Am Ende der ersten Folge von Nola Darling kommt es beinahe zur Katastrophe. Leicht angetüdelt läuft die Titelheldin (DeWanda Wise) die Straße entlang. Es sind nur ein paar Blocks bis zu ihrer Wohnung, doch auf dem Weg dorthin wird sie von einem Mann angesprochen. Solche Situationen gehören im Brooklyner Stadtteil Fort Greene zum Alltag der Frauen, das hatte Nola den Zuschauern eben noch erklärt. Diesmal liegt jedoch eine aggressive Stimmung in der Luft. Der Mann nennt sie "Schnecke" und "Scheiß Tussi" und greift gewaltsam nach ihrem Handgelenk. Nur mit Mühe kann sich Nola losreißen und flüchten.

Spike Lee präsentiert mit Nola Darling auf Netflix ein gut fünfstündiges Update seines Debütfilms She's Gotta Have It aus dem Jahr 1986. Viele Beobachter sahen darin den verzweifelten Versuch eines ehemals bedeutsamen Regisseurs, an bessere Zeiten und alte Relevanz anzuknüpfen. Der 60-jährige Lee stand zuletzt aus vielerlei Gründen in der Kritik: Seine jüngsten Filme Oldboy und Chi-Raq galten als unsensible Auseinandersetzungen mit den großen Fragen des afroamerikanischen Zusammenlebens. Kommerzielle Flops waren sie allesamt. Lee, urteilte die New York Times, sei von einer Kultur überholt worden, die er selbst mitgeprägt hatte.

Bis zur Beinahe-Katastrophe am Ende der ersten Folge wirkt Nola Darling selbst wie eine Katastrophe. Ohne erkennbares Maß verschränkt der Regisseur Achtzigerjahre-Fotos aus Fort Greene mit neu gedrehten Szenen und entstaubt eine Reihe stilistischer Marotten, die schon vor drei Jahren überholt waren: Denkblasen und SMS-Nachrichten erscheinen auf dem Bildschirm, Buchstaben tropfen aus den Mündern der Schauspieler. Immer wieder sprechen sie direkt in die Kamera und schwanken im Ton zwischen Romcom-Gefühlsdusel und Shakespeare-Inszenierung.

Erst der Schlüsselmoment des sexuellen Übergriffs gibt dem Geschehen eine Richtung. So alltäglich der Vorfall zunächst wirkt und so schnell er vergessen zu sein scheint – etwas nistet sich ein in Nolas Unterbewusstsein und entwickelt sich zur traumatischen Erfahrung, die ihren ganzen Lebensentwurf infrage stellt. Selbstbestimmt und vergleichsweise sorglos hatte die Protagonistin zuvor als bildende Künstlerin mit drei grundverschiedenen Teilzeitliebhabern gelebt. Nun zweifelt sie nicht nur an ihrer Sexualität und dem Konzept der Polyamorie, sondern auch an ihrer seelischen Gesundheit.

Lee und sein writer's room, zu dem unter anderem seine Frau Tonya Lewis Lee, seine Schwester Joie Lee und die Pulitzer-Preis-dekorierte Dramatikerin Lynn Nottage gehören, inszenieren diesen schleichenden Prozess sehr einfühlsam. In Gesprächen mit einer Therapeutin, denen der flamboyante Stil der anderen Dialoge dieser Serie völlig abgeht, offenbart die Protagonistin Ängste und Selbstzweifel, die das Publikum vor allem deshalb überraschen, weil sie auch Nola selbst überraschen. Noch lange nach der Begegnung mit ihrem Angreifer massiert sie in Stresssituationen scheinbar beiläufig das Handgelenk, an dem er sie gepackt hat.