"Ein Schwarzer in diesem Land zu sein bedeutet, fast immer wütend zu sein", schrieb einst der  afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin über seine Heimat, die USA. Und kaum ein anderer Film spiegelt derzeit die Legitimität dieser Wut radikaler wider als Detroit, der neue Film von Kathryn Bigelow. Sie erzählt darin ein blutiges Kapitel amerikanischer Geschichte in Bildern so stark, dass sie sich für immer ins Gedächtnis einbrennen: weiße Polizisten, die ihre Wut gegen Afroamerikaner kaum zügeln, und Schwarze, die vor Verzweiflung ihre eigene Viertel zerstören. Detroit ist ein Film, der einen in Rage versetzt. Schreien wäre eine angemessene Reaktion. Aber es ist befremdlich, wie der Film, der mit einer schwarzen Rebellion beginnt, zu einer Geschichte von schwarzer Ohnmacht wird.

Wie Zero Dark Thirty und The Hurt Locker ist auch Detroit ein politischer Thriller. Diesmal beschäftigt sich die mit einem Oscar ausgezeichnete Regisseurin und Produzentin mit den Rassenunruhen in Detroit 1967, konkret mit der Nacht vom 25. auf den 26. Juli, nach der drei schwarze unbewaffnete Zivilisten tot und neun weitere Menschen gefoltert worden waren und drei weiße Polizisten sowie ein schwarzer Sicherheitsbeamter dieser Taten beschuldigt wurden. Leider könnte das Thema fünfzig Jahre später nicht zeitgemäßer sein. Das zeigen die jüngsten Fälle von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner wie jene gegen Trayvon Martin, Michael Brown, Philando Castile, Freddie Gray, Sandra Bland, Eric Garner. Und weitere.

Detroit beginnt mit einem als Prolog getarnten Crashkurs in amerikanischer Geschichte. Animierte Bilder aus dem Great-Migration-Zyklus des Malers Jacob Lawrence zeigen die große Wanderbewegung seit dem Ersten Weltkrieg, im Laufe derer Millionen Afroamerikaner den ländlichen Süden der USA verließen, um nach Arbeitsplätzen und Bürgerrechten in den Industriestädten des Nordens zu suchen. Eine dieser Städte war Detroit, wo das Versprechen von Chancengleichheit indes eine Illusion geblieben war. Die kochende Wut zwischen Schwarzen und Weißen erreichte in den Sechzigerjahren einen Höhepunkt, in etlichen Städten herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände, die Lawrence mit gezeichnetem Feuer darstellt.

Von der ersten Minute an steht auch der Film von Bigelow in Flammen. Ende Juli 1967 breiten sich in Detroit Unruhen aus. Der fünftägige Bürgeraufstand, im Zuge dessen mehr als tausend Menschen verletzt wurden und 43 starben, entzündet sich an einer Polizeirazzia in einem illegalen Nachtklub in einem Schwarzenviertel. Die Klientel wird verhaftet, eine wütende Menge ballt sich zusammen, die ersten Molotowcocktails brennen. Am nächsten Morgen versucht ein schwarzer Kongressabgeordneter die Lage zu beruhigen, doch die Stimmung ist zu aufgeheizt. Straßen füllen sich mit Rauch, Schaufenster werden zerstört, Geschäfte geplündert, ganze Häuser angezündet. Die lokale Polizei, die Staatspolizei und die Nationalgarde rollen mit Panzer an, eigentlich um das Chaos zu stoppen. Doch dann halten sie ein kleines Mädchen, das aus einem Fenster schaut, für einen Scharfschützen und erschießen es.

"Das sieht nicht nach Amerika aus, sondern wie Vietnam", sagt ein junger weißer Polizist namens Krauss (gespielt von Will Poulter). Während einer Routinepatrouille sinniert er noch darüber, wie die Stadt ihre schwarzen Bewohner im Stich gelassen hat, in der nächsten Szene schießt er einen vermeintlichen Plünderer nieder. "Du hast ihn in den Rücken getroffen", sagt ein ranghöherer Offizier später ratlos zu ihm. "Wo soll ich sonst hinschießen? Er rannte vor mir weg", antwortet Krauss verwirrt. Der Vorgesetzte leitet eine Mordanklage gegen Krauss ein und schickt ihn dann unerklärlicherweise zurück auf die Straße.

Vor diesem Hintergrund entfaltet sich nun das grausame Kammerspiel: In der dritten Nacht glaubt die Polizei, dass ein Scharfschütze aus dem Algiers Motel auf sie geschossen hat, und drei Polizisten, angeführt von Krauss, stürmen das Gebäude. Drinnen amüsiert sich jedoch lediglich eine Gruppe junger Leute. Der vermeintliche Scharfschütze entpuppt sich als Gast, der mit einer Startpistole herumgealbert hat.