Es ist eine gute Frage, warum Filme, die das Geld dafür nicht haben, Hollywood spielen wollen. Warum also Saarbrücken im Tatort: Mord Ex Machina  (SR-Redaktion: Christian Bauer, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) aussehen soll wie das von lauter 100.000-Watt-Batterien hell erleuchtete deutsche Silicon Valley. Der Wunsch danach streift eine andere Frage: Kann man den Tatort gucken wie einen richtigen Film (einen aus Hollywood)?

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

Die Begegnung mit einem Produkt des deutschen Redakteursfernsehens ist also eine zwiespältige Angelegenheit. Man fühlt sich ein wenig wie beim Spielen mit kleinen Kindern, die man gewinnen lässt, weil es ja um etwas anderes geht als ums Gewinnen.

Lustig wäre der Tatort, wenn er um seine eigene Minderbemitteltheit wüsste, in finanzieller wie in ästhetischer Weise, und also ein paar Witze über sich selbst einbaute. Die signalisierten der Zuschauerin dann, dass die Macher (Regie: Christian Theede, Buch: Hendrik Hölzemann, frei nach einer Vorlage von David Ungureit) um die Begrenztheit ihres Films wüssten.

Was nicht nach Witzen aussieht: die feschen, bewerbungsfotocoolen Stills der handelnden Akteure, die der Tatort auch noch lange nach der sehr langen, gefühlt fast endlosen Einführung immer wieder einbaut. Was schon eher nach Witz aussieht: Wie Devid Striesow als Kommissar Jens Stellbrink durch den Film hastet, immer gut drauf, immer dynamisch, ein bisschen wie auf Abschiedstour.

Einen Tatort mit Striesow wird es in Saarbrücken noch geben, danach geht seine wenig aufregende Amtszeit im schönen Saarland zu Ende. Vermutlich ist diese Spielweise aber nur Zeichen des verunglückten Versuchs, mit einem nicht uninteressanten Schauspieler ein bisschen was Komisches und ein bisschen was Spannendes im Sonntagabendkrimi zu veranstalten.

Am ehesten lässt sich Mord Ex Machina ethnologisch betrachten. Welche deutsche Filmwirklichkeit zusammengelötet wird in diesem eigenartigen Format Tatort, das Krimi sein und zugleich zumeist etwas über gesellschaftliche "Themen" erzählen will. Hier geht es um die Möglichkeiten des Digitalen, um das Spiel mit den Daten, bei dem die Hackerfrau (Julia Koschitz) über den Kommissar mal eben Sachen herausfindet, für die er im umgekehrten Fall einen ganzen Film braucht.

Das Ganze wird als Wette verabredet zwischen Stellbrink und einer Frau, die in den Ermittlungen um den Tod eines Firmenjuristen (Nikolai Kinski), der von einem selbstfahrenden Auto ermordet wurde, eine Rolle spielt. Was zur Niedlichkeit beiträgt, weil da Sphären eng geführt werden wie in einer Rosamunde-Pilcher-Schmonzette, in der wirklichkeitsferne Menschen mit angeklebten Berufen und Schicksalen die Liebe finden sollen. Dementsprechend kommt es zwischen Ermittler und Mit-Verdächtiger fast zu amourösen Verwicklungen. 

Was die Ethnologin am meisten faszinieren dürfte: Wie dieser Film alles auf einmal sein will. Öffentliches Reden über die Gefahren des Digitalen (der Kommissar muss dann als Stellvertreter eines abgedroschenen Arguments sagen, dass er nichts zu verbergen hat), modische Anmutung, Sendegebietsmarketing ("Technologiestandort Saarland"), Zwischenmenschlichkeitsgemenschel (der Pilcher-Part), Mordaufklärung.

Das Amalgam, das Mord Ex Machina geworden ist, hat mit einem guten Krimi dann ungefähr noch so viel zu tun wie Steve Windolfs lausig posender Firmenboss mit einem echten Start-up-Chef. Die Assistentin offeriert Stellbrink einen Smoothie übrigens so ostentativ dämlich, wie er in der vermuteten Wahrnehmung eines Ü70-Publikums schon immer wirken soll.  Unterwegs ist der Firmenboss aber als großer Macher – nämlich im Auftrag der obersten Politik, für die er seine selbstfahrenden Autos trotz aller Schwachstellen durchboxen will.

Das allein ist als Motiv wie aus dem Märchenbuch und damit albern, denn wieso sollte ausgerechnet ein so sicherheitssensibler Bereich wie die Regierung derart heiß auf selbstfahrende Fahrzeuge sein, zumal Chauffeure doch auch Repräsentanten von Macht sind? Man könnte sich problemlos andere, triftigere Zwänge vorstellen, warum ein Hersteller die Produktreife seines Produkts nicht abwarten will (Geld oder Konkurrenz zum Beispiel). Und man würde damit unter Umständen etwas darüber erzählen, wie es zum sogenannten Dieselskandal kommen konnte. Oder den Schwierigkeiten der Bahn auf der neuen Strecke zwischen Erfurt und München. Aber dafür müsste filmisches Erzählen aus etwas anderem bestehen als aus gegenseitigem Erklärungsaufsagen.

Mord Ex Machina ist ein plakativer Film, durch den sich der Kommissar bewegt wie ein Moderator. Eine Hinterbühne gibt es nicht, keine Abgründe oder Ambivalenzen. Der Tatort ist ein Kasperletheater, bei dem alles konsequenzlos bleibt, weil der Konsens (Kommissar findets am Ende irgendwie raus) feststeht. Anschaulich wird das in der Szene, in der die Hackerfrau peinliche Bilder von Stellbrink an alle im Polizeirevier schickt: Was mit dem Gefühl größter Scham verbunden sein könnte (alle sehen etwas Privates), also mit tiefsten Emotionen beim Filmegucken, verursacht bei Stellbrink: nichts. Und dann geht es einfach weiter im Programm.