Ai Weiwei gilt als einer der bekanntesten und teuersten Künstler der Welt. Durch seine Arbeiten, die popkulturell und zugleich dokumentarisch sind, hat sich der 60-jährige Künstler als einer der deutlichsten Kritiker von Menschenrechtsverletzungen in China hervorgetan. 2011 wurde er in Peking verhaftet und für mehrere Jahre unter Arrest gestellt. Seit zwei Jahren lebt er im Exil in Berlin. Sein Studio befindet sich unter dem Gebäudekomplex Pfefferberg in Berlin-Prenzlauer Berg, einer ehemaligen Brauerei, die heute Restaurants, ein Forschungszentrum, ein Hotel und Künstlerateliers beherbergt. Eine riesige schwarze Eisentür, kein Schild, zwei Stockwerke hinunter in das Gewölbe. Human Flow heißt sein neuer Dokumentarfilm über Migration, der bei den Filmfestspielen in Venedig im Wettbewerb lief und nun in die Kinos kommt. Ai Weiwei wartet am Ende eines sehr langen Flures. Eine Dolmetscherin und zwei Assistenten begleiten ihn. Wir sprechen Englisch, auch wenn Weiwei, wie er sagt, damit nur zu "50 percent" seine Ansichten auszudrücken vermag.

ZEIT ONLINE: Herr Weiwei, in Ihrem Film sieht man spektakuläre Bilder von brennenden Ölfeldern im Irak, von völlig zerstörten Städten in Syrien, von Flüchtlingslagern, die wie Großstädte organisiert sind und von anderen, in denen furchtbares Chaos herrscht. Man sieht aber auch viele Menschen, die sehr persönliche Geschichten erzählen. Wie haben sie es geschafft, den Menschen so nahezukommen?

Ai Weiwei: Soll ich poetisch oder realistisch antworten?

ZEIT ONLINE: Beides.

Weiwei: Im Jahr meiner Geburt wurde mein Vater von der chinesischen Führung verbannt. Er musste Peking verlassen und durfte 20 Jahre lang keine Zeile schreiben. Ich bin also im äußersten Westen Chinas aufgewachsen, in einer Region, die vor allem von Uiguren bewohnt wird. Mein Vater wurde auf der Straße verfolgt, angeschrien und geschlagen. Die Leute haben ihm Dreck oder Tinte über den Kopf geschüttet. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man als eine Gefahr angesehen wird, als etwas Schlechtes, das in eine Gesellschaft gesandt wurde.

ZEIT ONLINE: Und diese Erfahrungen geben Ihnen jetzt einen besonderen Zugang zu den Menschen.

Weiwei: Ich habe sehr jung das Schlechteste erlebt, wozu Menschen fähig sind. Und zugleich wollen die Leute mir immer alles erzählen, wollen sich offenbaren. Das passiert ganz natürlich.

ZEIT ONLINE: Ihr Film will die globale Dimension von Flucht und Migration abbilden. Es gibt Szenen aus dem Irak, aus Bangladesch, Ungarn, Gaza, Berlin, von der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Insgesamt waren Sie und ihre Kamerateams in mehr als zwanzig Ländern. Wie war das in einem Jahr Drehzeit überhaupt möglich?

Weiwei: Als wir mit dem Dreh anfingen, stand ich in China unter Arrest. Das war im Frühjahr 2015. Das Kamerateam flog in ein irakisches Flüchtlingslager. Alle Leute, die wir dort filmten, sagten, sie wollten nach Deutschland. 

ZEIT ONLINE: Und dann bekamen Sie im Sommer 2015 Ihren Pass und durften selbst nach Deutschland ausreisen.

Weiwei: Ja. Meine Partnerin und unser Sohn waren schon vorher hier. Sie ist Ärztin und hat sich freiwillig um ankommende Flüchtlinge gekümmert. Als ich hier war, sagte ich sofort: Ich muss diese Menschen, die nach Deutschland kommen wollen, kennenlernen. Also fuhren wir noch im Sommer 2015 nach Lesbos.

ZEIT ONLINE: Von all den Flüchtlingslagern, die Sie in Ihrem Film zeigen, erscheint Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze als das mit Abstand schlimmste. Nachdem der Grenzübergang im Februar 2016 geschlossen wurde, lebten dort bis zu 14.000 Menschen auf einem matschigen Feld, ohne jede sanitäre oder medizinische Versorgung. Wieder meine Frage: Wie nähern Sie sich diesen Menschen?

Weiwei: Ich muss mich ihnen gar nicht nähern. Wir kommen mit einem Kamerateam und filmen, das ist keine natürliche Situation. Als wir Ende Februar in Idomeni eintrafen, waren mindestens 200 Journalisten dort. Sie waren aber auch schnell wieder weg. Die Medien funktionieren auf die immer gleiche Weise: Entweder sie berichten viel zu viel über etwas oder sie berichten überhaupt nicht. Wir wollten es anders machen. Wir wollten echte, persönliche Geschichten finden.

ZEIT ONLINE: Das dauert natürlich länger.

Weiwei: Zehn bis fünfzehn Leute aus unserem Team waren über Monate dort, bis zur Auflösung des Lagers, bis all die Dinge, die dort zurückblieben, weggeräumt und entsorgt wurden. Wir haben viele Abfälle mitgenommen, sie gewaschen, und zeigen sie jetzt in Ausstellungen. Manche Flüchtlinge haben mehrere Monate in Idomeni gelebt. Sie wurden krank und vergifteten sich, weil sie Plastik verbrannten, um sich ein wenig aufzuwärmen. Sie sind durch den Krieg gegangen und hatten keine andere Wahl. Natürlich war es hart dort, aber ich mochte es auch. Wenn sie niemanden kennen und dann in die Zelte schauen und sehen, wie die Menschen ihr Essen miteinander teilen, wie sie zusammen kochen und sich gegenseitig helfen, dann ist das auch eine Freude.

ZEIT ONLINE: Sie wurden stark dafür kritisiert, dass Sie selbst im Film eine prominente Rolle spielen.

Weiwei: Aber ich kann doch nicht anders, als ich selbst zu sein! Ich bin doch kein Historiker.