Die Veranstalter des Deutschen Fernsehpreises hatten sich das so schön vorgestellt. Als Tribut an das außergewöhnliche Serienjahr 2017 hatten sie zwei neue Kategorien eingeführt: Beste Drama- und Beste Comedyserie. Ganz nach dem Vorbild der amerikanischen Fernsehpreise Golden Globes, wo es diese beiden Sparten schon seit vielen Jahren gibt.

Mehr Glamour im deutschen Fernsehen, eine neue Zielgruppe, die sich wirklich dafür interessiert, ob nun eher 4 Blocks oder Babylon Berlin zur besten deutschen Serie gekürt wird. Vielleicht hätte man sich sogar überlegen können, den Fernsehpreis mal wieder im Fernsehen zu übertragen.

Aber es kam anders. Nämlich zum maximalen Eklat, zum kollektiven Aufschrei der deutschen Drehbuchautoren und letztlich zur Änderung der Preisverleihungspraxis des Fernsehpreises. Was war passiert? Am 10. Januar, als die ersten Einladungen an die Filmschaffenden verschickt worden waren, fiel der Drehbuchautorin Kristin Derfler auf, dass sie gar keine Post bekommen hatte. Auf Nachfrage erfuhr sie, dass sie tatsächlich nicht als Nominierte eingeladen war, obwohl der ARD-Zweiteiler Brüder, zu dem sie Idee und Drehbuch geliefert hatte, in der Kategorie Bester Mehrteiler in den Wettbewerb geht. In ihrer Empörung postete Derfler ein paar wütende Zeilen auf Facebook: "Diese Ignoranz uns Urhebern gegenüber ist ein Skandal!"

"Respekt gibt es nur, wenn man ihn einklagt"

Zwei Wochen später ist Derfler immer noch fassungslos, was ihre Worte bewirkt haben. "Es war mein erster öffentlicher Post, ich wusste überhaupt nicht, was ich damit auslösen würde", sagt die Autorin im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Nicht nur zahlreiche Kolleginnen und Kollegen stärkten ihr den Rücken, der Regisseur Leander Haußmann rief auf Facebook sogar zum Boykott des Fernsehpreises auf: "Respekt gibt es nur, wenn man ihn einklagt. Der Fernsehpreis ist ein gutes Forum dafür. Erhebt euch."

Entzündete die Debatte über die Behandlung von Drehbuchautoren in Deutschland: Kristin Derfler © Heike Steinweg

Bisher wurden in den fiktionalen Kategorien die Autoren – mit Ausnahme der Besten Serie und des Besten Drehbuchs – meist nur als Gäste zum Fernsehpreis eingeladen. Das bedeutete, sie saßen weder gemeinsam am Tisch mit ihren Kollegen, die den Film repräsentierten – den Regisseuren, Produzenten und Fernsehredakteuren – noch kamen sie zur Verleihung auf die Bühne. Wer nur als Gast geladen war, durfte zudem keine Begleitung mitbringen und musste Anreise und Unterkunft selbst bezahlen.

Der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) nutzte nun die allgemeine Aufregung und forderte vom Stifterrat des Deutschen Fernsehrats eine Änderung der Einladungspraxis. "Alle reden vom goldenen Zeitalter des Fernsehens, aber zu wenige reden von denen, die dieses prägen: Und das sind (...) die Drehbuchautoren", hieß es in einem offenen Brief des VDD.

Kollektiver Wutausbruch

Daraufhin geschah Erstaunliches: Der Stifterrat, immerhin bestehend aus hochrangigen TV-Vertretern wie dem WDR-Intendanten Tom Buhrow, dem ZDF-Intendanten Thomas Bellut, dem RTL-Chef Frank Hoffmann und dem Sat.1-Chef Kaspar Pflüger, besprach sich sofort und änderte binnen eines Tages die Vergabepraxis. "Als Zeichen unserer Wertschätzung Ihrer Arbeit haben wir beschlossen, in Abweichung der bisherigen Nominierungspraxis in den o.g. Kategorien die Autorinnen und Autoren gemeinsam mit den Produzenten, den Regisseuren und Redakteuren (stellvertretend für das Team) zu nominieren", hieß es in dem von Kaspar Pflüger unterzeichneten Schreiben

In seiner Antwort konnte sich der VDD eine kleine Spitze nicht verkneifen: "Wenn Entscheidungen immer so schnell fielen wie nach unserer Korrespondenz – das deutsche Fernsehen wäre wohl auch im Fiktionalen konkurrenzlos aktuell."

In sechs Kategorien für den Fernsehpreis nominiert: die TNT-Serie "4 Blocks" über kriminelle Clans in Neukölln © 2017 Turner Broadcasting System Europe Limited & Wiedemann & Berg Television GmbH & Co.

Für Kristin Derfler bedeutet das ganz konkret: Ihr wird nun, als offiziell Nominierte, Anreise und Hotel bezahlt; sie darf mit ihrem Team zusammen am Tisch sitzen und, falls ihr Film gewinnt, gemeinsam auf der Bühne den Preis entgegennehmen. 

In einem klassischen 90-Minüter wäre das nun das Happy End. Aber in der Realität ist es mit einem Platz am Tisch noch lange nicht getan. Der kollektive Wutausbruch der deutschen Autoren zeigt, dass es neben der Wertschätzung an den elementarsten Dingen fehlt: Zeit, Geld, vertragliche Sicherheiten.

"Wir stehen an der untersten Stufe der Bezahlung"

"Ich glaube, es gibt keinen anderen Beruf auf der Welt, in dem eine Idee so wenig honoriert wird", sagt Bob Konrad. Mit seinen Kollegen Richard Kropf  und Hanno Hackfort bildet er ein Autorentrio, das in der Branche "die HaRiBos" genannt wird. Die Drei haben die Drehbücher zu zwei der erfolgreichsten Serien des vergangenen Jahres geschrieben: 4 Blocks und den Schweighöfer-Amazon-Thriller You are wanted. Trotz ihres Erfolges leidet auch das Trio unter den schlechten Arbeitsbedingungen der Branche. "In jedem Drehbuchvertrag, den wir bisher unterschrieben haben, steht eine Klausel, dass die Vereinbarung jederzeit gekündigt werden kann und wir sämtliche Rechte an unserem Stoff abgeben und möglicherweise durch andere Autoren ersetzt werden können", sagt Konrad. 

Es gebe natürlich auch Leute, die ein Interesse daran hätten, dass die Autoren nicht zu viel Einfluss bekommen, sagt sein Kollege Hanno Hackfort. "Sonst könnte ja noch jemand auf die Idee kommen zu fragen: Braucht ihr mehr Zeit, braucht ihr mehr Geld, um mehr Zeit zu haben? Wir Autoren in Deutschland stehen an der untersten Stufe der Bezahlung."

Das beklagt auch Derfler. Sie selbst brenne für gesellschaftlich-politische Stoffe, das erfordere jedoch zum Teil monatelange Recherche, die nicht bezahlt werde. "Die Buchentwicklung muss auf Seiten der Sender und Produktionsfirmen professionalisiert werden", fordert sie. "Recherchearbeiten etwa sind keine Vorleistungen des Autors, sondern notwendige Grundlage für authentisches Erzählen, und gehören entsprechend vergütet."