönlichen Lieblingsserien und sagen, was Sie sich sparen können.

"Marvel's The Defenders"

Bei all den Kartellen, Mafiosi und märchenhaften Schurken, die sich in New York rumtreiben, muss man sich um die Stadt wohl keine Sorgen machen. Denn – das kosmische Gleichgewicht will es so – die Konzentration an Superhelden ist entsprechend hoch. Wenn das Böse zu mächtig wird, kämpfen die sonst eher egozentrisch veranlagten Gutbürger auch mal gemeinsam dagegen an, wie in der Netflix-Serie Marvel's The Defenders.

Es ist eine illustre Gesellschaft, die sich da zusammenrauft, genauer gesagt besteht sie aus den Superhelden der vier Netflix-Einzelserien: der fluchenden Pegeltrinkerin Jessica Jones, dem kugelsicheren Luke Cage aus Harlem, dem blinden Anwalt Daredevil und dem superreichen Danny Rand aus Manhattan, der wohl nur aus einem Grund kein Schnösel ist: Er wuchs in einem Kloster in einer Art Parallelwelt auf, in der er zu Iron Fist wurde. Die Biografien der Heldinnen sind so unterschiedlich wie die Stadtteile New Yorks, weshalb die Vier nicht nur gegen die mysteriöse Organisation Die Hand ankämpfen, wie es Iron Fist schon in der gleichnamigen Serie tat, sondern auch gegen sich selbst.

Wenn Iron Fist und Luke Cage sich nach einer Schlägerei das erste Mal gegenübertreten und wie Kinder darüber streiten, wer angefangen hat, kommen beim Zuschauer längst vergessene Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Gefühle auf. Die eigentliche Schlacht gegen die Erzfeindin Alexandra Reid (Sigourney Weaver) und ihre von den Toten erweckte Waffe ist glücklicherweise auch noch spannend. Und selbst wenn man nicht jeden Sidekick und jede Bemerkung zuordnen kann, muss man die vier Einzelserien nicht gesehen haben, um Spaß an Marvel's The Defenders zu haben. Die Vier müssen sich ja auch erst kennenlernen. (Alexander Krex)

Die acht Folgen von "Marvel's The Defenders" laufen auf Netflix.



"Catastrophe"

Wie man gute und erfolgreiche Beziehungskomödien macht, sieht man gerade in Großbritannien: Catastrophe, eine Geschichte um zwei Singles, die nach einem One-Night-Stand plötzlich zu Eltern werden, geht bei Channel 4 schon in die dritte Staffel. Jetzt ist sie endlich auch in Deutschland abrufbar.

Die Londonerin Sharon (Sharon Horgan) verbringt eine Nacht mit ihrer Zufallsbekanntschaft, dem Amerikaner Rob (Rob Delaney). Als sie danach schwanger ist, zieht Rob kurzentschlossen zu ihr. Wie aus zwei Fremden ein Paar wird, und das ohne den sonst üblichen Romanzenkram, ist das Bestechende an dieser Serie. Sharon und Rob gehen absolut rücksichtslos miteinander um, und gerade dadurch wird ihre Beziehung eben nicht zu der Katastrophe, die alle Verwandte und Freunde prophezeit haben.

Catastrophe lebt von seiner absolut schmerzfreien Hauptdarstellerin Sharon Hogan, die Dinge ausspricht, die sich viele noch nicht mal zu denken trauen. Glücklicherweise gerät die Serie nie zum Slapstick, sondern verhandelt durchaus ernst gemeint die Frage, wie ehrlich man seinem Partner gegenüber sein darf und muss. Und wenn Rob seine Freundin im Telefon am Ende immer noch unter "Sharon Sex London" gespeichert hat, ist das doch eigentlich wahnsinnig romantisch. (Carolin Ströbele)

"Catastrophe" läuft auf Amazon Prime. 

"I'm sorry"

Komiker, die ihren Alltag komödiantisch überhöhen und an die Grenzen von Schmerz und Peinlichkeit gehen: Mit diesem Konzept wurden vor 20 Jahren Larry David und Jerry Seinfeld berühmt. Nun haben sie eine würdige Nachfolgerin gefunden: Andrea Savage spielt in der Miniserie I'm sorry eine Comedienne und Mutter, die sich mit ihrer Ehrlichkeit und Offenheit ständig in die unmöglichsten Situationen hineinmanövriert. Gut gemeint geht schnell nach hinten los, wenn sie einer ehemaligen Pornodarstellerin unter den Kindergartenmüttern betont vorurteilsfrei begegnen will oder einen Streit zwischen ihrer Tochter und einem schwarzen Mädchen gleich zur Rassismusfrage aufbauscht. 

Die Mutterrollen, die in L.A. im Umlauf waren, fand Savage nach eigener Aussage viel zu fad und lebensfremd; daher destillierte sie kurzerhand eine wesentlich realistischere aus dem eigenen Alltag. In I'm sorry geht sie entwaffnend offen mit Reizthemen der Political Correctness um, wie Sexismus und Rassismus, Religion und Homosexualität, Regenbogenfamilien und Gesundheitswahn. Mehr noch als Larry David in Curb your Enthusiasm zeigt Savage, wie man sich an der eigenen Toleranz, Aufgeschlossenheit und Liberalität verschlucken kann.

Zum Beispiel wenn man eine Kinderverabredung mit dem Sohn eines lesbischen Paares arrangiert, um dem eigenen Kind das Besondere als ganz normal zu präsentieren, sich dann aber herausstellt, dass das Elternpaar so unsympathisch ist, dass man sich unter anderen Umständen niemals mit ihm treffen würde. Wenn sich aus dem im Grunde harmlosen Musical Sound of Music eine komplizierte Diskussion über Nazis ergibt. Oder wenn man den Weg für das Coming-out des Bruders ebnet, der dann aber doch heterosexuell ist. Wie Savage in knackigen 25-Minuten-Folgen unschuldige Leichtigkeit mit offensiver Derbheit kollidieren lässt, ist absolut sehenswert. (Anke Sterneborg)

"I'm sorry" läuft jeweils in Doppelfolgen donnerstags ab 21.25 Uhr auf TNT Comedy. Streamen kann man die zehn Folgen auf Amazon Prime, iTunes, Google Play, Sky Ticket und Sky Go.