Manche Filme sind wie ein Clubbesuch. Man steht erst eine Weile an, ist kurz genervt, weil es dauert, aber auch aufgeregt, weil man zwar schon in vielen Clubs war und weiß, wie das so ist, aber es ist eben doch jeder Club anders. Außerdem dröhnt verheißungsvoll der Bass nach draußen. Auf der Tanzfläche angekommen dauert es noch kurz, bis man warm wird, ein, zwei Drinks vielleicht, aber dann geht die Party richtig los, die Musik ist super und man will am liebsten ewig bleiben. Aber jeder Abend endet irgendwann.

120 Bpm ist so ein Film. Nicht nur wegen seines House-Soundtracks. Oder dem Titel, der auf die Geschwindigkeit von Clubmusik verweist: 120 beats per minute. Der Film erzählt von einer Gruppe Anti-Aids-Aktivisten in den neunziger Jahren in Paris. Viele von ihnen sind HIV-positiv – zu dieser Zeit noch häufig ein Todesurteil. Er ist ein Film, der langweilig sein könnte, weil er zum größten Teil in einem Vorlesungssaal spielt, wo der Zuschauer den Aktivisten beim Debattieren zuhören muss. Aber er ist nicht langweilig. Weil er nah am Leben ist, obwohl er sich die ganze Zeit mit dem Tod befasst und weil die Protagonisten ihr Schicksal nicht hinnehmen, mal aggressiv, mal mit erstaunlich schwarzem Humor. So sagt die Vorsitzende der Aktivistengruppe über einen Vortrag einer französischen Aids-Organisation, er sei so langweilig gewesen, dass sicher einige Aids-Kranke währenddessen gestorben seien.

Der französische Regisseur Robin Campillo war selbst Mitglied der Aktivistengruppe Act Up, um die es in seinem Film geht. Sie engagiert sich bis heute für die Rechte von HIV-Infizierten. Act Up steht für Aids Coalition to Unleash Power und wurde 1987 in New York gegründet. Die Organisation bildete bald weltweit Ableger. Sie machten durch Protestaktionen wie Todesmärsche und Kunstblutattacken auf sich aufmerksam und stritten mit Pharmaunternehmen und Gesundheitsverbänden um die Veröffentlichung von Studienergebnissen und um Medikamentenfreigaben.

Betroffen sind Schwule, Junkies, Prostituierte

Campillos Geschichte dreht sich um Sean, ein fiktives Gründungsmitglied von Act Up in Paris. Sean ist schwul und HIV-positiv. Ungefähr zehn Jahren zuvor, Anfang der achtziger Jahre, ist das Virus in Frankreich ausgebrochen, hat Tausende dahingerafft. Der Politik scheint das ebenso egal zu sein wie der Pharmaindustrie. Aufklärungskampagnen fehlen, die Forschung an neuen Medikamenten geht schleppend voran. Es sind ja vor allem diejenigen von der Krankheit betroffen, die sowieso am Rand der Gesellschaft stehen: Schwule, Junkies, Prostituierte.

Sean ist laut, wütend, aber auch einer der lebensfrohsten Männer der Gruppe. In seinen Augen funkelt die ganze Welt, all ihr Leid, all ihr Glück, all ihr Aufruhr. Vielleicht sind sie deshalb ein bisschen zu groß für sein schmales Gesicht. Bei den Zusammenkünften von Act Up trifft er auf Nathan, einen gutaussehenden, aber zurückhaltenden Mann, der HIV-negativ ist. Nathan und Sean verlieben sich ineinander. Die Beziehung der beiden trägt die weitere Handlung, ohne zu viel Bedeutung zu bekommen. Sie ist einfach da, ohne große romantische Gesten oder Eifersuchtsdramen, aber mit einem krankheitsbedingten Ablaufdatum.