Die besten TV-Serien im Oktober

Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne Hildegard von Binge besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Babylon Berlin"

Beim deutschen Pay-TV-Sender hängt gerade der Himmel voller Geigen: Babylon Berlin ist in mehr als 60 Länder verkauft worden, in den USA wird die Serie auf Netflix laufen, die Kritiker sind auch erfreut. Nur die ARD muss noch ein bisschen überlegen, ob es wirklich eine gute Idee war, sich auf ein Jahr Wartezeit im Free-TV einzulassen. 

Dem Zuschauer kann all das egal sein. Ihn erwartet die teuerste, opulenteste Serie aller Zeiten und ja, sie ist auch wirklich sehenswert. Die Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries haben die zwanziger Jahre in Berlin weitgehend klischeefrei inszeniert. Sie zeichnen eine Stadt, die so modern und so heruntergekommen ist, wie wir sie uns heute kaum mehr vorstellen können.

Großartig ist vor allem die Betrachtung dieses sehr kleinen Zeitfensters in der deutschen Geschichte, die wenigen Jahre zwischen den beiden Weltkriegen, als auf einmal alles möglich schien: Emanzipation, kulturelle Experimente, Demokratie. Man kann Babylon Berlin gerade heute, angesichts der Erstarkens der Neuen Rechten als Mahnmal sehen; der Regisseur Henk Handloegten will die Serie lieber positiv gedeutet wissen, als Demonstration "dass diese junge Demokratie tatsächlich eine Möglichkeit gehabt hätte zu überleben". (Carolin Ströbele)

Eine ausführliche Rezension zu "Babylon Berlin" lesen Sie hier.

Babylon Berlin läuft ab dem 13. Oktober jeweils freitags als Doppelfolge um 20.15 Uhr auf Sky 1 und ist parallel auch auf Sky Go, Sky On Demand und Sky Ticket verfügbar.

"Der Report der Magd"

Ein Gottesstaat mit Frauen als versklavten Gebärmaschinen: Margaret Atwoods Roman Der Report der Magd (The Handmaid's Tale) erschien schon 1985, basierend auf dem, was James Joyce den "Alptraum der Geschichte" nannte. Dass die Serienadaption ihrer Dystopie im Jahr 2017 so unheimlich resonant ist, liegt unter anderem daran, dass in den USA ein Präsident an der Macht ist, der Übergriffe gegen Frauen gesellschaftsfähig findet und ihnen gleichzeitig das Recht auf Abtreibung erschweren will.

Die Serie von Bruce Miller, die nun endlich auch in Deutschland abrufbar ist, schildert den Leidensweg der jungen Desfred (Elisabeth Moss), die als eine der wenigen fruchtbaren Frauen dazu verurteilt ist, regelmäßig von einem regimetreuen Kommandanten vergewaltigt zu werden, um Nachwuchs für den totalitären Staat zu produzieren. Der Report der Magd erzählt diese Horrorvision in ebenso prachtvollen wie schrecklichen Bildern.

In den USA entbrannte zuletzt ein Streit darüber, ob die Geschichte zum feministischen Kanon gehöre oder nicht. Über eines lässt diese außergewöhnliche Serie keinen Zweifel zu: Die schlimmsten Feinde der Frauen sind leider auch Frauen. (Marietta Steinhart)

Der Report der Magd ist auf EntertainTV, dem Streamingangebot der Telekom, abrufbar.

"Suburra" und "American Vandal": Nihilistisches Mafiaepos und Genrekritik

"Suburra"

In den achtziger Jahren lief eine sehr populäre Serie im Fernsehen: Sie hieß Allein gegen die Mafia und handelte von einem aufrechten Polizisten (Michele Placido), der sich dem organisierten Verbrechen entgegenstellte. Heute, viele Mafiaserien später, ist Michele Placido wieder im Einsatz, allerdings als Showrunner der Netflix-Serie Suburra – die erste italienische Eigenproduktion des Streamingdienstes übrigens. Hier gibt es keine aufrechten Menschen mehr, selbst über die sogenannte Ehre innerhalb der "Familie" lachen die jungen Mafiosi nur noch.

Suburra spielt im Rom der angehenden nuller Jahre, die letzte Regierung Berlusconi geht zu Ende und das Land befindet sich an einem moralischen und politischen Tiefpunkt. Es gibt koksende Priester, dealende Polizistensöhne und viele schlechte Gangsterfrisuren. Suburra geht noch eine Stufe weiter als sein neapolitanischer Vorgänger Gomorrha und hebt das Mafiagenre auf ein neues Level von Zynismus und Nihilismus. Absolut sehenswert. (Daniel Gerhardt)

Lesen Sie hier eine ausführliche Rezension zu "Suburra".

Die zehn Folgen von Suburra laufen auf Netflix.

"American Vandal"

Es muss nicht immer ein Kardinalverbrechen sein, das einer TV-Serie die nötige Fallhöhe verleiht. Die Netflix-Produktion American Vandal wird acht Folgen lang von einem banalen Akt des Vandalismus getragen. Wer hat 27 große Penisse in roter Farbe auf die Autos aller Lehrer der Hanover High School gesprüht? Der Direktor und das Kollegium der Kleinstadtschule sind sich schnell einig: Dylan Maxwell, Klassenclown, Dauerkiffer und Schulverweigerer muss es gewesen sein. Es gibt zwar keine Beweise, dafür einen Zeugen. Dylan selbst beteuert unschuldig zu sein, aber sein Alibi hält nicht stand. Er wird der Schule verwiesen und wundert sich selbst ein wenig, dass er sich so gar nicht darüber freuen kann.

Zwei Mitschüler wollen herausfinden, ob der Junge zu Recht seiner Zukunft beraubt wurde – eigentlich wollte er studieren – und drehen eine Dokumentation über den Fall. Sie stellen Theorien auf, wer die Autos noch besprüht haben könnte und warum. Der Zuschauer sieht ihren Film, samt der genretypischen Wiederholungen und dramaturgischen Sackgassen, was der fiktiven Story eine Aura der Authentizität verleiht.

Die Doppelbödigkeit von American Vandal liegt darin, dass sich die Serie am True-Crime-Format per se abarbeitet. Nicht zufällig erinnert das Sounddesign an den höchst erfolgreichen Podcast Serial, bei dem die Macher einen echten Mordfall wieder aufgerollt haben. Es ist aber auch Selbstkritik, etwa an der Netflix-Doku Making a Murderer, deren Machern vorgeworfen wurde, ihr Projekt über die Interessen jener Menschen zu stellen, über die sie berichten. (Alexander Krex)

"American Vandal" läuft auf Netflix.

"Cardinal" und "Stranger Things 2": Mord im Schnee und noch mehr Kindheits-Horror

"Cardinal"

Seit Fargo wissen wir: Die Symbiose aus Eis und Blut wirkt. Auch die Serie Cardinal profitiert davon, dass ihre Handlung im Winter Kanadas angesiedelt ist: Die beängstigende Weite der Schneelandschaften, die Dunkelheit, Stille, Einsamkeit.

Die kanadische Miniserie beginnt als mittelprächtige Krimigeschichte: In der verschneiten Stadt Algonquin Bay wird die Leiche eines Mädchens gefunden. Provinzdetektiv John Cardinal (Billy Campbell) ist davon überzeugt, dass es sich bei dem Mörder um einen Serientäter handelt, doch niemand glaubt ihm. Bis er beweist, dass das Mädchen nicht das einzige Kind im Umkreis ist, das verschwunden ist. Aber kann man Cardinal wirklich trauen? Dass seine Partnerin Lise Delorme (Karine Vanasse) heimlich gegen ihn ermittelt, erweckt jedenfalls Zweifel.

Gegen Ende der zweiten Folge durchläuft Cardinal dann allerdings eine unerwartete Metamorphose. Von nun an wird die Handlung nicht nur aus Sicht des Ermittlers, sondern auch aus der Sicht des Mörders erzählt, und das so explizit, dass sich die Geschichte vom Krimi zu einem schauderhaften Psychothriller entwickelt. Hinzu kommt, dass die privaten Dramen der Ermittler – Cardinals Frau leidet an einer bipolaren Störung, Delormes Freund fühlt sich vernachlässigt und übt Druck auf sie aus – einen immer größeren Platz in der Serie einnehmen. Dabei beweist die Serie, dass sie den Genremix beherrscht: Die verschiedenen Handlungsstränge werden nicht nur miteinander kombiniert, sondern auf kluge Weise miteinander verwebt. Wie der tückische kanadische Winter packt uns Cardinal langsam, aber sicher: Was mit ein paar Schneeflocken beginnt, endet letztlich in einer Glatteiskarambolage. (Jacqueline Thör)

Die sechs Folgen von Cardinal sind abrufbar auf EntertainTV.


                 

"Stranger Things", Staffel 2

Noch mehr Kindheitshorror im Herbst. Nach der Verfilmung von Stephen King's Es kommt nun die zweite Staffel von Stranger Things. Damit sich auch alle Jahrgänge der Siebziger und Achtziger in Deutschland angesprochen fühlen, teasert Netflix mit einem Peter-Lustig-Mash-up. Mehr von der Serie hat leider auch Hildegard von Binge noch nicht gesehen.

Die zweite Staffel von Stranger Things läuft ab 27. Oktober auf Netflix.

Kurz erwähnt: "Mindhunter" von David Fincher, "Star Trek: Discovery"

"Mindhunter"

Schon wieder ein Siebziger-Jahre-Setting, schon wieder Emanzipation, Sex und coole Musik vor dem Hintergrund einer angeblich schwerwiegenden gesellschaftlichen Entwicklung. Das hatten wir doch eben erst in David Simons The Deuce? Nun kommt der andere große Serien-David, House-of-Cards-Produzent Fincher nämlich, ebenfalls mit einer Seventies-Hommage zurück ins Seriengeschäft.

Mindhunter erzählt von Finchers Lieblingsthema, nämlich Serienkillern (bereits exzessiv ausgelebt in seinem Sieben-Todsünden-Drama Sieben und dem Serienmörder-Thriller Zodiac). Der junge FBI-Agent Holden Ford (blass: Jonathan Groff) zieht mit seinem Partner, dem abgebrühten Bill Tench (knorzig: Holt McCallany), als Lehrbeauftragter durch die Polizeistationen der USA. Schließlich fängt Ford an, inhaftierte Serienmörder zu besuchen und sich in deren Psyche hineinzuversetzen.

Die beiden Folgen, die vorab zu sehen waren, reizen nicht unbedingt zum Weiterschauen. Man bekommt ein bisschen Schweigen der Lämmer, ein bisschen Copykill und True Detective, aber letztlich bietet Mindhunter keinen Aspekt zum Thema, den man nicht schon anderswo und – mit Verlaub – besser gesehen hätte. (Carolin Ströbele)

"Mindhunter" läuft auf Netflix.

"Star Trek: Discovery"

So mythisch eingefärbt und gut beleuchtet hat man die Wunder des Weltalls noch in keiner Neu-Adaption gesehen wie in Star Trek: Discovery. Auch die Dominanz markiger Männer und ihrer Ego-Probleme ist angenehmerweise klar relativiert; es gibt jetzt zwei Frauen auf den Kommandobrücken. Die Offizierin Michael Burnham (Sonequa Martin-Green) ist die erste von Vulkaniern erzogene Menschenfrau, die nun im Umgang mit anderen Menschen erst lernen muss, ihre gefühlstaube Verstandesbeherrschtheit zu beherrschen. Das führt zu den üblichen und etwas ermüdenden Kabbeleien zwischen Ratio und Emotion.

Auch sonst werden allbekannte Konflikte abgespult: 100 Jahre, nachdem die Menschheit erstmals den Klingonen begegnete, treffen beide Seiten erneut aufeinander – und geraten direkt in einen Kalten Krieg hinein. Schuld daran sind kulturelle Unterschiede und Missverständnisse und unüberlegtes Handeln von prominenten Figuren – das soll man natürlich als Allegorie auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse lesen. Kampf der Kulturen, Renaissance des Religiösen, Angst vor dem Anderen – alles drin.

Die Hoffnung, dass die Autoren der Serie einmal etwas vollkommen Neues erfinden, wird also auch hier nicht erfüllt. Und so ist auch Star Trek: Discovery nur eine weitere Variation des immergleichen Konflikts zwischen den immergleichen bekannten Völkern und Psychologien, Freunden und Feinden. (Jens Balzer)

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension zur Serie.

"Star Trek: Discovery" ist auf Netflix abrufbar.

Überwachung-Dystopie und "Denver Clan"-Reboot: "Colony" und "Dynasty"

"Colony"

Als der Punkt endlich erreicht war, an dem man in der Fernsehserie Lost überhaupt nichts mehr verstand, blieb nur noch der Waschbrettbauch von Josh Holloway als letzte Gewissheit. Durch alle Zeit- und Handlungssprünge hindurch verkörperte Holloway das liebenswerte Scheusal Sawyer und fand noch in der prekärsten Situation einen guten Grund, das Hemd abzulegen. Nun ist Holloway als Hauptdarsteller der Überwachungsdystopie Colony zurück – und knüpft ebenso naht- wie hemdlos an seine Lost-Performance an.

Colony spielt in einem abgeschotteten Nahzukunft-Los-Angeles. Ein Alienangriff hat die Menschen dazu gebracht, sich hinter einer gigantischen Stadtmauer einzukerkern und zugleich einen Großteil ihrer Grundrechte aufzugeben. Auf den Straßen patrouillieren SA-ähnliche Spezialpolizisten, im Department Of Homeland Security arbeitet Will Bowman (Holloway) als Sonderermittler. Mit festbetonierter Hillary-Clinton-Frisur und permanenter Übellaunigkeit löst er einen Fall nach dem anderen und presst bedeutungsschwere Sätze zwischen den Zähnen hindurch. Was ihm jedoch entgeht: Seine Frau Katie (Sarah Wayne Callies) versorgt den Widerstand gegen Staats- und Polizeigewalt mit Infos aus erster Hand.

Die ideologischen und erotischen Spannungen in dieser Ehe gehören zu den interessanteren Aspekten von Colony. Verlässt die Serie das Schlafzimmer der Bowmans, entwickelt sich ein eher konventionelles 1984-Szenario, das zaunpfahlwinkend um Aktualität bemüht ist. Dennoch halten die Showrunner Ryan Condal und Carlton Cuse (Autor für Lost) ihre Zuschauer mit überraschenden Handlungstwists und Todesfällen sowie einer überdurchschnittlichen Zahl an starken weiblichen Charakteren bei der Stange. (Daniel Gerhardt)

Die zehn Folgen von Colony laufen auf TNT Serie.


"Dynasty"

Ruchlose Geschäftsmänner, intrigierende Frauen, Betonfrisuren, Schulterpolster und jede Menge klirrende Champagnergläser: So sahen Serien in den achtziger Jahren aus. Es war eine Zeit der Unschuld: Über Dallas und Denver-Clan wurde zwar viel geredet, aber es gab keine ernsthaften Kritiken dazu. Man war Fan oder der Meinung, dass Seifenopern per Definition schlecht geschrieben sein müssen. Ausgerechnet nun den Denver-Clan (im Original Dynasty) für das mit Serien überversorgte Publikum von heute neu aufzubereiten, erscheint kühn, zumal das Sequel zu Dallas vor drei Jahren nach nur drei Staffeln eingestellt wurde. Aber sich erhobenen Hauptes in peinliche Situationen zu begeben, machte schließlich den Charme einer Frau wie Joan Collins' Alexis aus. Sichtlich von ihrer Verve inspiriert kommt die Neuauflage daher.

Die Carringtons sind inzwischen ein Energieunternehmen und von Denver nach Atlanta gezogen; Blake (Grant Show) ist noch immer der leicht ölige Familienpatriarch und frisch zusammen mit Crystal (Nathalie Kelley), der PR-Frau seines Unternehmens. Sein Sohn Steven (James Mackay) protestiert gegen Fracking und engagiert sich für alternative Energien. Tochter Fallon giert nach Papas Anerkennung und liefert sich mit Crystal gleich schon in der ersten Folge einen handgreiflichen catfight, wie er zum Markenzeichen der alten Serie gehörte. Majordomus Joseph (Alan Dale) schaut derweil herablassender denn je.

Ganz anders ist das Tempo: In der Pilotfolge passiert fast mehr als in einer ganzen Staffel der alten Ausgabe. Auch das Figurenarsenal ist deutlich diverser: Crystal ist Latina, der Konkurrenzclan der Colbys afroamerikanisch und Stevens Homosexualität kein Problem mehr für Blake, sondern eine Karte, die er ausspielen kann. Und noch etwas ist anders: Die Serienmacher scheinen genau zu wissen, was die Mittel einer Seifenoper sind und wie man sie einsetzt für eine Gratwanderung zwischen ehrfürchtiger Hommage und schmissiger Parodie. Für alle, die eine Pause herbeisehnen von überlegungsintensiven Serien wie Mr. Robot oder Westworld verspricht Dynasty frechen Eskapismus mit der genau richtigen Prise an Selbstironie. (Barbara Schweizerhof)

Dynasty läuft auf Netflix.

Deutsches Coming-of-Age und dänischer Terrorismus: "Das Verschwinden" und "Countdown Copenhagen"

"Das Verschwinden"

Es ist der Herbst der deutschen Serienmacher. Neben Tom Tykwer (Babylon Berlin) und Baran bo Odar (Dark) hat auch Hans-Christian Schmid (23, Crazy, Requiem) seine erste horizontale Serie geschrieben. Wie viele seiner Geschichten ist auch Das Verschwinden eine Coming-of-Age-Geschichte. Drei Freundinnen langweilen sich in der oberpfälzischen Provinz. Die Eltern sind verständnisvoll, aber mit der Pflege ihrer eigenen Lebenslügen schon genug beschäftigt. Erst als eines der Mädchen, die 19-jährige Janine, verschwindet – und mit ihr eine nicht unbeachtliche Menge Chrystal Meth – wird die Kleinstadtgemeinde unruhig. Janines alleinerziehende Mutter (Julia Jentsch) macht sich auf die Suche nach ihrer Tochter, die beiden zurückgebliebenen Freundinnen versuchen, das Vakuum in ihrer Mitte zu überbrücken, und gehen dabei zugrunde.

In seinen besten Momenten ist Das Verschwinden ein stilles, aber äußerst konzentriertes Generationenporträt von Eltern, die Liberalität und Gleichgültigkeit verwechseln, und Kindern, die sich nicht trauen, die niedrigen Grenzen einzureißen. Leider kann Schmidt den Spannungsbogen nicht über die acht Episoden halten. Gleichzeitig häufen sich gegen Ende der Serie überflüssige, pseudodramatische Cliffhanger. Völlig unerklärlich ist, warum ein Regisseur dieses Formats für die Auflösung seiner Geschichte auf das älteste aller Fernsehklischees zurückgreifen muss. (Carolin Ströbele) 

Das Verschwinden ist ab dem 20. Oktober, 21.45 Uhr, in der ARD-Mediathek zu sehen. Im Ersten laufen die ersten beiden Folgen am 22. Oktober um 21.45 Uhr.


"Countdown Copenhagen"

Drei maskierte Männer entführen 15 Menschen aus einer Kopenhagener U-Bahn und halten sie in einem unterirdischen Schacht fest. Für die Freilassung der Geiseln fordern sie vier Millionen Euro Lösegeld. Während die dänische Regierung eine Taskforce einsetzt, die mit den Geiselnehmern verhandeln soll, nehmen diese parallel Kontakt auf zu der TV-Journalistin Naja Toft (Paprika Steen, bekannt aus mehreren Lars-von-Trier-Filmen) auf. Toft führt daraufhin live Skype-Interviews mit den Gefangenen. Doch schon beim zweiten Gespräch eskaliert die Situation.


Der dänisch-deutsche Achtteiler Countdown Copenhagen möchte gerne ein neues Borgen sein, das lässt sich schon am Trailer erkennen. Doch an die Raffinesse der Politserie kommt die ZDF-Co-Produktion bei Weitem nicht heran. Die Serie behandelt vielmehr die üblichen moralischen Fragen, die jedes Entführungsdrama hervorruft: Wie viel Geld ist ein Menschenleben wert? Darf der Staat den Tod von Menschen in Kauf nehmen, um sich nicht erpressbar zu machen? Auch die Kritik an der Rolle der Medien ist nicht ganz neu. Spätestens seit dem Gladbecker Geiseldrama ist klar, was passieren kann, wenn sich Journalisten ins Geschehen hineindrängen.

Allerdings treibt Countdown Copenhagen das Szenario noch deutlich weiter, indem es die Geiselnahme zu einer bizarren Art von Castingshow inszeniert. "Wenn dich die Leute mögen, werden sie Geld zahlen, um dich hier rauszuholen", sagt einer der Entführer der Geisel vor dem Interview. "Sie werden sich als was Besonderes fühlen, sie tun was Gutes, sie retten dich." Crowdfunding für Entführungsopfer – das zumindest ist ein neuer Aspekt im Genre. Leider reicht er nicht aus, um den Spannungsbogen zu halten oder über die hölzernen Dialoge hinwegzutrösten. Der Flirtversuch zweier Geiseln hat so viel Fremdschämpotenzial, dass man fast froh ist, wenn endlich der Kugelhagel einsetzt. (Jana Weiss)

Die acht Folgen von Countdown Copenhagen sind in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Eher nicht: "Bruder – Schwarze Macht", "Schuld"

"Bruder – Schwarze Macht"

Terrorismus ist eines der großen Themen der letzten Jahre, auch als Film- oder Serienstoff. Zuletzt fragte die britische Produktion The State, wie es radikale Islamisten schafften, junge Menschen aus westlichen Ländern zu rekrutieren.

Dieser Frage geht auch die ZDF-Miniserie Bruder – Dunkle Macht nach. Die Filmemacherin Randa Chahoud (für ihre Serie Ijon Tichy: Raumpilot als beste Regisseurin mit dem Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises ausgezeichnet) erzählt in ihrem Vierteiler von dem jungen Deutschtürken Melih (Yasin Boynuince). Er ist ohne Vater aufgewachsen, wohnt noch bei seiner Mutter, hängt am liebsten mit seinem besten Kumpel Tobi ab und raucht Gras. Er ist Hacker, das erkennt man an der obligatorischen Hoodie-Rucksack-Kombi und den dunklen Augenringen. Sein Geld verdient er mit dem Knacken von EC-Kartengeräten. Irgendwann wird er erwischt. Und damit aus seiner Sicht endgültig zum kriminellen Migranten abgestempelt.

Melihs Gegenspielerin ist seine Schwester Sibel. Die ist Polizistin und wird gespielt von der ehemaligen Tatort-Kommissarin Sibel Kekilli, für die weder Name noch Rolle neu sind. Das Verhältnis der Geschwister ist schwierig und geprägt von viel Türengeknalle und Misstrauen. Doch als Melih verschwindet und der Verfassungsschutz aufmerksam wird, macht Sibel sich selbst auf die Suche nach ihrem Bruder. Sie will nicht glauben, was alle vermuten: dass er zum Kämpfer für den IS rekrutiert wurde. In einer Szene stürmt Sibel schließlich bewaffnet die Moschee, in der Melihs Radikalisierung bei einem Pierre-Vogel-Verschnitt begann.

Diese Szene ist leider exemplarisch für die Serie, die das Gute will und doch vor allem Klischees reproduziert. Brav werden die recherchierten Stationen einer Radikalisierung abgehakt, ohne den Mut, einen ernsthaften Einblick in die Psyche eines potenziellen Terroristen zu wagen. (Jana Weiss)

Die vierteilige Serie läuft ab dem 29. Oktober immer sonntags um 21.45 Uhr auf ZDFneo.

"Schuld"

Die erste Staffel von Ferdinand von Schirachs Schuld war ein Ausnahmefall im ZDF-Krimi-Gehege. Der Produzent Oliver Berben schaffte es, die beklemmenden Romanepisoden des Anwalts in ein ebenso nervenaufreibendes Fernseherlebnis zu verwandeln. Das gelingt in den vier neuen Folgen leider nicht mehr. Auch wenn das Staraufgebot wieder hoch ist (Lars Eidinger, Jürgen Vogel, Louis Hofmann, Iris Berben) – die Fälle sind einfach nicht so packend. Meistens geht es um Verbrechen, die gerade nicht stattgefunden haben – ein Mann wird zu Unrecht wegen Kindesmissbrauchs verurteilt – oder um die Frage, warum ein Bruder zum erfolgreichen Geschäftsmann, der andere zum Gewohnheitsverbrecher wird. Vielleicht sind die besten Geschichten einfach schon erzählt worden. (Carolin Ströbele)

Schuld ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Bordellkitsch und blauer Superheld: "Sylvia's Cats" und "The Tick"

"Sylvia's Cats"

Stellen Sie sich vor, Sie sind Ehefrau eines erfolgreichen Gynäkologen, haben gerade Ihr neues Haus nach allen ökologischen Standards eingerichtet und dann wird Ihr Ehemann in Handschellen von der Party weg abgeführt, weil er seine Patientinnen belästigt haben soll. Damit Sie nun so richtig schön zurückschlagen können, ziehen Sie mit Ihren beiden Kindern (einer zickigen Teenagertochter, klar, und einem verdrucksten 10-Jährigen in das schmuddelige Apartment Ihres verstorbenen Vaters. Den haben Sie Ehemann und Nachwuchs wohlweislich verschwiegen, denn zufällig liegt die Wohnung in der verrufenen Chaussée d'Amour und über einem Bordell namens Cats. Selbstverständlich ist das ein total cooles Etablissement, alle haben sich sofort lieb und Colette, die Puffmutti, bringt Sektchen und Handtücher zur Begrüßung. Weil das Geld knapp ist und es auch noch super ins Drehbuch passt, werden Sie als Mutti zur Puffmutti umgeschult. Natürlich haben alle Prostituierten ein goldenes Herz und der Zuhälter ist auch der "einzige, der seine Huren anständig behandelt". Ihre zickige Tochter wird demütig angesichts der neuen working-class-Situation, und Ihr nerdiger Sohn kann seine bislang verkannte künstlerische Ader beim Zeichnen der Damen auslegen. Ein neuer Toulouse-Lautrec!

Kurz, der Plot der belgischen Serie Sylvia's Cats bewegt sich zwischen The Good Wife und einem Uschi-Glas-eine-Frau-macht-ihren-Weg-Film. Das ist nicht nur geschmackloser Rotlicht-Kitsch, sondern beleidigt auch den gesunden Menschenverstand. (Carolin Ströbele)

Die acht Folgen von Sylvia's Cats laufen dienstags um 21.45 Uhr auf ZDFneo sowie in der ZDF-Mediathek.

"The Tick"

Arthur Everest ist alles andere als ein Superheldentyp. Er ist schmächtig, trägt eine Brille und schlägt sich eher mit der Wahl der richtigen Milchsorte herum als mit Verbrechern. Bis er auf The Tick trifft, einen großen, blauen Superheld mit regem Mundwerk. The Tick steckt Arthur in ein kugelsicheres Mottenkostüm und überredet ihn, fortan als sein Handlanger Verbrechen zu bekämpfen. Denn die Stadt wird von dem tot geglaubten Bösewicht The Horror kontrolliert.

Die Amazon-Prime-Serie The Tick basiert auf einem Comic, den Ben Edlund Ende der Achtziger ins Leben rief. Edlund hat auch am Drehbuch der Amazon-Produktion mitgearbeitet. Die Realverfilmung ist trotz prominenter Besetzung von Peter Serafinowicz (Shaun of the Dead, Guardians of the Galaxy) als The Tick und Comedian Griffin Newman als Arthur leider oft arger Klamauk. Außerdem sind die endlosen Monologe des blauen Superhelden, der mehrmals das Gleiche in verschiedenen Metaphern sagt, anstrengend: "Das Schicksal ist in der Leitung und es führt ein R-Gespräch. Übernimm die Kosten, Arthur." Den Hörer kann man getrost zur Seite legen. (Jana Weiss)

Die sechs Folgen von The Tick sind auf Amazon Prime verfügbar.

Fernsehfilmtipps: "Zuckersand" und "Der gute Bulle"

"Zuckersand"

Zu Recht als bester deutscher TV-Film des Jahres auf dem Münchner Filmfest gekürt: Zuckersand von Dirk Kummer beschreibt die Freundschaft zweier Jungen in der DDR. Nachdem einer von ihnen in den Westen ausgereist ist, wollen sich die beiden in Australien treffen. Dazu müssen sie sich nur 12.742 Kilometer durch die Erdkugel graben. Eine außergewöhnlich behutsame Schilderung eines Kinderalltags in der DDR.

Zuckersand ist bis zum 11. Januar 2018 in der ARD-Mediathek abrufbar.

"Der gute Bulle"

Gelungenes Kammerspiel um einen Kommissar (Armin Rohde) und einen Kinderschänder (Axel Prahl). Allein die Tatsache, Kommissar Thiel mal auf der anderen Seite zu sehen, lohnt das Ganze.

Der gute Bulle ist bis zum 23. Dezember 2017 in der ZDF-Mediathek zu sehen.

***

Und was gucken Sie? Schreiben Sie in den Kommentarbereich, welche Serien Ihnen den Schlaf rauben. Hildegard von Binge dankt es Ihnen.