Die naheliegendste Interpretation erscheint tatsächlich ein bisschen billig, wenn auch durchaus stimmig: Der Film schildert eine Beziehungsallegorie, in der die Frau die Nestbauerin und Bewahrende ist, die mit dem Mann Liebe und Zweisamkeit genießen möchte. Er dagegen ist ihrer schon ein wenig überdrüssig und sucht im unbestimmten Draußen und bei Fremden Inspiration. Und je mehr sie ihn festhalten will, desto mehr verstärkt sie seine Fluchtinstinkte.

Die Kamera bleibt dabei stets klaustrophobisch nah an Lawrence' Mutterfigur, sie zeigt die Dinge aus ihrer Perspektive oder hält auf ihr Gesicht. Zusammengenommen verdichtet sich so das Gefühl von Bedrängung und Konfusion. Anders als im klassischen Gothic Thriller ist das Haus nicht ihr Feind, im Gegenteil, mit seinen plötzlich aufbrechenden Wunden und spät entdeckten Verliesen wird es zu ihrem Verbündeten, wenn nicht zu ihrer zweiten Identität.    

Womit man in der nächsten Schicht der angelegten Bedeutungen wäre: Da kann das "Mutter" auch für "Mutter Erde" stehen, und das Haus ihre Inkarnation sein, die von dem "Mann" und der "Frau", also Adam und Eva im Paradies, misshandelt wird. Deren Söhne streiten sich wie Kain und Abel und Javier Bardems "Er" ist kein geringerer als Gottvater, der männliche Schöpfer, der schafft und zerstört, ohne ökologische Rücksichten zu nehmen.

Zwischendurch: spritziges Charakterdrama

Den hehren Konzepten setzt Aronofsky sowohl in seiner Inszenierung als auch in seiner Schauspielführung eine Bodenhaftung durch Konkretion entgegen: Das Haus mit seinen renovierten, milden Farben entspricht ganz modernen Geschmäckern. Bardems affige Schriftsteller-Eitelkeit, Harris' altmodische Höflichkeit und Pfeiffers eisige Unverschämtheit machen Mother! zwischendurch zu einem spritzigen Charakterdrama, das weit weg führt von biblischen Anspielungen. Vor allem die großartige Michelle Pfeiffer feuert Einzeiler ab wie in einem Woody-Allen-Film: "Ich dachte, sie sei Ihre Tochter!" Über den späteren apokalyptischen Orgien mit ihren mannigfaltigen Referenzen und Allegorien (Genesis! Offenbarung! Ägyptische Froschgottheiten! Eine – vielleicht ist es Jesus? – Geburt!) vergisst man es fast, aber zwischendurch ist Mother! auch richtig komisch. 

Wie in Requiem for a Dream und besonders Black Swan denkt sich Aronofsky einmal mehr in weibliche Ängste und Paranoia hinein. Mit unterschiedlichem Ergebnis bei den Zuschauern: Stellt Aronofsky hier das reaktionäre Klischee aus, dass Frauen nichts selbst kreieren, sondern immer nur Hilfe leisten können für die kreativen Männer? Oder handelt der Film vom Geben und Nehmen zwischen den Geschlechtern und zeigt kritisch den Konflikt zwischen männlichem Ego und weiblicher Fürsorge? Ist Lawrence hier nur Projektionsfläche, ein Vehikel für die Handlung ohne eigene Persönlichkeit? Oder ist sie die Heroine, die Identifikationsfigur für all unsere Ängste um uns selbst und die Erde? Dass Mother! so konträre Auffassungen zulässt, nimmt dem Film nichts weg, sondern macht ihn tatsächlich vieldeutiger. Eine "Erfahrung" ist er allemal. Und der Widerstreit darüber wird dafür sorgen, dass er länger im Gedächtnis bleibt.