Die Figuren des Regisseurs Christian Petzold sind oft Gespenster. Wir sehen sie, aber sie sind gar nicht wirklich hier, sondern in ihrer Vergangenheit verhaftet. 2005 benannte er sogar einen ganzen Film nach diesem Phänomen. Auch in Transit, dem ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag der 68. Berlinale, scheinen Gespenster umzugehen. Es sind die Figuren aus Anna Seghers' gleichnamiger Erzählung von 1941.

Georg (Franz Rogowski) flieht als Deutscher aus dem von den Faschisten besetzten Paris nach Marseille, wo er sich bald schon als der Schriftsteller Weidel ausgibt. Dessen Papiere und Manuskripte waren Georg durch Zufall in die Hände gefallen, nachdem Weidel Selbstmord begangen hatte. Sie helfen ihm nun, selbst die Flucht nach Mexiko vorzubereiten. In Marseille nimmt Georg auch Kontakt zu der Frau (Maryam Zaree) und dem kleinen Sohn eines auf der Flucht verstorbenen Kameraden auf, und er lernt Marie (Paula Beer) kennen, in die er sich verliebt und von der er bald ahnt, dass sie die Ehefrau des toten Dichters ist.

Ein historischer Stoff also mal wieder, den Petzold sich da vorgenommen hat. Aber Gespenster? Petzold hat die Geschichte und ihre Protagonisten nicht aufwendig in das Marseille der 1940er Jahre zurückdesignt, sondern sie ebenso schlicht wie mutig im Heute belassen.

Georg und Marie bewegen sich, während sie Seghers' Dialoge sprechen, wie alle anderen Geflüchteten durch ein sehr gegenwärtiges Marseille. Da kickt ein Junge, der Borussia-Dortmund-Fan ist, mit einer Getränkedose; im Hafen drehen sich Containerkräne; die Wände der Hausdurchgänge sind mit Graffitis besprüht; auf der Tonspur läuft Road to Nowhere von David Byrne. Und Razzien werden nicht von Schergen eines längst vergangenen Vichy-Regimes durchgeführt, sondern von genau solchen flics, wie sie viele aus dem eigenen Frankreich-Urlaub kennen. Ein Coup. Denn der Effekt ist ebenso irritierend wie bemerkenswert: Nie waren Petzolds Gespenster lebendiger.

In dem Roman verarbeitete Seghers ihre eigenen Fluchterfahrungen. Über Paris hatte sie sich wie zahlreiche andere nach der Besetzung der französischen Hauptstadt durch die Nazis 1940 ins vom Vichy-Regime regierte Südfrankreich gerettet. In Marseille trafen viele dieser Flüchtlinge zusammen, wo sie sich um Visa und Transitpapiere bemühten, ausharrten und sich gegenseitig die Geschichten ihres Überlebens erzählten. Einige davon finden sich jetzt auch im Film wieder.

"Man spricht oft davon, dass Menschen 'auf der Flucht' sind", sagt Petzold über seinen Film, "aber auch dabei sind sie ja immer irgendwo." Die Hafenstadt Marseille war während des Zweiten Weltkriegs einer dieser Orte des Übergangs, die Petzold interessieren. Sie ist es immer noch. Hier verbringen die Menschen, die nicht bleiben wollen oder können, ihre Zeit nicht in privaten Räumen, sondern auf Straßen, in Kneipen, auf Ämtern und in Unterkünften. An solchen Orten spielt auch der Film. Zwar hat Petzold diesmal kein aufwändiges Set-Design betrieben wie für seine anderen historischen Filme Barbara oder Phoenix, aber er hat für seine Dreharbeiten doch Locations gefunden, an denen das moderne Marseille seine Vergangenheit erkennen lässt: kleine Hotelzimmer, ein Bistro mit rotkarierten Decken und Rosé-Gläsern auf den Tischen, Wartesäle.

Die Stimme eines Erzählers verstärkt diese Entrücktheit noch. Petzold hat Seghers' Ich-Erzählung nämlich in eine Rahmenhandlung verpackt und lässt den Schauspieler Matthias Brandt nicht nur als den Besitzer eben jenen Bistros mit den karierten Tischdecken auftreten, sondern nutzt dessen Stimme auch für viele Voiceovers. Brandt liest aus Seghers' Text vor, wodurch der Film doch etwas von der Petzoldschen Poesie bekommt. Besonders traumartig sind die Szenen, in denen Brandts Stimme mit Seghers' Worten etwas anderes beschreibt, als auf den Bildern zu sehen ist: Da wirft Marie Georg noch einen Blick zu, sagt die Stimme. Aber Marie geht, ohne sich umzudrehen. Und wenn auf der Erzählebene Marie endgültig verloren scheint, widersprechen dem Bilder, auf denen sie die Straße hinunterkommt. So entsteht eine wunderbare Asynchronität zwischen dem Roman und seiner Verfilmung, eine Mehr- und Vieldeutigkeit, wie sie Petzold gerne schafft.

Die Gefühle stecken im Jetzt fest

Transit ist allerdings nicht nur ein Film über einen konkreten Ort, der zwischen dem liegt, den man verlassen hat, und dem, wohin man aufbrechen wird. Der Titel bezieht sich auch auf das Zeitempfinden. Marie fühlt sich schuldig wegen ihrer Vergangenheit. Sie hatte ihren Mann verlassen, hofft aber nun, ihn in Marseille wiederzufinden, um sich mit ihm zu versöhnen. Gleichzeitig sehnt sie sich nach einer Zukunft, nach einem neuen Leben in einem neuen Land. Mit diesen Gefühlen steckt sie gleichsam im Jetzt fest. Und Georg? Der trägt das Wurzellose schon in sich. Heimat als Ort scheint er nicht zu kennen. Der Zuschauer erfährt nicht, woher der junge Mann kommt, in Marseille ist er eher zufällig gelandet. Einmal erinnert ihn eine Melodie im Radio an das Schlaflied, das seine Mutter immer für ihn gesungen hatte. Heimat, das ist bestenfalls ein sehr leises Gefühl für ihn. Die Liebe zu Marie wird das ändern. Sie macht, dass Georg sich zum ersten Mal an etwas bindet.

"Wir verlieben uns, hoffen, fühlen uns schuldig und finden Trost – egal wo wir sind", sagt Petzold über diese Bedeutung von Transit. Womöglich macht es das so einfach, mit Georg und Marie und all den anderen Geflüchteten mitzufühlen.