Kennen Sie den Amazon-Werbespot mit Katrin Bauerfeind und Matthias Schweighöfer? Die beiden lümmeln auf einem Sofa, zoffen sich ein bisschen und werben dabei für den Amazon Fire TV Stick. Dabei tun sie so, als gäbe es keinen Unterschied zwischen Amazon Prime, Maxdome und den Mediatheken von ARD und ZDF. Aber es gibt ihn. Es ist der Unterschied zwischen freiwilligem Abonnement und staatlich verordneter Haushaltsabgabe. Ersteres ist selbsterklärend. Das Zweite braucht medienrechtliche Regeln. Diese sollen sich nun ändern und die öffentlich-rechtlichen Sender beim Ausbau ihrer Mediatheken noch stärker bevorzugen. An diesem Donnerstag beraten die Ministerpräsidenten der Länder darüber, die für die Medienpolitik zuständig sind. Und es sieht nicht gut für die Filmwirtschaft aus.

Der Grundkonflikt ist schnell erzählt: Die Filmwirtschaft muss ihre Kinofilme möglichst aus der Mediathek von ARD und ZDF heraushalten, um sie finanzieren zu können. Die digitale Zweitverwertung ist für sie immens wichtig. Die Sendeanstalten wollen die Filme hingegen umfassend und dauerhaft in die Mediatheken einstellen, um junge Zuschauer anzusprechen.

Fakt ist: Schon seit 2009 dürfen die öffentlich-rechtlichen Sender die Verweildauer von Filmen in ihren Mediatheken ziemlich frei festlegen, in sogenannten Telemedienkonzepten, die die Rundfunkräte der Sendeanstalten abnicken. Demnach dürfen Spielfilme und Serien, an denen sich die Sender beteiligt haben, bis zu drei Monate, Dokumentationen und TV-Magazine bis zu zwölf Monate und Sendungen aus dem Bereich Bildung bis zu fünf Jahre frei abrufbar online gestellt werden. Nur angekaufter Inhalt, sogenannte Lizenzware, darf gar nicht in die Mediathek. Denn der verfassungsrechtliche Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besteht nicht im Aufbau einer Videoplattform, die kommerziellen Angeboten Konkurrenz macht.

Das Dilemma der Filmwirtschaft ist nun, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ihr Hauptauftraggeber ist, aber viele TV-Produktionen finanziell nicht mehr ausreichend ausstattet. Deshalb müssen sich die Filmunternehmen zunehmend alternative Finanzierungsmöglichkeiten erschließen, eben auch im Digitalen, und dort geraten sie mehr und mehr in Konkurrenz mit ihren Partnern, den Sendeanstalten.

Beide Parteien begegnen einander jedoch nicht auf Augenhöhe, denn im Gegensatz zu den beitragsfinanzierten Sendern müssen Filmunternehmen ihre Investitionen einspielen. Für den kostenintensiven Kinospielfilm gilt das umso mehr.

Das durchschnittliche Produktionsbudget eines deutschen Kinofilms liegt derzeit bei 3,9 Millionen Euro und wird aus verschiedensten Quellen von Produzenten, Verleihern, Sendern, Banken und Förderern aufgebracht. Das Geld muss vor Produktionsbeginn zur Verfügung stehen. Jeder, der sich beteiligt, erhält im Gegenzug für seine Beteiligung bestimmte Verwertungsrechte an dem Film, um seine Investitionen absichern und refinanzieren zu können. An erster Stelle steht der Verleih, der maßgeblich für das Marketing und die Kinoauswertung verantwortlich zeichnet. Darüber hinaus werden auch Fernsehrechte für das europäische Ausland, Onlineabrufrechte für kommerzielle Plattformen und DVD-/Blu-Ray-Rechte vergeben. Dabei wird der Onlineabruf in dieser Auswertungskette von Jahr zu Jahr wichtiger für die Filmfinanzierung. Die Umsätze der deutschen Filmwirtschaft im Bereich der digitalen Streaming- und Downloadangebote stiegen zuletzt um 29 Prozent.

Erheblicher Wertverlust der Filmlizenzen

Der Wert von Onlinelizenzen hängt allerdings unmittelbar davon ab, wie exklusiv eine Plattform einen Film anbieten kann. Und genau hier will der nächste Rundfunkstaatsvertrag die ohnehin weitreichenden Freiheiten für ARD und ZDF noch einmal vergrößern: Angekaufte europäische Filmwerke sollen demnach erstmalig in die Mediatheken kommen, die Regelungen für deutsche Filme legt man vollständig in Hände der Sender. Diese könnten eine unbegrenzte Verfügbarkeit vorsehen.

Dagegen wären die Filmemacher weitgehend machtlos.

Dabei wissen wir aus dem täglichen Filmgeschäft: Steht ein Film 30 Tage zur kostenfreien Nutzung in einer Mediathek von ARD und ZDF online zur Verfügung, kann der Wertverlust aller anderen Filmlizenzen bis zu 25 Prozent betragen. Dieses Geld fehlt dann in der Filmproduktion. Es fehlt für erstklassige Ausstattungen am Set, für filmtechnische Umsetzungen auf der Höhe der Zeit und für Talente, die durch ihr Drehbuch, ihr Schauspiel, ihre Musik und ihr Maskenbild einen Film erst einmalig machen. So wird aus filmischer Vielfalt und Erstklassigkeit schließlich immer verfügbare Beliebigkeit – oder einfach gar kein Film.

Wer ARD und ZDF einen Ausbau ihrer Mediatheken auf Kosten der Filmproduzenten, ihrer Co-Finanziers und der Urheber erlaubt, trägt dazu bei, dass deutsche Film- und Fernsehproduktionen schlechter werden.

Keine Frage und auch kein Zweifel: Jeder Filmproduzent, jede Regisseurin und Drehbuchautorin will, dass ihr Film gesehen wird – im Kino, im Fernsehen und auch online. Von so vielen Zuschauern wie möglich. Aber die Mediathek der öffentlich-rechtlichen Sender ist nicht der richtige Ort für Kinofilme und große Fernsehproduktionen, die mehrere Finanzierungspartner haben und deshalb nicht mal annähernd von der Haushaltsabgabe gedeckt sind! Denn vor dem Wunsch, einen Film zu zeigen, steht die Notwendigkeit, ihn zu finanzieren. Damit er überhaupt erschaffen werden kann.