Angeblich lügt der Mensch 200-mal am Tag. Nur Hubert, Helga, Patricia und Wolfi lügen noch mehr. Warum? Nun, Hubert (Josef Hader), erfolgreicher Fernsehmoderator, war einst mit Helga (Brigitte Hobmeier) verheiratet und ist jetzt mit Patricia (Pia Hierzegger) zusammen, während Helga sich Wolfi (Andreas Kiendl) geangelt hat und nun von ihm schwanger ist. Mit Hubert hat sie bereits zwei Kinder, also im Grunde genommen sogar drei, weil Wolfi aus seiner früheren Beziehung auch noch eines mitgebracht hat. Eigentlich ganz normales Patchwork.

Allerdings geht Huberts Mutter immer noch davon aus, dass ihr Sohn mit Helga zusammen und alles wie immer ist. An ihrem 80. Geburtstag will dieser also der Mama seine neue Freundin präsentieren, die Ex-Schwiegertochter ihren neuen Wolfi und den dicken Bauch. Das ist die Ausgangssituation der Komödie Die Notlüge, gemeinsam produziert von SWR und ORF. Auf der Autofahrt zur Oma übergibt sich Sohn Luki gleich mal in hohem Schwalle, Helga tut es ihm auf der Raststätte gleich, während Hubert den Zwischenstopp zum ausgiebigen Urinieren in den Büschen nutzt. Es hat sich eben viel angesammelt in diesen verschlungenen Beziehungskonstellationen, das muss jetzt einfach mal raus. 

In dieser Patchworkfamilie ist überhaupt vielen sehr oft schlecht, und das "Speiben" an der Tagesordnung. Als Zuschauer ist man recht dankbar, dass das österreichische Idiom für das Hervorbringen des Mageninhalts sehr viel wohlklingender ist als das hochdeutsche Pendant, denn vom Speiben ist viel die Rede, fast so viel wie vom Deppertsein.     

Natürlich wird der Jubilarin dann doch nicht die Wahrheit erzählt, immerhin war gerade noch der Notarzt bei ihr, da ist die Notlüge möglicherweise lebenserhaltend. Also werden die neuen Partner Wolfi und Patricia, auf die Oma Marianne (Christine Ostermayer) gütig und fragend ihren Finger richtet, zum Paar erklärt, Wolfi wiederum zu Helgas Bruder, der sehr lange in Australien weilte. Den Kindern wird eingebläut, mitzulügen, und ihnen zur Belohnung ein Handy versprochen.

Blickt man noch durch? Gerade so; obgleich einem auf diesem aufgetürmten Lügenberg ziemlich schwindelig wird, schaut man auf den im Grunde doch sehr einfach gestrickten Plot von Pia Hierzegger herunter. Die Schauspielerin, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Josef Hader zuletzt in dessen Kinodebüt Wilde Maus vor der Kamera stand, agiert in Die Notlüge erneut als seine Filmpartnerin und gibt gleichzeitig ihr Drehbuchdebüt.

Immer wie vom starken Regenguss überrascht

Als Schauspieler-Duo meistern sie das misslaunige Paar mit Bravour und verstehen sich selbst dann noch blind, wenn ihre Provokation in Gehässigkeit umschlägt. Dennoch bleiben beide weit unter ihren Möglichkeiten. Hader, dessen große Gabe es ist, mit minimaler Mimik maximale Effekte zu erzielen, sieht in der Regie von Marie Kreutzer immer so aus, als hätte ihn gerade ein starker Regenguss überrascht; egal, ob er einen Kinderroller oder ein Gewehr in der Hand hält. Und Hierzegger hat schon zu Beginn eine derartige Grabeslaune, dass es eigentlich keine Nuancen mehr nach unten gibt. Das ganze Ensemble beherrscht den moralinsauren, weltverdrossenen, österreichischen Gesichtsausdruck aufs Schaurigste; auch die Kinder. Über der Festtagstafel von Oma Marianne weht immer ein Duft von Melange mit saurem Schlagobers, und zu Frittatensuppe und Kalbsnierenbraten fließt der Alkohol mehr als reichlich. 

Vielleicht liegt darin aber das Grundproblem des Films: Er versinkt zu sehr in seinem schwarzhumorigen Schmäh, als dass man sich noch ernsthaft für die wahren Befindlichkeiten von Hubert, Helga, Patricia und Wolfi interessieren würde. Man kann bei diesem Drehbuchdebüt gewiss über viel Missglücktes hinwegsehen; nicht zuletzt dank der Besetzung. Es fehlen aber doch die vagen Momente, die Anspielungen und die Leichtigkeit, die den Film und den Zuschauer einmal ausatmen und Raum für eigene Deutungen lassen. Auch schwarzer Humor ist als Dauerzustand nur schwer erträglich.

"Die Notlüge" läuft am 24. Januar um 20.15 Uhr in der ARD.