Frankie (Harris Dickinson) weiß nicht, was er will. Oder wer er eigentlich ist. Nur so viel ist sicher: Er raucht gerne Gras, eigentlich sind ihm alle Drogen recht, selbst die opiathaltigen Medikamente seines krebskranken Vaters zieht er sich kleingehackt durch die Nase.

Unsicher wirkt der 19-Jährige auf den ersten Blick gar nicht. Er ist groß, hat markante, aber hübsche Gesichtszüge, traurige blaue Augen und jede Menge Muskeln. Die fotografiert er gerne im Spiegel, wenn er sie nicht gerade trainiert. Doch Frankies Identitätsprobleme reichen tiefer als die der meisten Teenager. Denn während er tagsüber mit seinen hyper-maskulinen Kumpels am Strand von Coney Island abhängt, trifft er sich nachts mit älteren schwulen Männern; erst nur im Chatroom, doch bald schon zu echtem Sex auf dem Parkplatz und am Strand.

Gleichzeitig beginnt er eine Beziehung mit der hübschen Simone (Madeline Weinstein), für die er sich aber im Grunde genauso wenig interessiert wie für seine Kumpels. Sie scheint mehr ein Alibi zu sein: für seine Mutter, die wissen will, mit wem sich ihr Sohn nachts rumtreibt; für seine hohlen Jungs, die ständig über pussies reden, aber natürlich gar keinen Kontakt zu Mädchen haben; und für sich selbst, denn als schwul möchte Frankie sich nicht bezeichnen, schwul, das ist ein Schimpfwort in seiner Welt. 

Beach Rats ist der zweite Spielfilm der amerikanischen Regisseurin und Drehbuchautorin Eliza Hittman, die für ihre Arbeit den Regiepreis beim Sundance-Filmfestival gewann. Sie wuchs selbst in Brooklyn auf und verbrachte viele Sommer am Strand von Coney Island, einer Gegend, die von Gewalt und prekären sozialen Verhältnissen geprägt ist. Schon Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich der südlichste Zipfel von Brooklyn als Ort für Prostitution, Glücksspiel und allerlei Zwielichtiges; seit den 1920er-Jahren wurden dort vor allem Vergnügungsparks und Touristenattraktionen errichtet, die der New Yorker Mittelschicht zur Zerstreuung dienen sollten. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sie nach und nach schließen. An der Stelle der alten Vergnügungsparks wurden hohe Wohnblocks gebaut, in denen vor allem  Sozialwohnungen entstanden. Bis heute ist das Gebiet geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

An der Strandpromenade mit ihren verfallenen Vergnügungsanlagen und Spielhallen scheint jedoch die Zeit stehengeblieben zu sein. Ein bisschen ist noch spürbar vom hedonistischen Charme der Ära, als die Touristen Geld hereinbrachten und die Spielautomaten noch glänzten. Doch der Lack ist längst abgeblättert.

Dass Hittman diesen Ort als Schauplatz für ihren Film gewählt hat, macht viel von seinem Zauber aus. Die Promenade Coney Islands mit ihren Feuerwerken ist eine ebenso billige Fassade wie die, die Frankie vor seinem Umfeld versucht aufrechtzuerhalten. Er lebt gewissermaßen in einer doppelten Parallelwelt: ganz persönlich, zwischen seinen latent homophoben Kumpels und dem eigenen homosexuellen Begehren. Und innerhalb der New Yorker Gesellschaft; denn obwohl ihn nur wenige Zugstationen von der schwulen Community in Manhattan trennen, kann er sein eigenes soziales Umfeld nicht verlassen.

Langsames Herantasten

Wie zerrissen Frankie innerlich tatsächlich ist, kann man nur erahnen. Hittman wagt es nicht, ihrem Protagonisten zu nahe zu treten. Daher gibt es auch keine künstlichen, pseudotiefgründigen Sätze, die kein Mensch jemals wirklich sagen würde. Stattdessen fängt die Kamera das ein, was auch für Frankie und seine Freunde das Wichtigste zu sein scheint: die Oberfläche. Oft sagt sie damit mehr, als jeder Dialog es je vermöchte. In Nahaufnahmen sieht man den gepiercten Bauchnabel von Frankies Freundin Simone, ihre aufgeklebten Fingernägel, ihre Künstlichkeit. Frankies gebräunten Sixpack, seine blauen Augen, seine Sommersprossen.

Liebevoll kehrt die Kamera immer wieder zurück zu dem britischen Hauptdarsteller Harris Dickinson, den der Guardian als Entdeckung des Jahres feiert. Er spielt seinen Charakter unaufdringlich und natürlich, aber stets so, dass man seine Unentschlossenheit deutlich spürt. Immerzu scheint er sich langsam heranzutasten, an die Ansichten seiner Freunde, an Sex mit Männern. Sein Lieblingssatz "Ich weiß nicht, was ich mag" ist so allgemein formuliert und vage, dass er eigentlich für alles stehen kann.

Beach Rats ist keine wirkliche Coming-out-, sondern eher eine Coming-of-Age-Geschichte über die Frage, was man sich vom Leben erwartet, oder nein, erst mal von den Sommerferien. Es ist eine sanfte Milieustudie, die nie den Anstrich von Elendstourismus hat, die nie wertet, sondern nur beobachtet und aufzeichnet.

Nicht Skaten, sondern Cruisen

Sozial schwache, kleinkriminelle Jugendlichen in New York, unbekannte Schauspieler, proletenhaftes Gequatsche über Sex und Mädchen – das erinnert an Larry Clarks Kultfilm Kids von 1995; nur dass bei Beach Rats nicht Aids, sondern Homosexualität das tragende Thema ist, und die Subkultur nicht Skaten, sondern Cruisen.

Beide Filme zeigen ein realistisches Bild über das Leben in einem bestimmten Milieu, zu einer bestimmten Zeit. Während Kids hart und realistisch gefilmt ist, wirkt Hittmans Film verträumt, irgendwie retro, obwohl er eindeutig im Jetzt spielt. Das liegt sicher auch an dem analogen 16mm-Format, mit dem die französische Kamerafrau Hélène Louvart auf poetische Weise arbeitet.

Es ist der Stil des Fotografen Ryan McGinley und aller Lana-del-Rey-Videos, in dem sich viele Jugendliche wiederfinden. Das Gefühl von Meer und Verzweiflung und unendlichen Sternen am Himmel, aber auch von live fast, die young. Dieses Lebensgefühl spielt sich bei den Teenagern in Beach Rats zwischen Langeweile und Zudröhnen, zwischen U-Bahn und Autoscooter ab.