ZEIT ONLINE: Das Thema Heimat ist gerade wieder en vogue. Bund und Länder diskutieren über Heimatministerien und sogar die Grünen haben ihren Heimatbegriff formuliert. Freuen Sie sich als "Heimat"-Spezialist darüber?

Edgar Reitz: Im Gegenteil. Als ich anfing, mich in meinen Filmen mit Heimat zu beschäftigen, war das Wort ja noch tabuisiert. Nicht zu Unrecht. Ich wollte nachspüren, was an wirklicher Lebenserfahrung darin steckt. Heute wird der Heimatbegriff wieder ideologisiert. Es kehrt alles zurück in den braunen Sumpf, aus dem wir es mit Mühe befreit haben. Mir wird fast schlecht dabei.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet Heimat für Sie persönlich?

Reitz: Ich habe den Begriff nie als Abstraktion gesehen. Für mich verbargen und verbergen sich dahinter zahllose Lebensgeschichten, ein Schlachtfeld der Gefühle. Das macht mir Heimat als Stoff interessant. Und der geht mir nicht aus, ich könnte noch Jahrzehnte weitererzählen.

ZEIT ONLINE: Aber noch einmal ganz konkret, bitte. Wo sind Sie zu Hause?

Reitz: Ich lebe seit den Fünfzigerjahren in München. Aber das ist nicht so wichtig. Meine wirklichen Wurzeln liegen ganz woanders: in der Avantgarde des 20. Jahrhunderts, in dem, was man den Neuen Deutschen Film nennt. Wissen Sie, meine Filme handeln ja eigentlich nicht von Heimat im engeren Sinne. Es geht um Bindungen, nicht nur an Landschaften und Kultur, sondern auch untereinander, um Treue und Untreue, das sind meine großen Themen.

ZEIT ONLINE: Wie war das, als Sie zu den Dreharbeiten Ihrer vier Heimat-Epen in den Hunsrück zurückkehrten, wo Sie geboren wurden. Kamen da nicht doch Heimatgefühle auf?

Reitz: Ich spüre eigentlich keine Verwurzelung mehr im Hunsrück. Mit 16, 17 Jahren hatte ich nur einen Gedanken: weg. Die Enge der Provinz zu verlassen, das war für mich der stärkste Antrieb. Aus einer Provinz, wo ich mich in jeder Weise eingeschränkt, kontrolliert, beobachtet, unterdrückt fühlte. Nur weg, weg in die Freiheit! Jahre später, bei meiner künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Hunsrück, stellte sich dann heraus, dass vieles, was man in sich trägt, doch weiterlebt. Etwa, wenn man den Dialekt hört oder wenn man aus dem Fenster den Waldrand sieht. Das sind untilgbare Kindheitsbilder. Da fühlt man doch so eine Art Liebe, ohne dass es zu einer richtigen Versöhnung kommt. Aber es gibt Gefühle, auf die lässt man nichts kommen.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig sind Landschaften, wenn man von Heimat spricht?

Reitz: Landschaften sind natürlich etwas sehr Prägendes, auch in der Erinnerung sind sie überaus präsent. Deswegen habe ich mich bei meinen Filmen immer bemüht, an Originalschauplätzen zu drehen.

ZEIT ONLINE: Wenn man heute durch den Hunsrück fährt, sieht man fast nur noch Windräder.

Reitz: Ja, die Landschaft hat sich grundlegend verändert. Wir sind mit dem Team wochenlang umhergezogen, um irgendwo noch ein kleines Motiv zu finden, wo nicht alles voller Windräder ist. Für einen historischen Film ist solch eine technisierte Umgebung natürlich nicht mehr zu gebrauchen.

"Diese Deutschen haben sich nie wirklich integriert"

ZEIT ONLINE: In Ihrem bislang letzten Heimat-Film Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht erzählen Sie die Geschichte jener Menschen, die im 19. Jahrhundert den kargen Hunsrück verließen, um in der Neuen Welt ihr Glück zu machen. Da sind wir ganz schnell beim hoch umstrittenen Thema Migration.

Reitz: Heimat ist ja eigentlich kein bestimmter Ort, kein geografisch objektives Feld, sondern vor allem etwas, was der Mensch im Kopf herumträgt. Das nimmt man überall hin mit. Die deutschen Auswanderer, die, wie auch viele Hunsrücker, in die USA oder nach Brasilien gingen, haben das, was sie verlassen mussten, dort wieder etabliert, oft auf völlig absurde Weise. Da werden Fachwerkhäuser gebaut und Oktoberfeste gefeiert und die alten religiösen Riten gepflegt. Im Süden Brasiliens wird bis heute Hunsrückisch gesprochen in der Form des 19. Jahrhunderts. Die Leute konservieren etwas, was in der alten, der eigentlichen Heimat längst verloren gegangen ist.

ZEIT ONLINE: Von Integration also keine Spur?

Reitz: Nein, diese Deutschen haben sich nie wirklich integriert. Auch nach fünf Generationen nicht. Das ist eine Realität, mit der wir auch heute rechnen müssen in Bezug auf die vielen Menschen, die aus dem Nahen Osten oder Afrika zu uns gekommen sind und weiter zu uns kommen. Auch sie werden selbst nach 150 Jahren noch immer ihre alte Heimat in sich tragen. Bestenfalls praktizieren sie eine doppelte Lebensweise. Im privaten Bereich leben sie ihre alte Heimat, auf der anderen Seite bemühen sie sich unglaublich um Anerkennung in der aufnehmenden Gesellschaft und wirtschaftlichen Erfolg. Und viele sind ja auch sehr erfolgreich.

ZEIT ONLINE: Ist Heimat in Zeiten der Globalisierung nicht obsolet?

Reitz: Eigentlich ist Heimat schon heute nur noch eine Sehnsucht. Ich fürchte, es wird, in 200, 300 Jahren, eine Art Weltkultur geben, die gesamte Menschheit wird sich mehr und mehr durchmischen und das, was wir als nationale Lebensweisen und Kulturen kennen, wird verschwinden. Das geht natürlich nicht ohne Konflikte und Krisen, vielleicht sogar Kriege. Ob wir die Grenzen dicht machen oder Obergrenzen à la Seehofer definieren, ändert nichts an der Tatsache, dass die Entwicklung der Menschheit auf eine globale Kultur hinausläuft.

ZEIT ONLINE: Und die unterschiedlichen Sprachen, werden die auch verschwinden?

Reitz: Vielleicht werden irgendwann alle so ein merkwürdiges Pidgin-Englisch sprechen. Die Einzigen, die das nicht beherrschen, sind dann die Engländer (lacht).