Es ist ein Bild vollkommener Gelassenheit: David Lynch lehnt in einem weißen Freischwinger, raucht und rollt die Finger, als ob er eine unsichtbare Gebetskette in der Hand hielte. Der weise alte Mann des amerikanischen Independentfilms, das soll uns dieses Bild sagen, wird uns gleich etwas Wichtiges mitteilen.

Die Dokumentation David Lynch – The Art Life weckt gleich zwei Versprechen: Einen der rätselhaftesten amerikanischen Filmemacher zu erklären. Und außerdem sein vergleichsweise unbekanntes Werk als bildender Künstler vorzustellen. Do you want to know what I really think? heißt der Titel eines Ölgemäldes, das zu Beginn eingeblendet wird. Es zeigt einen Mann mit Brille und Krawatte, hinter dem ein schwarzer Schatten aufragt. Ja, natürlich wollen seine Fans wissen, was Lynch sich dabei denkt! Unzählige Texte, Bücher, Analysen und Dissertationen haben sich an Lynch abgearbeitet. Haben versucht, seine traum- und alptraumhaften Bilder zu entschlüsseln und seinen Filmen gesellschaftskritische Botschaften überzustülpen. 

Lynch selbst hatte – wie jeder ernstzunehmende Künstler – bislang tunlichst vermieden, sein Werk zu erklären. Ab und zu streute er Journalisten erratische Zitate vor die Füße und machte damit jegliche Interpretationsanstrengungen wieder hinfällig. Inzwischen sind die Kritiker demütig geworden. Die Fortsetzung von Twin Peaks, die gerade im Fernsehen läuft, will selbst die New York Times gar nicht mehr analysieren.

Doch nun ist Lynch 71 Jahre alt und möchte vielleicht selbst gerne ein bisschen auf sein Lebenswerk zurückschauen oder seiner vierjährigen Tochter Lula, der dieser Film gewidmet ist, eine Erklärung hinterlassen. Für The Art Life hat er sein Studio in Los Angeles den drei Filmemachern Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm geöffnet. Angeblich hat es zwölf Jahre gedauert, bis Lynch dazu bereit war.

Das Gemälde, an dem er während der gesamten anderthalb Filmstunden immer wieder arbeiten wird, heißt passenderweise Things I have learned (Dinge, die ich gelernt habe). Es ist schön und fast schon meditativ, Lynch dabei zuzusehen, wie er an diesem Bild werkelt: Mit den Händen trägt er schlammartige Farbe auf, arbeitet dann etwas ein, das wie der klebrige Auswurf eines Aliens aussieht, und bohrt unter einigem Fluchen schließlich Löcher für den aus Draht geformten Schriftzug in die Leinwand, der dem Stück seinen Namen gibt. Ab und zu hüpft die heute fünf Jahre alte Tochter Lula durch das sympathisch-chaotische Atelier.

Lynchs erstes künstlerisches Interesse galt der bildenden Kunst. Schon als kleiner Junge zeichnete er alles, was ihn beschäftigte. Und als er schließlich durch den Vater eines Schulfreundes erfuhr, dass Maler ein richtiger Beruf ist, war ihm sein Weg klar. Lynch richtete sich ein Atelier ein, in dem er jede freie Minute verbrachte. Der besagte Vater des Schulfreunds, der Künstler Bushnell Keeler, nahm ihn unter seine Fittiche, und zum ersten Mal bekam der junge Lynch eine Vorstellung davon, was ein Art Life sein könnte: "Du trinkst den ganzen Tag Kaffee, rauchst und malst. Vielleicht kommen auch mal Mädchen vorbei."

Interessant wird es vor allem, wenn Lynch von seiner Herkunftsfamilie erzählt, die er stets als vorbildlich, liebevoll und absolut intakt beschreibt. Gleichzeitig schwingt in diesem Lob aber auch die Angst mit, den Ansprüchen der Eltern nicht zu genügen. Und tatsächlich hört die bedingungslose Liebe der Eltern zu ihrem ambitionierten Sohn schnell auf, als der junge David rebellisch wird und nicht abends um 11 Uhr zuhause sein will. "Dann bist du nicht länger ein Mitglied dieser Familie", haut ihm der Vater entgegen. Der Sohn ist tief getroffen.

Der Wunsch, es allen recht zu machen, in unterschiedlichen Gesellschaften immer ein anderer sein zu müssen, führt Lynch während seiner Schulzeit fast in eine Persönlichkeitsspaltung. "Ich hatte drei Leben: Meine Freunde, meine Familie, mein Atelier." Die Malerei ist für Lynch eine Flucht aus der für ihn als unerträglich wahrgenommenen Spaltung zwischen den Erwartungen der anderen und seinen eigenen Bedürfnissen. Letztlich, so sagt er, habe er sich immer nur in seiner eigenen Fantasie, in seiner eigenen Welt wohl gefühlt.