Unter den zahlreichen Tabubrüchen, die in der Serie House of Cards zu bestaunen sind, ist gewiss der charmanteste das Faible der Hauptfigur Frank Underwood, den Zuschauer unmittelbar anzusprechen. Regelmäßig blickt er direkt in die Kamera, um uns in seine Beweggründe, Pläne und Strategien einzuweihen. Die Zwiesprache, die er mit uns hält, macht uns zu unmittelbaren Komplizen seiner Intrigen.

Mit einem anderen Darsteller als Kevin Spacey hätte dieser Kunstgriff kaum funktioniert. Das Tabu der Zuschaueradressierung verlangt nach Souveränität und Charisma. Nur ein Darsteller, der sein Publikum fest im Griff hat, kann so freizügig aus seiner Rolle hinaus- und wieder in sie hineintreten. Spacey gelingt es in dieser Rolle, die filmische Illusion zu durchbrechen und den Zuschauer zugleich immer wieder in den Bann einer Geschichte zu ziehen. Besonders gut funktioniert der Trick, wenn der Schauspieler dabei in Großaufnahme zu sehen ist – nicht nur, weil die Kamera sein Gesicht liebt, sondern weil Spacey eine Nähe herstellen kann, die unsere moralischen Gewissheiten außer Kraft setzt. So nahe wie beim Close-up kommen wir dem Gesicht eines anderen Menschen nur beim Küssen oder beim Liebesakt.

Spaceys Anziehungskraft ist gebieterisch. Auch in den zwei Kinorollen, für die er Oscars gewonnen hat, fällt dem Schauspieler die Deutungshoheit zu. In Die üblichen Verdächtigen zieht er verschlagen alle Fäden einer komplizierten Verschwörung. In American Beauty kommentiert er listig die Geschehnisse aus dem Off. Er zieht uns ins Vertrauen, ja entblößt sich gar vor uns – eingangs zeigt er sich, wie er morgens unter der Dusche masturbiert, und erklärt, das sei bereits der Höhepunkt seines Tages. Kevin Spacey zuzuschauen, ist ein intimes Erlebnis. Er ist ein Meister der Ambivalenz: ein Schauspieler, dem der Zuschauer auch dann gern folgt, wenn er ihn in moralische Grauzonen führt.

Eine jähe Entzauberung

Dieser Bann ist schlagartig gebrochen, seit Kevin Spacey sich immer neuen Vorwürfen gegenüber sieht, er habe junge Männer sexuell belästigt und missbraucht. Die sexuellen Übergriffe eines Produzenten wie Harvey Weinstein sind ebenso schockierend. Dass Regisseure wie Alfred Hitchcock oder Roman Polański ihre erotischen Obsessionen nicht nur auf der Leinwand auslebten, verstört uns nicht minder. Aber solche Enthüllungen über einen Schauspieler zu erfahren, trifft noch einen anderen Nerv. Er steht mit seinem Körper, seiner Stimme und seinem Gesicht für die Figuren ein, die er verkörpert.

In Spaceys Fall sind das Männer, denen man in der Wirklichkeit um keinen Preis begegnen mochte. Er war abonniert auf faszinierende Schurken. Das Spektrum der Verworfenheit, das er vor der Kamera offenbarte, reicht von schmierigen Immobilienhändlern, rücksichtslosen Wall-Street-Managern bis zu Serienmördern. Auch Supermans Gegenspieler Lex Luthor, der die Welt gern in Katastrophen stürzt, hat er einmal gespielt sowie Richard Nixon, der das Selbstverständnis der USA nachhaltig erschütterte. Aber die Kamera hat ihn uns jedes Mal so nahegebracht, dass wir ihn zu durchschauen glaubten.

Das große Missverständnis

Spaceys Ruhm war und ist nicht unverdient. Er lässt sich nicht ausradieren. Seiner Karriere kann nun zwar ein Ende gesetzt werden, aber sie lässt sich nicht rückgängig machen. Das Publikum war maßgeblich an ihr beteiligt. In der Empörung, die seine Schandtaten nun auslösen, steckt deshalb auch ein Gran Scham. Wir haben uns nicht nur betrügen lassen und sind ihm auf den Leim gegangen. Er war, bei aller Verworfenheit, auch ein Stellvertreter des Publikums; seine Charaktere gaben unseren Fantasien eine Gestalt. Nun müssen wir uns reinwaschen von der Verbindung, die wir mit ihm eingingen. Eine Entzauberung hat stattgefunden, die sich so jäh und rasch vollzogen hat, dass einem schwindelt.

Die Öffentlichkeit richtet schneller, als es die Justiz naturgemäß kann. Der Ächtung Harvey Weinsteins gingen ausführliche journalistische Recherchen voraus sowie polizeiliche Ermittlungen, die trotz einer offenbar eindeutigen Beweislage vom New Yorker Bezirksstaatsanwalt vor zwei Jahren eingestellt wurden. Über Spacey ist eine Kaskade der Anschuldigungen hereingebrochen, die zwar glaubwürdig sein könnten. Aber vorerst scheint sich die Öffentlichkeit mit einer Wahrscheinlichkeitsrechnung zufriedenzugeben: Die sexuellen Übergriffe wären ihm zuzutrauen. Vielleicht hat er es ja ernst gemeint, wenn er so brillant Bösewichte spielte. Die einnehmende Präsenz, die er ihnen verlieh, bereitet jetzt nachträgliches Unbehagen. Sollte ein Schauspieler die Emotionen, die er darstellt, nicht kennen?