Am Tag des Mauerfalls hat sich die Spur der Romanfigur Karl Schmidt im Trubel der Geschichte verloren. 13 Jahre nach der Verfilmung von Sven Regeners Herr Lehmann gibt es jetzt ein Wiedersehen. Gespielt wird Schmidt alias Charly in dem neuen Kinofilm Magical Mystery allerdings nicht mehr von Detlev Buck, sondern von Charly Hübner, und er ist nicht mehr nur Neben-, sondern Hauptfigur. Seine alten alten Kumpels von damals finden Charly zufällig wieder und überreden ihn zu einer Rave-Tour quer durch Deutschland.

Zum Gespräch in Berlin erscheint der Schauspieler in weißem Hemd und dunklem Anzug, hochgewachsen und aufrecht. Den Ballast der Rolle hat Charly Hübner schon wieder abgeworfen. Er sieht definitiv so aus, als habe er im Gegensatz zum Film-Charly sein Leben ziemlich lässig im Griff. 

ZEIT ONLINE: Ein Haufen alter Rock- und Rave-Hippies, die es noch mal wissen wollen. Können Sie sich damit identifizieren?

Charly Hübner: Sicher war ich als Student auch mal raven und habe auch Punk und Metal gehört. Was mich aber an der Figur des Karl Schmidt wirklich berührt hat, war ihre permanente Traurigkeit, dieser Typ, der irgendwann einfach umfällt, weil er zu wenig geschlafen und sich nicht gesund ernährt hat. Danach landet Charly im Ochsenzoll, einer bekannten Hamburger Psychiatrie, und anschließend jahrelang in einer WG mit Ex-Junkies und Ex-Alkis. Alle sagen ihm, er sei nicht ganz richtig, während er selbst das Gefühl hat, mit ihm ist doch alles in Ordnung. Diese Melancholie hat mich interessiert. Und die Frage: Wie bringt man sie mit dem Tempo und dem Humor von Sven Regener zusammen?

ZEIT ONLINE: Wobei das ja genau Ihre Spezialität ist, diese gestandenen, anpackenden Mannsbilder, mit unterschwelligen Moll-Tönen. Schlägt da Ihr eigenes Gemüt durch?

Hübner: Diese Traurigkeit zieht mich immer an; wenn ich merke, dass jemand etwas mit sich herumträgt, während er nach außen etwas anderes darstellen muss. Eine Figur, die immer alles hinkriegt, bringt mein Schauspielerherz nicht so schnell zum Hochtuckern. Gerade habe ich die dritte Staffel der Fernsehserie Fargo angeschaut. Die Kollegin Carrie Coon hat darin als Polizistin Gloria Burgle in den vergangenen fünf Jahren sehr viel ausgehalten: die Tür, die nie aufgeht, den Wasserhahn, der nicht läuft, die Lichtschalter, die nicht funktionieren. Am Ende sitzt sie dem Bösewicht gegenüber, und man spürt in diesem Moment die Stärke, die sie erlangt hat. Sie verströmt in den Pausen einen Reichtum, für den ich mich bei ihr bedanken möchte!

Oder nehmen wir die Kinderfotos meiner Großmutter, die später Bäuerin wurde und dann schwer krank und viel zu früh gestorben ist. Im Kinderfoto liegt so viel Potenzial, so viel mögliches Glück, von dem am Ende des Weges nur ein krebskranker Körper übrig ist. Das Glück, das diese Kinderaugen ausgestrahlt haben, konnte nie gelebt werden. Dieser ureigene Schmerz, den jeder Mensch mit sich herumträgt, löst bei mir eine Melancholie aus, die für mich die Schnittstelle zu den Figuren im Film ist.

ZEIT ONLINE: Im Umgang mit der eigenen Erscheinung wirken Sie ja sehr schmerzfrei, auch hier wieder als Karl Schmidt, mit langen, strähnigen Haaren und einem Körper, der aus dem Leim geht: Eitelkeit kennen Sie gar nicht?

Hübner: Das äußere Erscheinungsbild ergibt sich immer aus dem inneren Erleben. Für die Rolle des Karl Schmidt hatte ich mir nochmal angeschaut, wie Detlev Buck ihn in Herr Lehmann gespielt hat. Mir gefiel die Vorstellung, dass dieser Mann sich von jenem Tag an die Haare nicht mehr geschnitten hat und nur noch Eis und die Margarinebrote im Betreuten Wohnen isst. Er hat sich nicht mehr bewegt, innerlich nicht und äußerlich nicht. Daraus entsteht dann so eine Figurine. Am ersten Drehtag steht man dann allerdings vor dem Spiegel und denkt: Heiliger Strohsack! Aber Eitelkeit? Nein. Die würde mir nur im Weg stehen.

ZEIT ONLINE: Neue Rollen gehen Sie immer mit der Frage an, welchen Sport macht der, was sicher von Ihrer eigenen Sportlerkarriere rührt. Gibt es noch andere Kriterien, die Sie bei Ihren Figuren abklopfen? 

"Putzt sich Charly die Zähne?"

Hübner: Raucher, Nichtraucher? Kaffee, Tee? Vegetarier, Veganer oder Allesesser? Das kommt von dem britischen Filmemacher Mike Leigh, der sich immer mit seinen Schauspielern einzeln trifft, um den Alltag der Figuren durchzusprechen: Was macht Karl Schmidt montags? Wann steht er auf? Putzt er sich die Zähne? So entsteht eine Art Handwerkskasten, ein Rucksack mit Proviant. Beim Polizeiruf 110 haben wir für meinen Rostocker Kommissar Bukow beispielsweise festgelegt, dass er immer nur Fleisch oder Schokoriegel isst, eine Riesenpizza oder einen halben Hahn – richtig unästhetisches Essen. Dann wird klar, dass so ein Junge von seinem Vater ans Boxen herangeführt wird. Also musste ich boxen gehen. Dabei habe ich das schönste Training meines Lebens entdeckt! Morgens runter in den Keller, mit Boxsack und Wand, so entsteht eine enorme Fokussierung.

ZEIT ONLINE: Von Das Leben der Anderen über Bornholmer Straße bis zum Kommissar Bukow haben sich in Ihrer Filmografie eine Menge DDR-Themen angesammelt. Ist das für Sie auch eine persönliche Art der Aufarbeitung, der Klärung?

Hübner: Bewusst suche ich das Thema nicht, da ich persönlich mit der DDR bis zum Mauerfall, als ich 17 war, gar nicht auf Kriegsfuß stand. Bei Das Leben der Anderen ging es mir vor allem darum, Ulrich Mühe kennenzulernen, der mir als Student immer sehr imponiert hat, weil er einen ganz eigenen Weg gegangen war. Dieser Film brachte mich mit dem Thema in Berührung, das natürlich eine Rolle spielte, weil es Teil des Familienkörpers ist: Mein Vater war noch nicht geoutet, eigentlich hatten wir die DDR schon ad acta gelegt, wussten aber auch, dass es etwas gegeben haben musste, über das er nicht reden wollte. Dann starb er, bevor ich mit ihm über seine Stasitätigkeit sprechen konnte. Bei Bornholmer Straße ging es dann darum, den Moment der Maueröffnung zu verstehen, den ich selbst nicht bewusst miterlebt hatte. Im Moment vermisse ich Stoffe über die Zeit nach dem Mauerfall in der ostdeutschen Provinz, wo es auf der einen Seite die Gewinner gab, den Parteisekretär, der als Finanzberater Millionär wurde, und auf der andere Seite die Tristesse, die schon nach drei, vier Jahren einkehrte, wenn die Menschen viel riskiert hatten, ohne dass ihnen die Grundbegriffe des Kapitalismus erklärt worden wären wie Mehrwert, Profit, Zinseszinsen. Und mittendrin eine Jugend, die mit dem Großwerden allein klarkommen musste. Das ist vergleichbar mit der ökonomischen Wende in den Bergarbeiterregionen im Ruhrgebiet oder im Saarland.

Meine erste Rolle war der gruselige Waldschrat in dem Märchen 'Die feuerrote Blume'. Die Kinder haben regelmäßig auf die Stühle gepinkelt.
Charly Hübner

ZEIT ONLINE: Das Schauspielen haben Sie als Jugendlicher im Laientheater entdeckt, wie kam es dazu?

Hübner: Als es mit dem Leistungssport, Handball und Leichtathletik, nicht weiterging, weil mein Herz wachstumsbedingt die Leistungen nicht mehr erbringen konnte. Danach folgte eine Phase niederschmetternder Traurigkeit und Orientierungslosigkeit und schließlich die fixe Idee, Journalist zu werden. Statt mit den Sportlern hing ich in der elften Klasse also mit neuen Leuten rum, die sich mittwochs in der Theaterkantine trafen, Gesellschaft und Wende infrage stellten, und für die Literatur und Reflexion eine Rolle spielte, was zu Hause nicht stattgefunden hatte. Irgendwann gab es eine Aufführung von Die Nacht nach der Abschlussfeier, ein Stück des sowjetischen Autors Wladimir Tendrjakow, am Laientheater der Kreisstadt, in dem einige Mitschüler spielten. Zwei von ihnen waren in ihren Rollen plötzlich völlig anders, als ich sie vom Schulhof kannte. Das hat tiefen Eindruck hinterlassen.

ZEIT ONLINE: Und was hat dieses Anderssein dann in Ihnen ausgelöst, als Sie zum ersten Mal selbst auf der Bühne standen?

Hübner: Meine erste Rolle war der gruselige Waldschrat in dem Märchen Die feuerrote Blume. Die Kinder haben regelmäßig auf die Stühle gepinkelt. Das war für die Aufführung doof, aber ich wusste, dass ich gruselig genug war. Mein größter Wunsch ist bis heute, dass man etwas nachempfindet, das man selbst nicht erlebt.

ZEIT ONLINE: Am Hamburger Schauspielhaus engagierten Sie sich mit Ihren Kollegen für Flüchtlinge. Ist das eine Form der Erdung als Gegenmittel zu den Film- und Bühnenfantasien? 

Hübner: 2015 haben wir unser Haus gegen den Willen der Stadt aufgemacht. Damals musste sehr schnell gehandelt werden, und Karin Beier hat das als Intendantin ohne zu zögern getan, und das ganze Theater zog drei Monate lang mit. Heute ist es allerdings sehr viel komplizierter. Aber es stimmt schon: In einer Welt der Krisen ist dieses Kulturleben, das wir führen, totaler Luxus.