Zuerst sieht alles wie im Privatfernsehen aus. Die pappige Studiokulisse, echt falsch in den Farben Plastikpink und Brüllgelb, total überschminkte Frauen und mittendrin ein Mann, angetan mit nichts als Pumps und Borat-Mankini. Letzterer Kleidungsfetzen war schon 2006, als Borat ins Kino kam, ein eher müder Kostümgag des britischen Komikers Sacha Baron Cohen. Doch nichts ist ja so abgestanden, als dass das deutsche Privatfernsehen es nicht noch mal aufwärmen würde. So also soll ein schwuler Mann aussehen, hochgeföhnte Frisur, Lippenstift, tuckige Handbewegungen. Und neongrüner Mankini, eine Mischung aus Badeanzug und Ringerkluft, nur mit noch viel weniger Stoff zwischen der Poritze. Haha, hoho, hehe.

Der Gag geht so: Der Borat-Wiedergänger setzt sich auf eine Flasche Sekt, die ihm selbstverständlich im Hintern hochgeht, denn Humor kann nie anal genug sein. Sodann spritzt dem Mann das Gesöff oben zu den Ohren heraus, und am Ende poppt ihm der Korken aus dem Mund. "Und Cut!" Alles lacht. Will sagen: Die Lacher kommen natürlich vom Band. So ist das deutsche Privatfernsehen. Oder war es zumindest mal.

Und so beginnt die neue, achte Staffel von Pastewka, die aber gar nicht mehr im Privatfernsehen läuft, sondern jetzt direkt im Netz. Amazon wärmt eine längst abgestandene TV-Serie wieder auf mit neu produzierten Folgen, Sat1 hatte nach der Ausstrahlung der siebten Staffel keine weitere mehr bestellt. Zehn neue Folgen stehen ab Freitag auf Amazon Prime Video online. Was logischerweise die Frage nach sich zieht: Wird das deutsche Fernsehen besser, wenn man es fürs Internet macht? 

Ironisches Meta-TV

Zunächst mal ist der Mann im Mankini natürlich immer noch Bastian Pastewka, und dessen Serie Pastewka war früher reine Anführungszeichen-Comedy, ironisches Zitat- und Meta-TV: Pastewka spielte im Fernsehen Pastewka, den komischen Typen aus dem Fernsehen. Sehr lose war das an die HBO-Show Curb Your Enthusiasm angelehnt, in der der einstige Seinfeld-Miterfinder Larry David ebenfalls eine fiktionalisierte Version seiner selbst spielt, den ewig schlechtgelaunten New Yorker Juden Larry David, den es nach Los Angeles verschlagen hat, wo er unter allem leidet, was Kalifornien halt so ist, schön und nett und jüdisch zum Beispiel. (Wie Pastewka ist auch Curb Your Enthusiasm zuletzt nach einer jahrelangen Pause zurückgekehrt, allerdings erneut in den Pay-TV-Kanal HBO.)

Bei Pastewka ist der soziokulturelle Referenzrahmen außerhalb des Fernsehens das westdeutsche Stadtrandgebiet und dessen Zeichen des halbbescheidenen Wohlstands aus halbkreativer Arbeit: Altbauvilla, viel bunte Farbe an den Wänden, Parkett, das wie Laminat aussieht, großer Fernseher, Saab vor der Tür. Bastian Pastewka hat sich in dieses Höllenidyll als Tölpel hineingestellt, der es immerzu gut meint, aber schlecht macht und deshalb ein steter Auslöser peinlicher Momente ist; der latent unglücklich ist mit seinen Fernsehjobs und doch gern mit seiner Halbprominenz prahlt, eine kleine Ego-Sau in der kleinen Fernsehnation Deutschland eben.

Der Pastewka in Pastewka funktionierte – nicht obwohl, sondern weil die Figur sich kaum weiterentwickelte. Sie blieb, wie die ganze Welt in Pastewka, weitgehend in den Neunzigerjahren stecken. Der Effekt war eine Art gedoppelte Nostalgie, man sah einer Figur von gestern dabei zu, wie sie mit ihrer Liebe fürs Flimmerkistenprogramm von vorgestern versuchte klarzukommen. Wer ins Fernsehen geht, wird enttäuscht, wenn er das Fernsehen zu sehr liebt, das Heimatgefühl des Künstlichen, die Authentizität des stets nur Vorgetäuschten – das wurde dort schön vorgemacht, sieben Staffeln lang.

Dass Amazon ausgerechnet im Netz eine Serie wiederaufnimmt, die sich ums lineare Fernsehen dreht, das Streamingdienste ja als ein von ihnen abzulösendes mediales Auslaufmodell betrachten, wirkt zunächst seltsam. Warum dem TV noch eine sentimentale Selbstfeier auf der eigenen Plattform im Netz bezahlen? Der Weltkonzern Amazon muss sich auch eigentlich keine nationale Fernsehgrößen mehr einkaufen, um auf Märkten wie dem deutschen zu reüssieren.

In der Serie und der Figur könnte wirklich noch etwas Neues stecken

War auch früher schon als Gast-Star bei "Pastewka" dabei: Anke Engelke. © 2017 Amazon.com Inc., or its affiliates

Er ist hierzulande ja gleich groß im Kino einkaufen gewesen und hat Matthias Schweighöfer im vergangenen Jahr die Serie You Are Wanted starten lassen, die jedenfalls oberflächlich von heutigen Gefahren der Digitalisierung handelt. Im Vergleich dazu besitzt Pastewka weder inhaltlich noch formal irgendeinen Neuigkeitswert. Aber vielleicht glaubt man bei Amazon ja sogar selbst dem Versprechen davon, dass Streamingdienste bisherigen Fernsehmachern eine neue Freiheit des Erzählens gestatten. Und dass aus etwas Altem womöglich etwas Besseres werden könnte, wenn man die Leute nur machen ließe, statt sie in Formatvorgaben zu pressen und auf Sendeplätzen herumzuschieben.

Journalisten hat man zunächst nur die erste der insgesamt zehn neuen Folgen Pastewka gezeigt. Diese mit knapp 50 Minuten im Vergleich zu den anderen überlange Episode deutet zumindest an, dass in der Serie und der Figur womöglich wirklich noch etwas Neues stecken könnte, eine andere Form und ein anderer Ton. So wird die offenkundig absichtlich elende Anfangsszene mit einer überraschend filmischen Zeitlupensequenz aufgelöst, der Mankini-Pastewka zieht sich einen Bademantel über, selbstredend ein unpassendes Frauenmodell, dann sieht man ihn in einer langen Kamerafahrt aus dem Studio trotten zu seinem Garderobenwagen – ein gedemütigter, erstmals fast etwas verzweifelt wirkender Mann, der gegen Geld stumpfe Stereotype mimt und sich lächerlich machen lässt.

Leichte und lustige Melancholie

Die knapp vier Jahre, in denen es die Serie nicht gab, werden in die Handlung total folgerichtig integriert: Zwar ist viel Zeit vergangen, doch im Leben der Hauptfigur hat sich absolut nichts verändert. Der Pastewka aus Pastewka hat die gleichen Probleme mit sich, dem Job, der Familie, der Freundin und der Welt als solcher, doch diesen eigentlich unerträgliche Stillstand wollen die Autoren der Serie nun offenbar produktiv umsetzen. Mindestens angetäuscht wird das am Ende der ersten Folge, als der Tölpel mit einem Mal ohne Job und Freundin dasteht. Ersteren quittiert er in einem Akt selbstbesoffenen Heldenmuts, Letztere verliert er aufgrund eines dämlichen Missverständnisses. 

Und plötzlich ist da tatsächlich eine leichte, aber halt auch sehr lustige Melancholie zu spüren, die man Bastian Pastewka in seiner Serie früher vielleicht lediglich unterstellt hatte. Weil man einfach nicht verstehen konnte, wie jemand das Fernsehen offenbar so lieben kann, dass er sich von ihm noch enttäuschen lässt. Sollte ein Streamingdienst dem Fernsehmann Pastewka nun ermöglicht haben, darüber hinwegzukommen und seinen Humor zu erweitern: Das wäre doch eine ganz schöne Pointe.

Die zehn neuen Folgen von Pastewka sind auf Amazon Prime verfügbar.