"Colony"

Als der Punkt endlich erreicht war, an dem man in der Fernsehserie Lost überhaupt nichts mehr verstand, blieb nur noch der Waschbrettbauch von Josh Holloway als letzte Gewissheit. Durch alle Zeit- und Handlungssprünge hindurch verkörperte Holloway das liebenswerte Scheusal Sawyer und fand noch in der prekärsten Situation einen guten Grund, das Hemd abzulegen. Nun ist Holloway als Hauptdarsteller der Überwachungsdystopie Colony zurück – und knüpft ebenso naht- wie hemdlos an seine Lost-Performance an.

Colony spielt in einem abgeschotteten Nahzukunft-Los-Angeles. Ein Alienangriff hat die Menschen dazu gebracht, sich hinter einer gigantischen Stadtmauer einzukerkern und zugleich einen Großteil ihrer Grundrechte aufzugeben. Auf den Straßen patrouillieren SA-ähnliche Spezialpolizisten, im Department Of Homeland Security arbeitet Will Bowman (Holloway) als Sonderermittler. Mit festbetonierter Hillary-Clinton-Frisur und permanenter Übellaunigkeit löst er einen Fall nach dem anderen und presst bedeutungsschwere Sätze zwischen den Zähnen hindurch. Was ihm jedoch entgeht: Seine Frau Katie (Sarah Wayne Callies) versorgt den Widerstand gegen Staats- und Polizeigewalt mit Infos aus erster Hand.

Die ideologischen und erotischen Spannungen in dieser Ehe gehören zu den interessanteren Aspekten von Colony. Verlässt die Serie das Schlafzimmer der Bowmans, entwickelt sich ein eher konventionelles 1984-Szenario, das zaunpfahlwinkend um Aktualität bemüht ist. Dennoch halten die Showrunner Ryan Condal und Carlton Cuse (Autor für Lost) ihre Zuschauer mit überraschenden Handlungstwists und Todesfällen sowie einer überdurchschnittlichen Zahl an starken weiblichen Charakteren bei der Stange. (Daniel Gerhardt)

Die zehn Folgen von Colony laufen auf TNT Serie.


"Dynasty"

Ruchlose Geschäftsmänner, intrigierende Frauen, Betonfrisuren, Schulterpolster und jede Menge klirrende Champagnergläser: So sahen Serien in den achtziger Jahren aus. Es war eine Zeit der Unschuld: Über Dallas und Denver-Clan wurde zwar viel geredet, aber es gab keine ernsthaften Kritiken dazu. Man war Fan oder der Meinung, dass Seifenopern per Definition schlecht geschrieben sein müssen. Ausgerechnet nun den Denver-Clan (im Original Dynasty) für das mit Serien überversorgte Publikum von heute neu aufzubereiten, erscheint kühn, zumal das Sequel zu Dallas vor drei Jahren nach nur drei Staffeln eingestellt wurde. Aber sich erhobenen Hauptes in peinliche Situationen zu begeben, machte schließlich den Charme einer Frau wie Joan Collins' Alexis aus. Sichtlich von ihrer Verve inspiriert kommt die Neuauflage daher.

Die Carringtons sind inzwischen ein Energieunternehmen und von Denver nach Atlanta gezogen; Blake (Grant Show) ist noch immer der leicht ölige Familienpatriarch und frisch zusammen mit Crystal (Nathalie Kelley), der PR-Frau seines Unternehmens. Sein Sohn Steven (James Mackay) protestiert gegen Fracking und engagiert sich für alternative Energien. Tochter Fallon giert nach Papas Anerkennung und liefert sich mit Crystal gleich schon in der ersten Folge einen handgreiflichen catfight, wie er zum Markenzeichen der alten Serie gehörte. Majordomus Joseph (Alan Dale) schaut derweil herablassender denn je.

Ganz anders ist das Tempo: In der Pilotfolge passiert fast mehr als in einer ganzen Staffel der alten Ausgabe. Auch das Figurenarsenal ist deutlich diverser: Crystal ist Latina, der Konkurrenzclan der Colbys afroamerikanisch und Stevens Homosexualität kein Problem mehr für Blake, sondern eine Karte, die er ausspielen kann. Und noch etwas ist anders: Die Serienmacher scheinen genau zu wissen, was die Mittel einer Seifenoper sind und wie man sie einsetzt für eine Gratwanderung zwischen ehrfürchtiger Hommage und schmissiger Parodie. Für alle, die eine Pause herbeisehnen von überlegungsintensiven Serien wie Mr. Robot oder Westworld verspricht Dynasty frechen Eskapismus mit der genau richtigen Prise an Selbstironie. (Barbara Schweizerhof)

Dynasty läuft auf Netflix.