Während der Frankfurter Buchmesse saßen Didier Eribon und Annie Ernaux vor Kurzem nebeneinander auf einer Bühne: Links der 64-jährige Soziologe und Foucault-Biograf, der in Deutschland vergangenes Jahr mit seinem autobiografischen Essay Rückkehr nach Reims bekannt wurde und von dem jetzt Gesellschaft als Urteil erschienen ist, rechts von ihm die 77-jährige Schriftstellerin, die bereits 1984 den renommierten Prix Renaudot erhielt und mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht hat, in Deutschland aber immer noch kaum bekannt ist.

Sie dort zusammen zu sehen war nicht nur deshalb ein Erlebnis, weil beide so elegant, zurückgenommen, fast schüchtern auftraten und sich in gegenseitigen Ehrerbietungen übertrafen. Während er Rückkehr nach Reims geschrieben habe, sagte Eribon zum Beispiel, habe ein Stapel von Ernaux’ Büchern auf seinem Schreibtisch gelegen. Ohne sie hätte er, das Arbeiterkind, nie selbst anfangen können, zu schreiben: "Erst ihre Bücher haben mir die innere Erlaubnis dazu gegeben." Später sagte er noch: "Über Hausangestellte gibt es kaum Erzählungen." Und wenn, dann sei die Perspektive selten ihre eigene, sondern es werde über sie geschrieben, sich über sie lustig gemacht, über all die Eigenschaften und Angewohnheiten, die sie als Angehörige einer anderen, niedrigeren Klasse ausweisen. "Unbeabsichtigten Klassenrassismus" nennt das Eribon. Er findet ihn auch unter seinen liebsten Autoren, bei Balzac, Proust, Sarraute.

Annie Ernaux beschrieb schon 2013 in einem Vortrag über Proust die Verlegenheit und die Empörung, die sie einige Male beim Lesen seiner Werke empfand. In Die Suche nach der verlorenen Zeit sagt der Ich-Erzähler über das Hausmädchen der Familie: "Von Nachdenken konnte bei Françoise nicht die Rede sein. Alles in allem wusste sie nichts. Aber von ihrem klaren Blick, von den zarten Linien der Nase und der Lippen [...] war man bisweilen betroffen wie von dem guten, klugen Blick eines Hundes, dem doch alle menschlichen Vorstellungen fremd sind." Das Hausmädchen als Hund – das liest sich mindestens befremdlich. Man ahnt, was es für die junge Ernaux geheißen haben muss, die Schriftstellerin werden wollte, deren soziale Klasse sie aber auf die Seite des Dienstmädchens stellte.

Wieso aber ist das alles wichtig, um von einem neuen Kinofilm zu sprechen? Weil sich daran gerade etwas ändert.

Gleich nach Eribon und Ernaux betrat Leïla Slimani die Bühne, um aus ihrem Buch Dann schlaf auch du zu lesen. Der 2016 mit dem Prix Goncourt prämierte Roman erzählt von einem Kindermädchen – aus der Perspektive des Kindermädchens. Und jetzt kommt der französische Film Madame ins Kino, in dem es ebenfalls um eine Hausangestellte geht – und um deren Perspektive.

Die Filmemacherin Amanda Sthers macht das ganz anders als zum Beispiel die Dardenne-Brüder, die ganz aus der Perspektive der Unterlegenen erzählen, in einer direkten, rauen Ästhetik. Ihr Film Madame tranchiert die Verhältnisse hingegen fein und scharf mit einer Klinge, die in der Bourgeoisie geschärft wurde. Sthers richtet sie gegen ebendiese und führt sie in ihrer Gesellschaftskomödie Madame mit Schnelligkeit, Leichtigkeit und äußerer Heiterkeit.

Der Film erzählt von der spanischen Hausangestellten Maria (Rossy de Palma) und dem amerikanischen Ehepaar Anne (Toni Collette) und Bob (Harvey Keitel). Zusammen mit weiteren Bediensteten leben sie derzeit in Paris. Für den Abend haben sie eine kleine Gesellschaft zum Essen eingeladen, darunter den Londoner Bürgermeister, einen erst neunjährigen französischen Starpianisten und einen einflussreichen irischen Kunsthändler. Als allerdings Bobs erwachsener Sohn aus erster Ehe, Steven (Tom Hughes), unangekündigt zu Besuch kommt, ist der Tisch auf einmal für dreizehn gedeckt. Anne gerät in Panik – "Das bringt Unglück!" – und drängt Maria, als vierzehnter Gast an dem Essen teilzunehmen.

"Das geht nicht, Madame, ich bin doch Ihre Hausangestellte", wehrt diese zunächst ab, nur um von Anne ein verlogenes "Unsinn, du gehörst doch zur Familie" zu hören zu bekommen. Denn auch als "Mitglied der Familie" soll Maria sich an der feinen Tafel besser als jemand anderes ausgeben: eine geheimnisvolle Freundin der Familie aus Spanien sei sie, wahrscheinlich verwandt mit dem spanischen Königshaus. "Aber werden sie mich nicht erkennen? Sie haben mich doch schon hier gesehen!", fürchtet Maria, woraufhin Anne roh entgegnet: "Sie haben dich nicht gesehen! Niemand sieht ein Dienstmädchen an."