Im Kapitalismus lebend vom Kapitalismus zu erzählen heißt, in den Spiegel zu gucken – und eine Karikatur zu entdecken. Eine Figur wie Maria Voss im Bremer Tatort: Zurück ins Licht (RB-Redaktion: Annette Strelow), die von Nadeshda Brennicke borderlinend durch den Film gehaucht wird.

Maria Voss ist irgendwie krass drauf. Nachts fährt sie mit Inlineskates durch die Stadt, und tagsüber ist sie mit Selbstoptimierung beschäftigt. Sie steht vor Leuten und haut diese "Du kannst es schaffen"-Anfeuerungsrufe ans Selbst raus, wegen derer Leute Bücher von Steve Jobs kaufen oder gleich das ganze Ratgeberliteraturregal leer.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Maria Voss klaut teure Kleider und bastelt sich ihren Selbstentwurf mit den Fotos anderer Menschen. Sie hat keinen Abschluss und hofft doch auf den tollen Job ("Das ist 'ne Position, die noch nie 'ne Frau hatte"), den sie aber nicht bekommt, weil nicht nur der Betrachter sofort merkt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Maria Voss nimmt das mit der Leistung in Leistungsgesellschaft ernst, jedes Problem ist für sie eine Herausforderung, selbst den eigens herbeigeführten Autounfall hat sie überlebt ("Ich bin von den Toten auferstanden, was soll ich noch fürchten?"), das Laufen wieder gelernt ("unfassbarer Wille, Fokussierung"). Aber all diese Skills bringen ihr komischerweise nichts.

Ihr Trick ist das kurzfristige, betrügerische Wachstum (das deutet Zurück ins Licht eher an, als es auszuführen), was eigentlich eine hübsche Metapher auf den Kapitalismus sein könnte. Man kommt aber trotzdem nicht auf die Idee, in Maria Voss ein Sinnbild etwa unserer anständigen deutschen Automobilindustrie mit ihren innovativen Abgasbetrugstechnologien zu entdecken, weil diese Frau dafür von vornherein zu weit draußen ist: Ein Irrlicht, eine Figur, die auf entsetzt kopfschüttelndes Mitleid angelegt ist, weil sie ihr Leben als Karrierefrau und Mutter nie auf die Reihe kriegen wird.

Deshalb ist es nur logisch, dass Voss am Ende als Täterin mit dem Mord bestraft wird, den Tante Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) in diesem Tatort aufklären müssen (Drehbuch: Christian Jeltsch, Olaf Kraemer). Ein Kollege ist tot, der Voss damit gedroht hatte, sie fertigzumachen (also überall rumzuerzählen, was für eine Blenderin sie ist). Das ist die Packungsbeilage mit den Risiken und Nebenwirkungen: Wenn ihr, liebe Kinder, es so macht, so übertreibt, wie es an dieser Stelle wohl heißen müsste, dann macht ihr euch schuldig. Aber auch nur dann.

Zurück ins Licht (Regie: Florian Baxmeyer) ist ein ziemlich merkwürdiger Film; die zweite Leiche, die Maria Voss produziert, stirbt blutend unter der Dusche, ein Tod, der jedem B-Movie zur Ehre gereichen würde. Es kann also sein, dass man in ein paar Jahren, wenn die Geschichte über diesen wunderlichen Tatort gegangen ist und man ihn im Spätprogramm eines dritten Programms wiedersieht, darin vielleicht noch etwas entdeckt, was das Krude und Eklektizistische sinnvoller erscheinen lässt, als es heute ist.

Denn ein wenig geht es diesem Tatort wie seiner Hauptfigur: Er wäre gern was Besseres. Ein schmissiger Film, in dem sich die dynamischen Ermittler so zack, zack lässige Dialoge an den Kopf werfen. "Denken Sie sich was aus", sagt Stedefreund im Abgang zu einer Frau, die wissen will, warum ihr Mann vorgeladen wurde.