Wenn Mario Kopper mit dieser nach ihm benannten Tatort-Folge (SWR-Redaktion: Katharina Dufner) in Ludwigshafen aus dem Amt scheidet, dann tut er das als Nummer fünf auf der Liste der Ermittler mit den meisten Einsätzen. Auf 57 Folgen hat es Kopper mit Kopper nun gebracht, vor ihm rangieren lediglich Ballauf (85), der Ivo und der Franz (77), Fab Five Freddy Schenk (70) und natürlich seine langjährige Chefin Lena Odenthal (66).

Dahinter kommt eine Weile nichts: Kommissar Ehrlicher (45) ist schon pensioniert, und Oberstleutnant Eisner (41) bräuchte noch ein paar Jahre, um an die "Einsatzzeiten" (Jogi Löw) von Kopper (Andreas Hoppe) heranzulangen. Der zweite Mann in Ludwigshafen kann also auf ein erfülltes Ermittlerleben zurückschauen; dass sein Abschied überraschend kommt, lässt sich dagegen nicht sagen.

Spätestens mit der Verjüngung am Schauplatz durch die dynamische Johanna Stern (Lisa Bitter) vor sechs Folgen ist Koppers Überholtheit anschaulich geworden. In den Drehbüchern der vergangenen Folgen wurden ihm zumeist Sätze und Handlungen zugeteilt, für die es weder Ausbildung zum noch Erfahrung als Kommissar brauchte.

Insofern ist der Schlusspunkt Kopper (Drehbuch: Patrick Brunken) nun durchaus versöhnlich. Denn der Ermittler darf noch einmal als erwachsener Mann erscheinen und Hoppe sein beeindruckendes Gesicht vor die Kamera halten (Jürgen Carle, Christoph Schmitz) – in der Regel ungerührt wie ein alter, müder Elefant.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Es geht um mafiöse Geschäfte zwischen Italien und Deutschland, um dreckige Geschäfte mit Müll, die unter dem Deckmantel von Gesetzen gemacht werden und übergeordnete Behörden beschäftigen. Und deren Agenten in Ludwigshafen sich hinter bürgerlichen Institutionen wie einem schicken Restaurant verstecken. Als Johanna Stern dort einmal in der Küche Leute befragt, kann sie sich eher drohend anhören, sie sei eine mutige Frau. In einer der folgenden Szenen ist der Koch, der das sagt, dann als Handlanger der Angst zu sehen, die das organisierte Verbrechen verbreitet. 

Mit Koppers erstmals eingeführtem Kindheitsfreund Sandro (Michele Cuciuffo) gibt es eine zwielichtige, ambivalente Gestalt in der Folge. Die entbindet den Krimi zugleich von der Pflicht, mehr als den großen Zeh in das trübe Gewässer von Ermittlungen im Mafiösen zu halten, weil es am Ende allein um den privaten Konflikt geht.

Dem scheidenden Kommissar präsentiert Sandro sich als Kronzeuge, der aussagen will gegen seinen einstigen Boss, wenn er dafür dank Zeugenschutzprogramm ein neues Leben anfangen darf. Gleichzeitig lassen ihn die Ermittlungen von Koppers Kollegen als Täter, als Mörder erscheinen, was die Klarheit, mit der normalerweise im ARD-Sonntagabendkrimi in Gut und Böse geschieden wird, zumindest irritiert: Ist es nicht logisch, dass ein Mafia-Insider nicht mit dem Führungszeugnis eines Einser-Abiturienten aufwarten wird?   

Die Inszenierung von Spannung könnte man sich freilich nervenaufreibender vorstellen. Mit dem Umstand, dass am Tatort, an dem eine italienische Auftragskiller-Leich' rumliegt, Fingerabdrücke von Kopper gefunden wurden, hätte sich aufregender jonglieren lassen: Der Kommissar, der mit Sandro privat in dem Lokal war und dort den Killer aus Notwehr erschossen hat, ist danach ja beruflich ins Lokal zurückkehrt. Seine Spuren auf dem Klo hätten sich vorübergehend also auch hinter plausibel wirkenden Erklärungen tarnen lassen ("Musste mal"). Aber der Tatort setzt an dieser Stelle auf Kontaktsperre: Es dauert lange, ehe Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ihren Kollegen in Kopper überhaupt ans Telefon beziehungsweise zu Gesicht bekommt.  

Wie die Einzelverfolgung im Biathlon, nur ohne Schnee

Und die Jagd am Ende (Regie: Roland Suso Richter) zu konstant regulär-suppiger Musik (Matthias Klein) hat eher etwas von argloser Einzelverfolgung im Biathlon, bloß ohne Schnee und Ski. Sandro flieht mit Koppers Wagen aus einem Versteck im Wald, nachdem auch beim alten Freund die Zweifel an der Unschuld überwiegen.

Kopper befreit sich, kürzt mit einer beherzten Bootsfahrt den Weg ab, um an der Landstraße dann wiederum zuerst auf Sandro in seinem Wagen zu treffen. Eine Standardsituation des Actionfilms, die bei Sandro Verzweiflung oder erneute Aus-dem-Weg-räum-Gelüste hervorrufen könnte und bei Kopper die Angst, dass seine Selbstbefreiung entdeckt worden ist. Aber das Auto mit dem ikonischen Kennzeichen LU-ZF 4 fährt einfach vorbei, ohne dass die Kamera eine Reaktion Sandros einfinge. Und Kopper hält einfach das nächste Auto an, um dem fliehenden Freund nachzusetzen.

Am Ende wird der schicke, alte Fiat 130 dann übrigens zu Schrott gefahren. Das sicherste, deutlichste Zeichen, dass Koppers Zeit im Tatort: Ludwigshafen vorüber ist.