Die Berlinale hat nichts vom Charme des Lido in Venedig, und Kosslick kann nicht Cannes. Alles, was das Festival in der Hauptstadt jedes Jahr biete, sei "Einheitsbrei statt Filmvielfalt". Ach, puh, liebe Jammernde, die Berlinale ist ja auch weder Venedig noch Cannes. Die eine Stadt hat 260.000 Einwohnerinnen und Einwohner, die andere kommt gerade mal auf 75.000. Wenn man wollte, könnte man jedem und jeder von ihnen ein Ticket für einen Berlinale-Film schenken – sie würden alle unterkommen. So viel zu den Dimensionen. Und wenn man schon klein ist, macht man ja gern auf elitär. Kosslick mag aber die Menschen; er begreift die Bezeichnung "Publikumsfestival" nicht als Schimpfwort, sondern als Arbeitsauftrag. Und weil er im Gegensatz zu Toronto (dem anderen durchaus interessanten Publikumsfestival) auch einen internationalen Wettbewerb zu bestücken hat, muss er jedes Jahr ein Programm aufstellen, das cinematografische Exklusivität einerseits und breite Zuschauerfreundlichkeit andererseit bietet. Ein Kraftakt.

Auch ganz konkret. Während in Cannes und Venedig Logistik, Filmauswahl, Sponsorensuche, Marktverwaltung, Publikumsbespaßung und Starhuldigung schon lange keinem Einzelnen mehr zugemutet werden, ist in Berlin immer noch nur der 69-jährige Dieter Kosslick für alles zuständig. Mit Selbstherrlichkeit hat das nichts zu tun. Schon seit Längerem empfiehlt er selbst eine Arbeitsteilung. Bislang ohne Resonanz. Wenn jetzt dringend und lautstark strukturelle Veränderungen eingefordert werden, ist Kosslick der Letzte, der deren Sinnhaftigkeit abstreitet.

Seit 17 Jahren ist er Chef der Berlinale. Damals wurde er rasch als Erneuerer, Entstauber, Modernisierer gelobt und als jemand, der die deutsche Filmszene zurück ins Festival brachte, nachdem sie sich enttäuscht abgewandt hatte. Für sie erfand Kosslick die Nebenreihe "Perspektive deutsches Kino", die bis heute inhaltliche und stilistische Trends des deutschen Filmnachwuchs zeigt. Und weil ihm die Zukunft des Films so am Herzen liegt, ersann er 2003 auch gleich noch die "Talents" (zunächst "Talent Campus"), eine Veranstaltungsreihe, in der Nachwuchsfilmemacher und  -macherinnen aus aller Welt die Möglichkeit bekommen, sich mit der etablierten Szene zu vernetzen und ihre Projekte fördern zu lassen. 5.000 junge Filmschaffende haben in 15 Jahren daran teilgenommen. Ganz offensichtlich erfolgreich: Im vergangenen Jahr liefen während der Berlinale 93 Filme von ehemaligen Talents. 93! Damit machten sie mehr als ein Viertel des gesamten Programms aus.

Weiterhin ein politisches Festival

Im Laufe seiner Dienstzeit hat sich Kosslick noch drei weitere Nebenreihen ausgedacht. Es gehe ihm nur darum, möglichst viele Tickets zu verkaufen, kritisierte deshalb die Süddeutsche Zeitung und forderte, die Nebenreihen sollten auf je 20 Filme begrenzt werden. Die Frage ist: Warum?

Zeugt es nicht von cinephiler Selbstüberhöhung, zu glauben, das Publikum wolle an eine starke Hand genommen werden? Stattdessen könnte man auch darauf vertrauen, dass es die Menschen in dieser komplexen Welt schaffen, sich durch ein umfangreiches Programmheft anregen zu lassen und selbst zu orientieren. Mal ganz zu schweigen davon, dass die Auslastung der Vorstellungen sehr gut ist, in der Nebenreihe "Generation" für Kinder- und Jugendfilme beispielsweise rund 90 Prozent. Explodiert ist das Programm der Berlinale unter Kosslick ohnehin nicht. Im vergangenen Jahr wurden 365 Filme gezeigt, gerade mal 46 mehr als 2001 – inklusive Kurzfilme. Das entspricht einer Steigerung von 14,4 Prozent.

Gleichzeitig hat das Festival unter Kosslick durchaus an alten Ansprüchen festgehalten. Nach wie vor sieht es sich als politisches Festival. Dokumentarfilme gibt es ganz selbstverständlich in allen Sektionen. Immer neue Regionen kommen in den Fokus, wobei manche besonders regelmäßig beobachtet werden: Osteuropa natürlich oder auch der Iran mit seinen so herausragenden Filmemachern Jafar Panahi oder Asghar Farhadi. Sicherlich, die jüngsten Filme etwa der rumänischen Regie-Stars Cristi Puiu und Cristian Mungiu liefen auf den Filmfestspielen in Cannes und wurden dort ausgezeichnet. Aber auch Teilnehmende der Berlinale bringen es weit. Bei den Academy Awards findet man sie regelmäßig unter den Nominierten für den Auslandsoscar wie in diesem Jahr den ungarischen Film Körper und Seele und den chilenischen Una mujer fantástica. Im vergangenen Jahr gewann am Ende The Salesman von Asghar Farhadi. Der hatte auch bereits 2012 den Oscar erhalten für Nader und Simin – eine Trennung. Alle vier Filme waren zuvor in Berlin mit einem Silbernen oder Goldenen Bären ausgezeichnet worden.