Die alleinerziehende Michelle Grabowski (Julia Jentsch) sucht auch in Tschechien erfolglos nach ihrer Tochter. © ARD Degeto/​BR/​WDR/​NDR/​23/​5 Filmproduktion/​Gerald von Foris

Hier zeigt sich leider zum ersten Mal, wie der Zwang, eine Handlung zu generieren, die funktionierende Erzählung beschädigt. Musste das wirklich sein, der Drogendealer-Plot? "Es hätte sich falsch angefühlt, die Geschichte ohne Crystal Meth zu erzählen", sagt Schmid, der für seine Recherchen mit einem Drogenfahnder an der tschechischen Grenze unterwegs war. "Das ist dort billiger als Alkohol, um sich am Wochenende in einen Rausch zu versetzen, und es ist sehr leicht zu bekommen. Die 15-, 16-, 17-Jährigen konsumieren es, das ist ein Problem."

Das mag alles stimmen, dennoch erscheinen Szenen wie die, in der Tarik (Mehmet Ateşçi), der Sohn eines türkischen Imbissinhaber-Paares, die Drogen in einen ausgehöhlten Kürbis presst, künstlich in die Geschichte hineingescriptet. Warum nicht einfach die Sucht der Mädchen zeigen und deren Auswirkungen auf Freundschaft und Familie? Das beschreibt Schmid nämlich absolut packend: das Mitwissen von Lauras Mutter, der verzweifelte Kontrollzwang von Manus Mutter, die naive Verweigerungshaltung von Janines Mutter. Vor allem den Mädchen selbst folgt man neugierig und zunehmend verstört: der verdrucksten Laura, die immer, wenn sie lacht, aussieht, als würde sie gleich zu weinen anfangen. Der zickigen, verletzlichen und so früh lebensmüden Manu, fantastisch gespielt von der bislang relativ unbekannten Johanna Ingelfinger.

Dass diese stimmungsvolle Serie nicht bei ihren Hauptfiguren verweilen darf, weil sie ja noch einen Krimi-Plot abzuarbeiten hat, ist die traurige Erkenntnis dieses Serienprojekts. Da wird viel Zeit verschwendet mit zwei Polizisten, von denen natürlich einer der gute Cop ist (der Michelle Grabowski als Einziger glaubt, dass ihrer Tochter etwas zugestoßen sein könnte) und der andere der böse, latent rassistische Cop, der den dealenden Tarik als Schuldigen ausgemacht hat. Das ist nicht nur ziemlich holzschnittartig, es führt auch dramaturgisch in eine Sackgasse.

Die Lügen der Eltern

All das hätte es nicht gebraucht in diesem Achtteiler, der ja laut seinem Regisseur in erster Linie eine Familiengeschichte sein will. Eine Erzählung darüber, warum auch heute noch Eltern ihre Kinder mit ihren Vorstellungen erdrücken und warum Kinder sich ihren Weg durch Flucht in Lüge und Sucht bahnen. In einer Schlüsselszene sagt Michelle zu Manu, der Freundin ihrer Tochter: "Das Leben macht oft keinen Spaß, das kannst du mir glauben." Und Manu fragt zurück: "Warum wollt ihr denn dann, dass wir so werden wie ihr?"

Die Erwartungshaltung von Mutter und Tochter schildert Schmid besonders treffend anhand der Geschichte von Michelle, der selbst noch jungen alleinerziehenden Mutter, die außer Janine noch eine jüngere Tochter hat. Wie sie diese Kleine fortwährend anlügt, während sie die Lügen ihrer großen Tochter aufzudecken versucht, ist herzzerreißend.   

Wenn man sich Schmids Familien ansieht, kommt man zu dem Schluss, dass es heute nicht einfacher ist für Kinder, sich abzunabeln als zu Zeiten autoritärer Erziehung. Und dass die Eltern sie sublim erpressen, eben doch genau das zu tun, was sie von ihnen wollen. Schmid zuckt die Schultern, er will diesen Konflikt nicht analysieren, tut es aber dann doch: "Die Eltern", sagt er, "sind hier mit ihren eigenen Lebensentwürfen oder ihren eigenen Lügen so beschäftigt, dass sie keine Zeit haben, sich intensiv mit dem zu beschäftigen, was ihre Kinder bewegt."

In einer Serie, die das Lügen so glaubhaft darstellt, ist es umso enttäuschender, wenn deren Auflösung so banal ist. Wie eine Geschichte, die so viele Ausgänge zugelassen hätte, auf eines der ältesten Fernsehklischees zurückgreift, ist gelinde gesagt unverständlich. Das Ärgerliche ist, dass die Auflösung der Serie insgesamt schadet, die Lösung zieht sich rückwärts in die Geschichte hinein und presst viele ihrer ambivalenten Charaktere in ein sehr konventionelles Muster. Und so endet dieser unkonventionelle achtstündige Film doch wie ein sehr schlechter Tatort.

Die erste Folge von "Das Verschwinden" ist in der ARD-Mediathek abrufbar. Im Ersten läuft die Serie jeweils in Doppelfolgen am 22., 29. 30. und 31. Oktober 2017 jeweils um 21.45 Uhr.