Eine simple Perücke kann Wunder an Verfremdung vollbringen, und es ist diese äußerliche Verwandlung, die schönen Schauspielerinnen – man denke nur an Charlize Theron oder Nicole Kidman – oft Preise einbringt: weil man sie nicht wiedererkennt. Im Fall von Penélope Cruz handelt es sich um eine weißblond gebleichte Mähne, nach allen Regeln der Coiffeurskunst gezähmt und vor drohender Strohigkeit bewahrt. Diese Frisur ist mehr als eine Frisur, nämlich ein Insignium – das Markenzeichen von Donatella Versace. Die Chefdesignerin und Nachlassverwalterin des Imperiums Versace kombiniert das traditionell mit den aktuellen Kleidern ihres Hauses, die das Kunststück vollbringen wollen, trotz großer Stoffarmut und taillentiefer Ausschnitte Frauen einen selbstbewussten Auftritt zu verschaffen.

So was muss man tragen können, mitsamt des typischen Bondage-Gürtels rund um die Brüste und den riesigen Sicherheitsnadeln an der Flanke. Deswegen passt es grandios, dass die in Almodóvar-Filmen gestählte Penélope Cruz nun Donatella in der zehnteiligen Serie The Assassination of Gianni Versace: American Crime Story verkörpert. Verwegener kommt es einem allerdings vor, dass Gianni Versaces Lebenspartner Antonio D'Amico durch den Sänger Ricky Martin verkörpert wird, der sich mit weißen Badehosen unheimlich gut am türkisblauen Pool in Szene zu setzen weiß.

Doch hier soll es nicht vordergründig um Dolce Vita gehen, nicht um den kultiviert unterfütterten griechisch-römischen Größenwahn im Hause Versace, der ja stets einen grellen Kontrast zur noblen Zurückhaltung anderer italienischer Modelabel bildet. Im Gegenteil. Mit Donatellas versteinertem, verweintem Gesicht – so hart im Blick wie die Medusa, die sämtliches Versace-Design ziert – beginnt die Erzählung: In The Assassination of Gianni Versace geht es um die Hintergründe des Mordes an dem italienischen Designer. Versace war am 15. Juli 1997 auf den Stufen seiner Villa in Miami Beach erschossen worden, von dem Serienmörder Andrew Phillip Cunanan. Cunanan, der insgesamt fünf Menschen mit teils sadistischer Brutalität umgebracht hatte, erschoss sich eine Woche später, bevor die Polizei ihn fassen konnte.

TV - »The Assassination of Gianni Versace« (Trailer) © Foto: Sky

Ryan Murphy, Schöpfer und Produzent von The Assassination of Gianni Versace erzählt diesen zweiten Teil seiner Anthologie-Serie (der erste war das preisgekrönte Justizdrama The People v. O. J. Simpson) nicht chronologisch, denn das Ende ist ja bekannt. Er hält sich auch nie lange auf mit dem goldenen Glanz der Modewelt, jener in Seidensamt gehüllten Welt, in der der Butler morgens so lange zwischen den Marmorstatuen stillsteht, bis Versace ihm den frischgepressten Saft vom Silbertablett nimmt.

Stattdessen geht es abrupt zurück in die frühen neunziger Jahre, an Orte, die nicht aussehen wie die ideal illuminierte Interieur-Strecke im Hochglanzmagazin: schmierige Motelzimmer mit Heroin-Resten auf dem Nachttisch. Das wirkt mitunter zwar wie unter Atemnot gefilmt, eröffnet der Serie aber erst ihre mosaikhafte Erzählperspektive, die auch als Assoziation zur mühsamen Ermittlungsarbeit im Fall Cunanan funktioniert: beispielsweise, indem sie im Verlauf der einzelnen Folgen zu dessen früheren Opfern wechselt, die in der offiziellen Lesart des Falls zunächst namenlos und ohne eigene Geschichte sind.

Man muss nur gierig genug sein

Das zeitliche Umherhüpfen in den neunziger Jahren wiederum scheint auch Andrew Cunanans Natur zu entsprechen, der sich nach abgebrochenem Studium mal als Börsenmakler, mal als Hippie, mal als Navy Lieutenant, mal als kultivierter Modefan inszeniert – wie die Situation es eben erfordert, um Profit daraus zu schlagen. Darren Criss (Glee) gelingt es, kein Lächeln natürlich wirken zu lassen, es erstarrt brutal, sowie sein Gegenüber nur einen Moment lang nicht genau hinsieht. Alles ist bis in die kleinste Geste hinein Kalkül, getrieben von einem Rachedurst gegenüber denen, die ein angenehmes Leben führen. Auf Cunanan liegt der Fokus dieser Serie, auf seiner Meisterschaft, immer gerade lange genug den netten Jungen von nebenan zu geben. Es ist die im Grunde ins Kriminelle gewendete Versace-Geschichte, welche ja vom göttergleichen Aufstieg des Sohns einer armen kalabrischen Schneiderin erzählt und damit eine verführerisch einfache Botschaft verbreitet: dass man nur gierig genug danach greifen muss, was man begehrt.