Es gibt wahrscheinlich nicht viele Branchen, die euphorisch auf das vergangene Jahr zurückblicken. Bei den deutschen Serienmachern sieht das anders aus. In vielen Sendern und Produktionsfirmen werden nun wohl die Champagner-Pyramiden aufgetürmt, ganz nach dem Vorbild von Babylon Berlin.

2017, das kann man ohne Übertreibung sagen, war das wichtigste Jahr in der deutschen Serienbranche überhaupt. Nicht nur das lange herbeigezitterte Prestigeprojekt Babylon Berlin hat sich mit mehr als drei Millionen Zuschauern als Erfolg für den Sender Sky erwiesen, auch die übrigen deutschen Produktionen haben die Erwartungen ihrer Auftraggeber erfüllt. Das Neuköllner Gangsterdrama 4 Blocks von TNT, die erste deutsche Netflix-Produktion Dark wie auch Amazons Schweighöfer-Thriller You are wanted werden fortgesetzt, einige schon 2018.

In der Münchner Produktionsfirma NEUESUPER beobachtet man den ganzen Hype mit der Gelassenheit derer, die schon ein bisschen länger dabei sind. Die drei Produzenten sitzen gemütlich bei einer Tasse Tee zusammen. Rafael Parente erzählt ausführlich von seiner kleinen Tochter, die gerade zur Welt gekommen ist, Simon Amberger lehnt sich entspannt im Sessel zurück, nur Korbinian Dufter schlurft etwas augenumringt herein. Er hat gerade einen Nachtdreh hinter sich, er müsse halt jetzt endlich seinen Abschlussfilm an der HFF München fertigstellen, sagt er und grinst.

An der Hochschule für Fernsehen und Film haben sich die drei kennengelernt und nach ihrem Abschluss 2010 ihre eigene Produktionsfirma gegründet, die NEUESUPER. Weniger von der Vision getrieben, dass Fernsehen nun das große neue Ding sei, sondern eher aus der Not heraus, gibt Parente zu: "Wir haben uns selbstständig gemacht, weil wir ohnehin nicht damit rechnen konnten, einen Job in der Branche zu finden." Ihre erste Serie pitchten sie 2012 "bei einem kleinen Sender, den damals niemand auf dem Schirm hatte: ZDFneo". Die Pilotfolge setzte sich in einem Publikumsvoting gegen die Konkurrenz durch und so entstand 2015 Blockbustaz, eine überdrehte Sitcom über einen arbeitslosen Rapper (Eko Fresh) in der Kölner Hochhaustristesse. "Unser Budget war so klein, wir konnten uns nicht mal eigene Toilettenhäuschen leisten", erinnert sich Parente.

Ein weiterer Überraschungserfolg der Drei war Hindafing, die Miniserie erschien völlig unbemerkt mitten im total aufgeheizten deutschen Serienjahr 2017. Die Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk und der HFF handelt von einem Chrystal-Meth-süchtigen Bürgermeister (Maximilian Brückner), der Flüchtlingskrise, den Panama Papers und vielen sogenannten Abgehängten im bayerischen Hinterland der A9. Für das öffentlich-rechtliche Publikum war die Serie offensichtlich zu finster, die Quoten waren schlecht. Dafür erhielt die Serie euphorische Kritiken und im September sicherte sich Netflix die Streamingrechte für Deutschland.

Neue Synergien

Die Genese von Hindafing erzählt viel über den deutschen Serienmarkt und das Verhältnis zwischen seinen Protagonisten. 2017 haben Amazon und Netflix nicht nur mit ihren ersten deutschen Eigenproduktionen erfolgreich ihre Macht erprobt. Die Streamingdienste greifen immer häufiger auch erfolgreiche Formate des linearen Fernsehens ab, indem sie, wie bei Hindafing, einem Nischenprodukt der Öffentlich-Rechtlichen noch mal eine Plattform bieten. Oder indem sie erfolgreiche Formate gleich selbst weiterentwickeln. So hat sich Amazon die Fortsetzung des DDR-Agentendramas Deutschland 83 gesichert. RTL, ausstrahlender Sender der ersten Staffel, wird die zweite Staffel, Deutschland 86, irgendwann auch zeigen in seinem Programm. Wahrscheinlich. Auch die erfolgreiche Comedy Pastewka wird künftig nicht mehr auf Sat1 laufen, sondern auf Amazon. Man sieht recht deutlich, wo die Verlierer der neuen Machtverteilung zu finden sind: bei den Privatsendern.

2017 war aber auch ein Jahr der Synergien zwischen neuen und alten Playern. Babylon Berlin etwa wird nicht nur als teuerste deutsche Serienproduktion im Gedächtnis bleiben, sondern auch als erste Gemeinschaftsarbeit eines öffentlich-rechtlichen (ARD) und eines Pay-TV-Senders (Sky), einer Filmproduktionsfirma (Tom Tykwers X-Filme) und eines Weltvertriebs (Beta Film). Die ARD wurde zwar von vielen Seiten als Verlierer dargestellt, weil sie die 1920er-Jahre-Serie erst im Herbst 2018 ausstrahlen darf, also ein ganzes Jahr nach der Premiere auf Sky. Aber Babylon Berlin wird sicherlich auch im Ersten sein Publikum finden und vom medialen Echo profitieren, das in den vergangenen Monaten um die Serie entstanden ist.

Rückkehr des Genre

Neu ist auch, dass sich Pay-TV-Sender ebenfalls am Wettkampf beteiligen. Allein Sky Deutschland hat für 2018 vier Eigen- bzw. Koproduktionen geplant, darunter die Fortsetzung von Wolfgang Petersens Klassiker Das Boot. Ein weiteres Prestigeprojekt ist die Serie Acht Tage, bei der unter anderem der Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky Regie führt. Produziert wird das Drama von der NEUESUPER. Es geht, schlicht gesagt, um den Weltuntergang. Ein Meteorit droht große Teile von Westeuropa zu zerstören und in Berlin kämpfen die Menschen darum, ihre Haut zu retten und einen Fluchtweg zu finden.

Weltuntergang, Endzeitsszenarien und Science-Fiction: All dies schien in den letzten Jahrzehnten undenkbar im deutschen TV. Die Rückkehr des Genres ist die zweite große Veränderung, die 2017 gebracht hat. Auch wenn die meisten deutschen Produktionen immer noch irgendwie um Polizeiarbeit und Kriminalfälle kreisten, so ist Dark doch ganz klar Science-Fiction, 4 Blocks Milieustudie, Babylon Berlin Historiendrama und selbst Matthias Schweighöfers Hacker-und-Überwachungsdrama You are Wanted solide Action.

Rafael Parente begrüßt diese Entwicklung: "Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland viel zu viel Fiction gibt, die eigentlich journalistische Arbeit leisten will", sagt der Produzent. "Viele Geschichten scheinen nach der Frage aufgebaut zu sein: Was ist in diesem Jahr passiert und worüber können wir einen Film machen? Das Spielerische aber, der Mut, sich nicht immer ganz penibel an die Tatsachen zu klammern, dafür aber eine gute Geschichte zu erzählen, das fehlt uns Deutschen."