Der Informatikstudent und Held des ARD-Zweiteilers Brüder, Jan Welke, hat auf den ersten Blick so gar nichts vom Gottsucher oder gar Terroristen. In seinem Milchgesicht, mit Salafistenbart oder ohne, gibt es außer Jungenhaftigkeit wenig zu lesen. Sein Darsteller, Edin Hasanovic (spielt in Familie Braun einen Neonazi), in Bosnien geboren und in Deutschland aufgewachsen, gleicht in seiner mimischen Zurückhaltung seinem Schauspielerkollegen Volker Bruch, der in der gelobten Serie Babylon Berlin den Kommissar Gereon Rath gibt. Nur wenn der Stadtmoloch swingt, dann wird Raths Miene durchsichtig und dem Zuschauer für Sekunden klar, dass es in seiner Figur noch anderes gibt als die Angst, sein Zittertrauma nicht zu beherrschen.

Die angesagten Fernsehmacher haben es nicht so mit dem Zeigen innerer Bewegung. Sie wollen auf große Bilder hinaus, für die ihnen eine Spiegelung im Schauspielergesicht wohl als zu dürftig erscheint. So, wie es zurzeit künstlerisch läuft, heißt die Richtung: von innen nach außen, vom Darsteller zum Dargestellten. Ausstatter, Bildingenieure, Kameraleute (bei Aladag: Roland Stuprich, Christian Greiner), die Illusionisten der Filmbühne, übernehmen.

Deshalb ist es nicht das Mienenspiel des Jan-Darstellers Hasanovic, das dem Zuschauer erklärt, dass mit dem Informatikstudenten etwas nicht stimmt. Warum will der junge Mann seinen allein lebenden Vater (Thorsten Merten) im Schlaf mit einem Kissen ersticken? Was hat ihm seine Mutter (Karoline Eichhorn) getan, dass er keine dauerhafte Beziehung zu Mädchen aufbauen kann? Warum nimmt er Drogen, warum vernachlässigt er plötzlich sein Studium? Aladags Film interessieren die Ursachen nicht sonderlich. Er will möglichst rasch hinaus in den Dschihad, wo die wilden Bilder wohnen.

Der Übertritt eines jungen Menschen in eine Terrororganisation, wie sie der IS darstellt, dieser GAU aller Vernunft, ist ein schreckliches Rätsel, auf das unsere westliche Zivilisation keine Antwort weiß. Filmemacher Aladag weiß auch keine erschöpfende, aber er weiß von der Verzauberung, die eine Begegnung mit dem Islam bei einem religiösen Analphabeten, wie Jan einer ist, bewirken kann.

Die werbenden Sirenenklänge eines besseren, gefestigteren Lebens im Namen Allahs gehen von dem aus Bosnien stammenden Salafistenprediger (Tamer Yigit) aus, einem Mann, der als Kind die Gräueltaten der Serben an den Muslimen in Srebrenica überlebt hat. Nach anfänglicher Ablehnung der ranschmeißerischen Anwerbungsmethoden der "Lies den Koran"-Animateure auf der Straße (Jan: "Ich bin nicht euer Bruder") findet dieser sanfte Missionar den Schlüssel zu Jans verschütteter Sehnsucht nach der verlässlichen Ruhe des Rituals und der Betäubung des Zweifelns.