Es ist nicht leicht, in die RAF-Geschichte zu intervenieren. Alle Tatort-Forscherinnen, die die Sendereihe als Archiv der bundesrepublikanischen Geschichte loben, müssen im gleichen Atemzug feststellen, dass diese Geschichte gar nicht vorkommt: Die RAF zum Beispiel, die in den siebziger Jahren der Tagesschau ihre News diktierte, die ging an den Veigls und Kressins, Finkes oder Lutzens (lustigerweise heißt der Oberstaatsanwalt in dieser Folge so wie die der SWR-Kommissar der damaligen Zeit) komplett vorbei.

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Wie wollte ein Krimi mit der Realaufregung konkurrieren, die die RAF verursacht hat? Den Entführungen und Ultimaten, den Tatortbildern vom dämmrig beschienenen Schleyer-Mercedes? Es ist kein Zufall, dass Zeitgeschichtssendungen wie ferngesteuert immer wieder das gleiche Potpourri an Bildern zusammenschneiden, das die RAF einst erzeugt hat. Uli Edel hat in Der Baader Meinhof Komplex alle diese Bilder nachgestellt, ein ziemlich fades Unterfangen, Mimikry; von der Geschichte versteht man dadurch nichts.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Das ist in Der rote Schatten (SWR-Redaktion: Brigitte Dithard) anders. Der Stuttgarter Tatort von Dominik Graf ist auch anders als das, was sich für gewöhnlich zwischen Tagesschau und Anne Will am Sonntagabend ereignet. Anders als das "Hatte Ihr Mann Feinde?", das Rumlaufen zwischen vier, fünf Leuten, die als verdächtig gelten, das Informationen-für-das-Publikum-Aufsagen. Dabei bedient sich Graf dieser Standards; in einer ziemlich langen, zweiteiligen Szene referieren Lonely Lannert (Richy Müller) und Kollegin Nika Banovic (Mimi Fiedler) Details zur Vergangenheit des zwielichtigen, im Dienste von Geheimdiensten stehenden Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke) in wechselnden Rollen wie in einem Theaterstück (inklusive der Textzettel, von denen sie sich gegenseitig vorlesen). 

Aufgelöst wird diese Szene nicht in Schuss-Gegenschuss, der einfachsten Form des filmischen Dialogs, sondern in Fahrten, Achsensprüngen, Close-ups und Zooms auf Computermonitore, wenn nicht gleich die flächigen Screens das Bild sind, das Akten und alte Nachrichtenbilder zeigt. Irgendwann ist das Zimmer im Kommissariat auf diese Weise durchmessen, und am Ende, wenn der Dialog nicht in Perfektion aufgeht, sondern Lannert nach einem Namen sucht ("der hieß [schnippt mit dem Finger: schnipps, schnipps, schnipps], wie hieß der? Der hieß …"), steht Essen auf den Schreibtischen, das zwischendurch bestellt worden sein muss und so das Vergehen von Zeit markiert.

Diese Szenen zeigen im Kleinen, wie Der rote Schatten im Ganzen funktioniert – das mit dem Raum-Durchmessen merkt man daran, dass dieses tolle Auf-und-ab-Talkessel-Stuttgart lange nicht mehr so groß und gut aussah wie hier; das mit dem Zeit-Vergehen an den Tagesschau-Aufnahmen von einst, Schleyer, Landshut, Ensslin-Verhaftung, Baader tot.

Dieser ARD-Sonntagabendkrimi ist ein Film, der nur anfängt und aufhört wie ein Tatort: Eine Frau ist von einem sexuell gewalttätigen Mann (Jaenicke) ermordet worden und bevor dieser Mann überführt werden kann, ist er selbst tot, angeschossen von der Tochter der Frau (Leonie Nonnenmacher) und dann (wahrscheinlich) zu Ende umgebracht von einem Staatsschützer. Das ist die Konvention – Leichen als Ermittlungsgrund und Niedertracht, Eifersucht, Hass als die üblichen Motive.

Dafür interessiert sich Grafs Stuttgarter Tatort aber gar nicht (Drehbuch: Raul Grothe und Graf), das ist nur die Verkleidung, mit der ein Film, der in die deutsche Geschichte, den sogenannten Deutschen Herbst zurückgeht, am Sonntagabend in der ARD laufen kann. In seinem Inneren ist Der rote Schatten eine Meditation über die Geschichte, über das, was uns heute daran noch interessiert, was folglich in ein Nachdenken über die Bilder münden muss, die wir von der Geschichte haben: Es geht darum, was wir auf diesen immer wieder gezeigten Bildern noch erkennen können.