Wie Mahnmale ragen die drei Reklametafeln in die triste, vernebelte Landschaft. Halb verfallen sind sie und zu nichts mehr zu gebrauchen, irgendwo weit draußen, an einer Straße, die niemand mehr benutzt. Doch das wird sich ändern. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri heißt Martin McDonaghs neuer Film, mit dem der irische Dramatiker und Regisseur auf der diesjährigen Golden-Globe-Verleihung überraschend breitflächig abgeräumt hat: bester Film, bestes Drehbuch, beste Hauptdarstellerin (Frances McDormand), bester Nebendarsteller (Sam Rockwell).

Schon in den ersten Minuten stellt sich die Frage: Ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie? Die klare Antwort: Es ist beides. Vor allem ist Three Billboards ein hinreißender Film. Ebbing, Missouri, scheint eine ganz normale Kleinstadt zu sein. Hauptstraße mit Geschäften; ein Andenkenladen, eine Schule. Und ein Polizeiproblem. Und damit ist nicht der ganz normale strukturelle Rassismus gemeint, der offenbar auf der Polizeiwache herrscht und in dem tumben Officer Dixon (Sam Rockwell) eine prächtige Symbolfigur gefunden hat; einem Muttersöhnchen mit kleinem Hirn und schwer kontrollierbarer Aggressivität. 

Doch darum geht es nicht, nicht in erster Linie. Es ist etwas passiert in Ebbing, Missouri. Vor sieben Monaten wurde Angela, die Tochter von Mildred Hayes (Frances McDormand) unweit jener drei Werbetafeln und unweit ihres eigenen Hauses vergewaltigt und verbrannt. Sieben Monate, in denen die Polizei keinerlei Hinweise auf den Täter gefunden hat. Eine DNA-Spur wurde zwar gefunden, doch die ist keiner registrierten Person zuzuordnen.

Fast ein bisschen zu perfekt

Also steht Mildred eines Tages im Büro des Anzeigenverkäufers Red Welby (Caleb Landry Jones) und mietet die drei Billboards, die seit dem Bau der Umgehungsstraße unbeachtet in der Gegend herumstehen. Darauf prangert Mildred die ihrer Ansicht nach lasche Polizeiarbeit und namentlich die vermeintliche Untätigkeit des Polizeichefs Bill Willoughby (Woody Harrelson) an. Damit setzt sie – ganz bewusst – einen Mechanismus von Druck und Gegendruck in Gang. Die Kleinstadt gerät in Aufruhr und inmitten des Tumults steht Mildred aufrecht, mit unbewegtem, harten Gesicht.

Alles an diesem Film hat einen doppelten Boden, kein Charakter ist eindimensional gezeichnet; jeder hat seine Geschichte, die im Verlauf des Films zu einem mal größeren, mal kleineren Schicksal wird. Und weil Three Billboards bis in die letzte Nebenrolle durchdacht und schlüssig besetzt ist, wird daraus ein so ungewöhnlicher Film. Ein Film, bei dem man sich hin und wieder fragt, ob er nicht ein wenig zu perfekt ist. So rasant läuft der Witz, so komisch und manchmal slapstickhaft spielen sich die Figuren in ihren oft nur hingebellten Dialogen die Bälle hin und her. Ein echtes Pointenfeuerwerk. Aber jedes Mal, wenn der Gedanke aufkommt, dass es jetzt gerade etwas zu brillant wird, schlägt die Situation durch eine Geste, einen Gesichtsausdruck, eine neue Wendung um in völlige Ironiefreiheit und zeigt uns die Charaktere nackt und bloß in ihrem ganzen Elend. Das ist Timing und Einfühlungsvermögen vom Feinsten.

Es geht nicht oder nur ganz nebenbei um die Aufklärung des Verbrechens. Mildred Hayes ist eine Kohlhaas-Figur. Ihr geht es um die weltliche Gerechtigkeit, die sie glaubt, nicht zu bekommen. Ihr Antrieb, und das macht sie zu einer sehr zeitgemäßen Figur, ist eine hinter ihren Augen flackernde Wut, die vom Gefühl der Machtlosigkeit gespeist wird. Sie glaubt nicht mehr an Institutionen, also schreitet sie selbst zur Tat. Ein weiblicher John Wayne, der jedem, der ihr blöd kommt, zwischen die Beine tritt, selbst wenn es sich um eine Frau handelt. 

Wenn es darauf ankommt, bleibt der Film ernst

Auf ihrem Feldzug allerdings isoliert sich Mildred zusehends. Das hat auch damit zu tun, dass der Polizeichef Willoughby in der Stadt äußerst beliebt ist. Ein Typ, den die Leute mögen, kantig, in eleganter Uniform, einer von ihnen, der nicht alles so ganz genau nimmt, vor allem nicht den Rassismus seiner Untergebenen. Wenn er alle Rassisten in Ebbing aus dem Polizeidienst entfernen würde, so sagt er einmal, blieben nur noch drei übrig, "und die hassen Schwuchteln". Mildreds Attacke gegen ihn auf den Billboards findet er "nicht fair", und natürlich hat er Recht damit.

Dass Willoughby wie Mildred selbst auch ein gebrochener Mensch ist, zeigt sich schnell; dass er weitaus schlauer war, als er scheint, wird sich später erweisen. Und selbst die zweite Hauptfigur, Officer Dixon, ein Unsympath erster Güte mit seinem bekloppten Kurzhaarschnitt und seiner lauernden Unberechenbarkeit, bekommt eine Entwicklung verpasst. Ist das glaubwürdig? Nein. Ist es politisch korrekt, einen Rassisten zum halben Sympathieträger auszubauen? Nein. Ist es unterhaltsam? Unbedingt. Der Klamauk schiebt sich immer wieder in den Vordergrund. Es gibt eine Menge Witze über Zwergenwuchs oder über die dumpfbackige jugendliche Gespielin von Mildreds Ex-Mann. Aber wenn es darauf ankommt, bleibt der Film ernst. Martin McDonagh verkauft seine Figuren nicht an den Kurzzeiteffekt. Im Grunde hat er allen seiner Hauptdarsteller drei Denkmäler gesetzt; drei Plakatwände, die da draußen an der Landstraße herumstehen.