Der Turm steht. Ja, man kann diese Serie durchaus mit dem legendären Turmbau zu Babel vergleichen. Babylon Berlin war von Anfang an ein Superlativ: teuerste deutsche Serie (38 Millionen Euro), erste Kooperation eines öffentlich-rechtlichen Senders (ARD) mit einem privaten (Sky), 180 Drehtage, knapp 300 Drehorte, 5.000 Komparsen, 8.000 Quadratmeter Außenkulissen in Babelsberg. Drei Regisseure, darunter Tom Tykwer (Lola rennt, Das Parfum) sowie ein Starensemble deutscher Schauspieler. Von Anfang an war dieses Projekt aber auch begleitet von der Möglichkeit seines Scheiterns, die Beobachter starrten fasziniert darauf, ob dieses fantastische Konstrukt schließlich doch noch unter seinen Trümmern begraben werden würde.

Zwischenzeitlich wurde die Serie für tot erklärt, bis sich schließlich die ARD Degeto, der Pay-TV-Sender Sky, Tom Tykwers X-Filme und Jan Mojtos Vertriebsfirma Beta Film als Produzenten zusammentaten. Am 28. September hat die am meisten erwartete deutsche Serie nun ihre Premiere gefeiert. Vier Jahre sind seit der ersten Bekanntmachung des Projekts im Oktober 2013 vergangen – eine irrwitzig lange Produktionsphase, gemessen an US-amerikanischen Großprojekten wie Game of Thrones, die jährlich eine neue Staffel herausbringen. Eines war klar. Das Ding muss einschlagen oder es wird ein Desaster.

Das Ding schlägt ein. 16 Folgen werden ab 13. Oktober auf dem Bezahlsender Sky laufen, die ARD darf Ende 2018 senden. Aber, was viel wichtiger ist, Babylon Berlin ist schon jetzt in fast alle europäischen Länder und nach Nordamerika verkauft worden. Und das sind erst die Pay-TV- und Streamingverkäufe.

Großartig ist die Serie aus mehreren Gründen: Die drei Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries haben ein fantastisches Sittengemälde des Berlins der späten Zwanzigerjahre entworfen, das es an Glamour ohne Weiteres mit US-amerikanischen Vorbildern wie etwa Boardwalk Empire aufnehmen kann. Die Handlung ist hoch dynamisch erzählt und vereint sex, crime and history auf angenehm unaufdringliche Weise. Vor allem aber, und das ist das unplanbare Element jedes Kunstwerks, weist die Handlung jetzt, im Herbst 2017, fast schon unheimliche Parallelen zur Gegenwart auf.

Babylon Berlin spielt 1929, in einem Jahr, das exemplarisch für die kurze Blütezeit der jungen deutschen Demokratie steht – und auch für eine kulturelle Hochzeit in Deutschland. 1929 erscheint Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz, Thomas Mann erhält den Nobelpreis für Literatur, in Berlin wird das Stummfilmkino Babylon eröffnet, das es heute noch gibt (und man fragt sich, ob Tykwer, der ehemalige Filmvorführer, mit dem Serientitel dieser Filminstitution seinen Tribut zollen wollte).

Der Held – ein kriegstraumatisierter Morphinist

Die Handlung setzt im Mai ein, kommunistische Steinewerfer und schlagstockschwingende Polizeikräfte liefern sich einen brutalen Straßenkampf auf dem Hermannplatz in Neukölln. Zwischen den Fronten taumelt Gereon Rath (Volker Bruch), die rätselhafte Hauptfigur dieser Geschichte. Der Kommissar aus Köln ist ins Berliner Sittendezernat versetzt worden; warum, weiß man nicht, nur, dass er auf der Suche nach einem kompromittierenden Film ist, auf dem eine bedeutende Persönlichkeit sadomasochistische Praktiken auslebt. Außerdem gibt es einen mysteriösen Zug, der mit Gold gefüllt ist, auf das eine russische Gräfin, eine revolutionäre Gruppe von Stalin-Gegnern sowie eine Verschwörerbande der Reichswehr Anspruch erheben. Und für das alle von ihnen töten werden.

Ein bisschen Philip Marlowe ist schon dabei: Volker Bruch als Kommissar Gereon Rath © Frédéric Batier/X Filme 2017

Vorbild für die Serie sind die historischen Kriminalromane von Volker Kutscher, die Fans wegen ihrer detailgetreuen Schilderung des Berlins der Zwanziger- und Dreißigerjahre verehren. Hier gebürt den drei Regisseuren, die auch gemeinsam das Drehbuch geschrieben haben, bereits das erste Lob: Sie haben die recht konventionelle Krimihandlung aufgebrochen und in eine viel plausiblere Dramaturgie übersetzt. Die Protagonisten sind deutlich düsterer als im Roman. Kommissar Rath ist ein schützengrabentraumatisierter Kriegsrückkehrer, schwerst morphiumabhängig. Seine Romanze mit der Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) beginnt nicht, wie in der Vorlage, als Flirt zwischen Aktenordnern, sondern in der Männertoilette der Polizeidirektion, in der Rath kollabiert ist. Die junge Frau muss dem zuckenden, sich windenden Mann die Ampulle Morphium in den Mund schütten, damit er wieder funktioniert. Der Kommissar verpflichtet Charlotte zum Schweigen über seine Sucht, sie wird ihn verraten.

Es geht hart zu in diesem Berlin, das Tykwer und seine beiden Co-Autoren aufgezogen haben. Über die Straßen wankt eine Armee der Versehrten: Kriegsveteranen, Verkrüppelte, Traumatisierte, Arbeitslose, Hoffnungslose, Drogensüchtige. Die Ärmsten stehlen den Armen ihr letztes Hab und Gut.

An den Turntables der Kulturgeschichte gedreht

Vier Berliner Straßenzüge wurden für die Serie in Babelsberg aufgebaut. © Frédéric Batier/Frédéric Batier / X Filme Creative Pool Entertainment GmbH / Degeto Film GmbH / Beta Film GmbH / Sky Deutschland GmbH 2017

Vom Berlin der Zwanziger ist heute nicht mehr viel zu finden im heutigen Stadtbild. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich viele Schichten gebildet über die Fassaden der Häuser. Die Einschusslöcher, die man Ende der Neunziger noch auf vielen Altbauten sehen konnte, sind inzwischen fast alle verputzt. Und doch gibt es immer wieder Stellen, an denen die Kriegsgeschichte durchblitzt. Und genau das ist die Kunst dieser Serie: Sie legt Berlin wieder frei, Layer für Layer, sie zeigt die Stadt in ihrem Antlitz von vor 100 Jahren, doch nie auf museale Weise. Der nächtliche Bahnhof Friedrichstraße könnte heute genau so aufgenommen werden. Und auch der Blick in die Kreuzberger und Weddinger Hinterhöfe unterscheidet sich kaum von dem, was Berliner heute sehen, wenn sie ihre Fenster öffnen.

 "Wir standen vor der Entscheidung, entweder aus den letzten Resten irgendetwas zusammenzukleistern oder unsere eigene Welt zu kreieren", sagt der Regisseur Henk Handloegten. "Das ist dann eben nicht mehr Berlin 1929, sondern Babylon-Berlin 1929." Dass dieses Berlin auf erstaunliche Weise zeitlos wie zeitgemäß wirkt, dafür ist vor allem der legendäre Szenenbildner Uli Hanisch (Das Parfum, Cloud Atlas) verantwortlich, der in Babelsberg vier verschiedene Stadtteile in einer Straße nachgebaut hat. Tom Tykwers langjähriger Kameramann Frank Griebe und seine beiden Kollegen Philipp Haberlandt und Bernd Fischer fangen das Größenwahnsinnige der Stadt ebenso ein wie die scheinbar unauffälligen Details.

Marlene Dietrich, Lady Gaga und Kraftwerk

Die Macher haben aber nicht einfach ein schickes Zwanzigerjahre-Mashup gebastelt, sie haben virtuos an den Turntables der Kulturgeschichte gedreht. Eine der beeindruckendsten Szenen ist die Schlusssequenz des Pilotfilms, die im Moka Efti spielt, dem legendären Berliner Tanztempel, der hier stark ans Berghain erinnert. Die berauschte Menge tanzt Charleston und ja, es gibt auch Go-go-Tänzerinnen mit Josephine-Baker-Bananengürteln, dennoch wirkt die Masse der Feiernden absolut jetztzeitig. Und wenn die Tanzenden plötzlich ihre Smartphones zücken würden, täte das der Glaubwürdigkeit keinen Abbruch. Als dann die Sängerin Nikoros (Severija Janušauskaitė) die Bühne betritt, eine androgyne Zauberin mit dünnem Schnurrbart, Frack und Chapeau, verschwimmen Gestern und Heute endgültig ineinander. Marlene Dietrich, Lady Gaga und Kraftwerk, Chanson, Schlager und Pop vereinen sich zu einem genialen Soundtrack. Es ist ein rauschhafter Auftakt, der süchtig macht. 

Die neue Lola? Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter in "Babylon Berlin" © Frédéric Batier/X Filme 2017

16 Folgen à 45 Minuten hat Babylon Berlin, die beiden Staffeln werden direkt hintereinander auf Sky gesendet. Interessant ist, dass die Regisseure die Episoden nicht aufgeteilt haben, wie es in US-Serien oft der Fall ist, sondern wirklich für jede Folge gemeinsam verantwortlich zeichnen. Das habe nur deshalb so gut funktioniert, weil sie auch jede einzelne Szene des Drehbuchs gemeinsam verfasst hätten, erzählen Tykwer, Handloegten und von Borries im Interview mit ZEIT ONLINE. "Manchmal wissen wir selbst nicht mal mehr, wer was gedreht hat", sagt von Borries lachend. "Im Extremfall kann man sich das so vorstellen wie das Spiel, bei dem einer den Kopf malt, der Nächste den Hals und so weiter", erklärt Handloegten. "Nur dass ich natürlich wusste, wie der Kopf aussehen würde." Die Schauspieler hätten von diesem System profitiert, weil es ihnen geholfen habe, die verschiedenen Seiten ihres Charakters auszuspielen.

Die erklärte Lieblingsfigur der drei ist unverkennbar Charlotte Ritter, die weibliche Hauptfigur.Liv Lisa Fries leiht dieser jungen Frau ihr Gesicht, sie spielt sie empathisch, abgebrüht und voll unbändiger Lebenslust. Wenn sie mit ihrem grünen Glockenhut durch die Berliner Straßen swingt, muss man unweigerlich an die andere Berliner Heldin denken, die Tom Tykwer vor fast 20 Jahren erschaffen hat, seine Lola. "Charlotte hat etwas absolut Lebensbejahendes, sie verkörpert so viel Hoffnung – darin ist sie ein bisschen vergleichbar mit Lola", gibt Tykwer zu.

Dass die beiden Hauptfiguren mit Fries und Volker Bruch von bisher relativ unverbrauchten Darstellern gespielt werden, tut der Serie gut. Die etablierten Stars glänzen in den Nebenrollen: Matthias Brandt und Thomas Thieme als Chefs der Berliner Polizei, Peter Kurth als zwielichtiger Leiter des Sittendezernats, Mišel Matičević als armenischer Mafiapate und Fritzi Haberlandt als verblühte Kriegswitwe. Allein Lars Eidinger hätte man gewünscht, dass er einmal nicht als psychopathisches Muttersöhnchen besetzt wird.

"Das Gefühl, dass die Demokratie angeschossen ist"

Straßenschlacht zwischen Arbeitern und Polizisten am 1. Mai 1929 am Hermannplatz in Neukölln © Frédéric Batier/X Filme 2017

 Natürlich schafft es auch Babylon Berlin nicht immer, alle Klischees zu umschiffen. Es gibt ein bisschen viel "icke", "watte" und "kiek ma", und das Dreck-Make-up auf den Gesichtern des Proletariats möchte man auch ab und zu mal etwas abwischen. Dennoch hebt sich die Serie wohltuend von anderen deutschen Historiendramen wie Unsere Mütter, unsere Väter ab. Und das hat viel mit dem Zeitraum zu tun, in dem sie spielt: in der filmisch bisher wenig beachteten Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

"Als wir mit der Serie anfingen, spürte man gerade die letzten Wehen der Finanzkrise, zu der es natürlich auch historische Parallelen gibt – den Schwarzen Freitag an der Börse 1929", sagt Achim von Borries. "Und jetzt, da wir fertig sind, merken wir plötzlich, dass so etwas wie die Demokratie an sich oder die Einheit Europas, das westliche Bündnis, plötzlich zur Disposition stehen. Die Fragilität der Weimarer Republik bekommt damit natürlich eine ganz andere Aktualität."

Ein Gefühl der Verunsicherung, damals wie heute

Tykwer spricht eher von einem Gefühl der Bedrohung, das er darstellen wollte. Eine wachsende Beklemmung, die er auch gegenwärtig spüre, ohne sie wirklich definieren zu können. Vielleicht am ehesten so: "Das Gefühl, dass die Demokratie angeschossen ist, dass sie humpelt."

Dieses Gefühl der Verunsicherung, das Tykwer nicht wirklich benennen kann, hat er gut in die Serie übersetzt. Und zwar – und das ist im deutschen Film ein absolutes Alleinstellungsmerkmal – ohne auch nur ein einziges Mal einen SA-Schlägertrupp ins Bild zu rücken. Die Zeichen der Zeit erkennt allein der Zuschauer, aber auch er kann sich nicht auf die bequeme Position des allwissenden Beobachters zurückziehen. Zu undurchsichtig bleiben die einzelnen Charaktere. Man kann nur erahnen, wie es für sie ausgehen wird: für die beiden jüdischen Chefs der Polizei, die kommunistische Armenärztin, den armenischen Mafiachef und die russische Gräfin Sorokina.

"Wir sind jetzt zum allerersten Mal seit dem Untergang der Weimarer Republik wieder in einer vergleichbaren Situation in Deutschland", glaubt Henk Handloegten. "Ein wachsender Anteil aus der Mitteder Bevölkerung ist der Meinung, sich an den bürgerlich-rechten Rand stellen zu müssen."

Ehre für die Soldaten

Natürlich muss man vorsichtig sein mit derlei Vergleichen. Aber es gibt tatsächlich einige Momente in Babylon Berlin, in denen man als Zuschauer zusammenzuckt. Etwa wenn die Reichswehroffiziere für ihre im Ersten Weltkrieg gefallenen Kameraden des Deutschen Heeres "Ehre" einfordern. Und auch die SPD, die derzeit nicht müde wird, von ihrer Oppositionsrolle gegen die Nationalsozialismus zu schwärmen, wird hier eher zwiespältig geschildert.

Wenn man sich die Serie ansieht, beschleicht einen – nicht nur als Berlinerin – das bange Gefühl, dass auch die Stadt, wie sie jetzt ist, nur ein vorübergehender Zustand sein könnte. Eine Phase, die vielleicht rückblickend als eine goldene bezeichnet werden wird. Babylon Berlin macht uns bewusst: Diese Stadt hat auch andere Zeiten gesehen. 

Babylon Berlin läuft ab 13. Oktober jeweils freitags als Doppelfolge um 20.15 Uhr auf Sky 1 und ist parallel auch auf Sky Go, Sky On Demand und Sky Ticket verfügbar.