Starr, bürokratisch und altmodisch, interessengebunden oder staatstragend – diese Attribute begleiten das aktuelle Bashing des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Allzu offensichtlich sind dabei in vielen Fällen die Eigeninteressen der Kritiker, besonders deutlich erkennbar in den Äußerungen von Mathias Döpfner, dem Präsidenten des Zeitungsverlegerverbandes (BDZV). Doch jenseits dieser Machtkämpfe gilt es zu fragen: Was macht den Wert öffentlich-rechtlicher Medien aus? Wie lässt sich dieser Wert steigern und öffentlich sichtbar machen?

Eine Reihe von Wissenschaftler_innen und medienpolitisch Interessierten, zu denen auch ich gehöre, haben in einem offenen Brief zehn Thesen zur Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien formuliert. Wir wollen damit sowohl die interne Debatte in Medieninstitutionen wie auch den öffentlichen Diskurs anstoßen. Durch Digitalisierung und konvergente, vernetzte Kommunikation erleben wir gerade einen radikalen Wandel von Medieninstitutionen und -angeboten. Tradierte Strukturen und Geschäftsmodelle sind grundlegend herausgefordert. 

Margreth Lünenborg ist Professorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin. Zuletzt erschienen von ihr "Politischer Journalismus im Fokus der Journalistik" und "Wir und die Anderen? Eine Analyse der Bildberichterstattung deutschsprachiger Printmedien zu den Themen Flucht, Migration und Integration". © privat

Publizistische Vielfalt – das Angebot mehrerer, konkurrierender Medien an einem Ort – schwindet. Digitale Plattformen wie Facebook werden zu zentralen Vertreibern journalistischer Inhalte und organisieren damit Nachrichtenvermittlung entlang intransparenter Algorithmen und Marktinteressen. Welche Folgen hat das für unsere Gesellschaft? Als Kommunikationswissenschaftlerin interessiert mich in diesem Wandlungsprozess insbesondere die Frage nach der Qualität von Medienangeboten. Welche Inhalte, welche Angebote, welche Medien brauchen wir? Welchen öffentlichen Wert haben Informationen und auch unterhaltungsorientierte Medienangebote? Welchen sollten sie haben?

Genau an dieser Stelle kommen öffentlich-rechtliche Medienangebote ins Spiel. Ihre Legitimation kann nur darin bestehen, spezifische Leistungen für die Gesellschaft beziehungsweise für verschiedene Teile dieser Gesellschaft zu erbringen, die ansonsten nicht (oder nicht ausreichend) gewährleistet sind. Ihr Erfolg kann deshalb nicht zuvörderst anhand von Reichweite und Einschaltquoten bemessen werden. Ein erfolgreicher öffentlich-rechtlicher Rundfunk muss durch seine Qualität sichtbar werden. Qualität als public value, als öffentliches Gut – was heißt das genau?

Zur Beschreibung journalistischer Qualität liegen umfangreiche theoretische Überlegungen vor, und auch für die konkrete Messung gibt es längst etablierte Konzepte und Verfahren. Unbestritten gehören Aktualität, Relevanz, Vielfalt, Transparenz, Richtigkeit und Verständlichkeit zu den zentralen Gütekriterien journalistischer Leistungen. In Zeiten digitaler und vernetzter Kommunikation sind ein paar Ansprüche hinzugekommen: Dialogorientierung, Interaktivität, Multimodalität, also das Zusammenführen von Text, Bild, Bewegtbild und Ton. Damit lässt sich konkret messen, wie viele Quellen bei der Recherche eines Beitrags genutzt wurden. Werden neben den Stimmen von Politiker_innen auch andere Sprecher_innen – beispielsweise Mitglieder der Zivilgesellschaft – gehört? Wie verständlich ist eine Nachricht? Wie wird der Publikumsdialog organisiert? Hat er eher dekorative Funktion, oder wird er substanziell in die Programmentwicklung integriert?

Wie eine solche Qualitätsprüfung stattfinden kann, machen uns Schweizer Kollegen seit einigen Jahren vor. Die jährliche, unabhängige Analyse zur Qualität der Medien, erstellt vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (foeg), lange unter der Leitung von Kurt Imhof, jetzt von Mark Eisenegger, ist keine klassische Auftragsforschung der Medienunternehmen, sondern wird durch Forschungsmittel finanziert.

Der Bericht liefert vergleichende Daten zur Schweizer Medienlandschaft – darunter auch zum SRG, dem öffentlichen Rundfunk. Mit Inhaltsanalysen messen Wissenschaftler_innen hier Quellentransparenz, Sachlichkeit und journalistische Eigenleistung der Redaktionen. Die letzte Analyse befasst sich mit der Qualität der Angebote auf den jeweiligen Nachrichtenseiten. Den Vergleich muss das öffentliche Angebot keineswegs scheuen – im Gegenteil: Je konzentrierter und schmaler der Pressemarkt wird, umso deutlicher werden die Leistungen des SRG als verlässlicher und glaubwürdiger Nachrichtenlieferant erkennbar: Öffentliche Angebote in Hörfunk und Fernsehen erreichen die höchsten Qualitätswerte.

Trotz dieser inhaltlichen Leistungen muss sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz auch politisch durchsetzen: In einem Volksbegehren am 4. März 2018 entscheidet die Bevölkerung darüber, ob sie die Radio- und Fernsehgebühren abschaffen will und damit auch den gesamten öffentlichen Rundfunk mit seinen 17 Radio- und sieben TV-Stationen.

In Deutschland gibt es bisher keine unabhängige und auf Dauer gestellte Qualitätsprüfung öffentlich-rechtlicher Medienangebote. Sie ist jedoch unverzichtbar, um deutlich zu machen, worin ihr gesellschaftlicher Wert liegt oder liegen kann – auch im Vergleich zu anderen privaten Anbietern. Eine Qualitätsdebatte darf nicht beim Abhaken bekannter Kriterien stehen bleiben.

Die kritische Community muss gepflegt werden

Der Wert des öffentlichen Rundfunks – sein public value – muss im Mittelpunkt der Diskussion stehen: Wo liegen die finanziellen (und auch moralischen) Grenzen bei der Finanzierung von Sportübertragungsrechten oder bei den Honoraren für Fernsehprominenz? Wie kann Kultur als öffentliches Gut gefördert werden – in all ihrer Diversität, weit jenseits der Hochkultur? Wie divers ist das aktuelle Medienangebot? Wie und wo sind Frauen sichtbar? Welche Räume und Rollen übernehmen migrantische Akteur_innen? Wie lassen sich Mut und Innovationsfreude in Medienformaten messen? Wie kann es gelingen, die Zuschauerinnen und Nutzer selbst in die Bewertung von Qualität einzubeziehen?

Zivilgesellschaftliche Initiativen für eine Beteiligung an der Debatte muss man unbedingt pflegen. Denn hier stellen sich engagierte Nutzer_innen und Bürger_innen mit konstruktiven Vorschlägen den populistischen Tönen der selbst ernannten Zwangsbeitragszahler_innen entgegen. Sie könnten zu einer (kritischen) Community werden, die Teil der dringend nötigen Verjüngung des Publikums wird. Auch Ombudspersonen in den Sendern als direkte Ansprechpartner_innen können einen solchen Austausch fördern – basierend auf wechselseitiger Wertschätzung. Kritik am Programm muss dann nicht allein auf den formalisierten Prozess der Programmbeschwerde im Rundfunk- beziehungsweise Fernsehrat beschränkt sein, sondern gehörte zu einer vitalen Dialogorientierung öffentlicher Medien.

Kritischer Blick auf überholte redaktionelle Routinen

Die öffentliche Debatte um die Qualität öffentlich-rechtlicher Medien muss vielschichtig geführt werden: Transparenz ist dabei ein zentrales Gebot. Mein Vorschlag: Häufiger ein making of journalistischer Produktion: Unter welchen Bedingungen entsteht die Nachricht oder Reportage? Warum fehlen manche Themen? Wieso tauchen immer wieder die gleichen Experten auf? Die Bedingungen, unter denen Relevantes vom Irrelevanten unterschieden wird, der O-Ton (oftmals in aufwändiger Inszenierung) gewonnen wird, das Bildmaterial geprüft wird – solche Bedingungen journalistischen Handelns müssen immer wieder sichtbar werden und sich dabei der Kritik stellen. Nicht nur in der Ausnahmesituation der Kriegsberichterstattung, sondern fortlaufend im redaktionellen Alltag.

Dafür braucht es einen Medienjournalismus, der auch die Schwächen der Arbeit im eigenen Hause in den Blick nimmt und bei dem der O-Ton des Intendanten zum Jubiläum weniger bedeutsam ist als der kritische Blick auf überholte redaktionelle Routinen und mangelnde Flexibilität. Nur in Ausnahmefällen werden investigative Ergebnisse wie die Paradise Papers zutage fördert, oftmals reagiert Journalismus auf Themensetzungen in Politik oder PR, anstatt selbst Themen zu setzen.

Eine unabhängige und auf Dauer angelegte Analyse der publizistischen Qualität ist unverzichtbar. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen können im Einzelfall wehtun. Aber nur dann gibt es Argumente für bessere Recherche, mehr Partizipation oder Mut zu neuen Formen und Formaten.