David Lynchs Gemälde "The man was shot" © NLP

Seine Bilder spiegeln das wider. Sie zeigen deformierte Körper, einen Kopf, der vom Rumpf getrennt ist, aber von einer Schnur in der Hand des Torso am Wegfliegen gehindert wird. Dass ein Mensch zerrissen ist, sogar mehrere Existenzen haben kann, wird auch das große Topos seiner Filme werden. Wie er überhaupt zum Regisseur wurde? Er sei in seinem kleinen Atelier in der Kunsthochschule vor einem seiner Bilder gesessen, sagt Lynch, als es  plötzlich angefangen habe, sich zu bewegen. "Und ich dachte mir: oh, ein moving picture."

Lynch erzählt das alles in seinem charakteristischen sonoren Schnurrton, rauchend, in einem altmodischen Tonstudio. Und überraschenderweise fragt man sich erst am Ende dieser Dokumentation, ob es nicht doch ein wenig eindimensional ist, wenn man in einem Porträt nur den Porträtierten sprechen lässt.

Er macht das natürlich gut. Das Geschichtenerzählen ist ja sein Metier, und wenn man Lynchs Filme kennt, entdeckt man in seinen Kindheits- und Jugenderinnerungen einige Leitmotive der Filme wieder. Die Riesen und die verwundeten Frauen etwa entspringen einer ganz konkreten, wenn auch merkwürdigen Begegnung in der Kindheit: "Auf den Parkplatz kam auf einmal diese nackte Frau, wie eine Riesin, mit blutendem Mund", erzählt Lynch. "Irgendetwas Schlimmes war mit ihr passiert. Es war sehr mysteriös, eine Erscheinung wie aus dem Jenseits." Auch zu den vorbeifliegenden Mittelstreifen aus dem Thriller Lost Highway gibt es eine Vorgeschichte: Nach seinem ersten Joint habe er plötzlich mitten auf der Autobahn angehalten, sagt Lynch, weil er so hypnotisiert von eben diesen Mittelstreifen gewesen sei.

"Ich wollte nirgendwo in dieser Welt sein, sondern nur in meiner Welt": der junge David Lynch. © NLP

Wenn man etwas über David Lynch erfahren hat nach diesen 128 Minuten, ist es die Tatsache, wie unglaublich manipulativ er ist. Nicht nur in seinen Filmen kann man das erkennen, sondern auch in der Art, wie er sich in diesem Dokumentarfilm selbst darstellt. So erzählt er etwa, wie ihm einst sein Vater – schockiert von den Kadavern und Fäulnisexperimenten, die ihm der Sohn stolz vorgeführt hatte – geraten habe, niemals Kinder in die Welt zu setzen. Das kleine blonde Mädchen, das in seinem Atelier um ihn herumspringt und mit dem er so liebevoll umgeht, soll uns Zuschauern das Gegenteil beweisen.

Lynch inszeniert sich gerne als Eigenbrötler. "Mich macht die Vorstellung nervös, das Haus zu verlassen", sagt er während einer nervösen Fahrt in seinem Auto. Es ist eine der wenigen Szenen, die außerhalb des Ateliers gedreht wurden. Wie aber passt dieses angeblich agoraphobische Verhalten zu Lynchs Wanderpredigerverhalten? 2007 und 2008 reiste er durch Europa, um für die von ihm praktizierte Transzedentale Meditation zu werben. Seit 1973 gehört Lynch der umstrittenene Sekte an, die propagiert, durch Meditation und yogisches Fliegen die Probleme der Welt lösen zu können. Im Film ist keine Rede davon, weder von Lynchs Engagement, noch davon, wie sich dieser Glaube auf sein Leben und seine Arbeit auswirkt.

Die Kunst dient nur als Schnittbild für die Erzählung

Der Film beschränkt sich auf den Abschnitt in Lynchs Leben zwischen Kindheit und seinem ersten kommerziell erfolgreichen Film Eraserhead (1977), einem experimentellen Schwarz-Weiß-Film über einen Vater, der sein deformiertes Baby tötet. Fünf Jahre lang drehte Lynch dafür in den Ställen auf dem Gelände des American Film Institutes – bis heute seine "glücklichste Erfahrung im Filmgeschäft". Lynchs späteres Werk, die Erfolge und die Skandale, die Blue Velvet, Wild at Heart oder Mulholland Drive auslösten, der Ausflug in die Fernsehwelt mit Twin Peaks und der Absturz danach bleiben unerwähnt.

Ein wenig enttäuscht bleibt man auch zurück, weil The Art Life Lynchs künstlerisches Werk eben gerade nicht analysiert, sondern die Gemälde vorwiegend als Schnittbilder für die Erinnerungen verwendet. Und wenn man ehrlich ist, sieht Lynchs Malerei seit Jahrzehnten eben einfach so aus wie das, was sensible, leidende Jugendliche zeichnen: Figuren mit offenen, schreienden Mündern, deformierte Körper, zersprengte Leiber, sich selbst verschlingende Monster. Das heißt nicht, dass man Lynch nicht gerne dabei zusieht, wie er einen bösartigen Grinsekaspar töpfert. Solange er dabei erzählt.

Denn das ist die Erkenntnis, die man aus diesem kleinen Film dann doch mitnimmt: dass Lynchs große Begabung nicht nur darin liegt, surreale Geschichten zu erzählen, sondern wie er es schafft, die Fantasie seiner Zuschauer zu entfachen. Am besten illustriert das eine weitere Geschichte aus seiner Kindheit: "Der Abend, bevor wir wegzogen, war kein fröhlicher Sommerabend. Ich sollte mich von unseren Nachbarn verabschieden. Es gab so ein Rasendreieck zwischen unserem Haus und dem Haus der Smiths. An einer Seite stand ein Baum. Und dann kam Mr. Smith heraus." An dieser Stelle bricht Lynch ab und atmet tief ein. Er stockt. "Ich kann diese Geschichte nicht erzählen", sagt er dann.

Und das ist nur eine kleine Kostprobe, wie David Lynch sein Publikum hinter sich her in den dunklen Keller lockt und dann plötzlich die Tür zuschlägt.