Ins Kino geht man, um sich zu unterhalten, nicht, um sich auch noch mit den Problemen dieser Welt auseinanderzusetzen. So denken glücklicherweise nicht alle, und die anderen seien daran erinnert, dass es hilft, sich genauer mit einem Thema zu befassen, um unbewältigten oder unbewussten Ängsten beizukommen. Gleich vier Produktionen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich wurden auf der diesjährigen Berlinale gezeigt, die um Geflüchtete und das Thema Flucht kreisen: Die beiden Spielfilme Transit und Styx sowie die beiden Dokumentarfilme Eldorado und Zentralflughafen THF. Gleich vorweg: Sehenswert sind sie alle.

Das Drama Transit von Christian Petzold feierte seine Premiere im internationalen Wettbewerb (und kämpft damit um einen Bären). Petzold verfilmt darin eine Erzählung der Schriftstellerin Anna Seghers aus dem Jahr 1944: Georg ist aus Deutschland nach Paris geflohen, doch als die Nazis die französische Hauptstadt besetzen, macht er sich auf den Weg in den Süden des Landes. Durch Zufall kommt er in den Besitz der Papiere eines deutschen Schriftstellers, der sich das Leben genommen hat. In Marseille trifft er nicht nur auf etliche andere Menschen, die über das Meer in die USA oder nach Südamerika fliehen wollen und ihm die Hintergründe ihrer Flucht erzählen, sondern auch auf Marie. In sie verliebt sich Georg und ahnt schon bald, dass sie die Frau des Schriftstellers ist, von dessen Tod sie jedoch nichts weiß.

Was dem Film seine Aktualität verleiht, ist ein ebenso schlichter wie faszinierender Trick: Petzold belässt Seghers von eigenen Fluchterfahrungen inspirierte Geschichte in der Gegenwart. In Transit gibt es Überwachungskameras und Containerkräne im Hafen, Graffiti an Hauswänden und flics, die nicht aussehen wie Schergen eines fernen Vichy-Regimes, sondern genau so, wie sie wohl mancher aus dem Frankreichurlaub kennt. Allerdings führen sie hier gnadenlose Razzien durch.

Geschichte wiederholt sich. Das ist auch das Leitmotiv in dem Dokumentarfilm Eldorado des Schweizers Markus Imhoof, der ebenfalls im Wettbewerb läuft, allerdings außer Konkurrenz. Als er Kind war, während des Zweiten Weltkriegs, hatten seine Eltern ein von den Kriegsfolgen bedrohtes Kind aus Italien aufgenommen: Giovanna. Sie wuchs dem Jungen ans Herz und ist der Anlass, warum der 76-jährige Imhoof einen Dokumentarfilm über Flüchtlinge drehen wollte, die heute übers Meer nach Italien kommen (und ein paar wenige sogar bis in die Schweiz). Er zeigt, wie sie aus ihren hochseeuntauglichen Booten oder gar aus dem Wasser an Bord eines Schiffs der italienischen Marine gerettet werden, das für die Operation Mare Nostrum durchs Mittelmeer kreuzt. Wie die Helfer die Menschen in Reih und Glied setzen, ihnen zu trinken geben, sie einem kurzen medizinischen Check unterziehen, die Geschwächtesten mit einem Helikopter ausfliegen, allen anderen eine Nummer aus Papier ans Hemd tackern und die digitalen Fingerabdrücke nehmen.

Allein die Art, wie Imhoof Letzteres zeigt, belegt, dass es ihm um mehr als konkrete Anschauung geht. Er will auch ein wenig Licht auf das System Europa dahinter werfen, auf das, was nur schwierig in Bilder zu fassen ist. Der Beamte, der die Fingerabdrücke nimmt, sagt, es gehe hierbei um das Dublin-Abkommen: Jeder Geflüchtete wird später in dem Land bleiben müssen, in dem er Europa erreicht hat. Italien hatte das Abkommen einst unterschrieben, als die Fluchtrouten noch über den Osten führten. Heute führen sie oft über das Mittelmeer nach Italien. Was denn geschehe, wenn ein Geflüchteter beispielsweise in Dänemark Angehörige habe, fragt ihn Imhoof. Dazu dürfe er nichts sagen, wiegelt der Mann ab.

Solidarität ist eine Sache von Einzelnen

Es ist nicht so, als würde Imhoof irgendjemanden vorführen. Ganz im Gegenteil, er bleibt stets zugewandt und zeigt in seinem Film auch etliche warme Momente. Sie kommen immer von Einzelnen, wie dem Schweizer Bürgermeister, für den es einfach selbstverständlich ist, zu helfen, oder dem Marinesoldaten, der sagt, ohne Herz könne das Kriegsschiff die Operation Mare Nostrum gar nicht durchführen. Aber Imhoof zeigt auch die große Schwäche des Systems Europa: die mangelnde Solidarität. Nachdem eine junge Frau die entwürdigenden Zustände in einem libyschen Gefängnis geschildert hat, unter denen sie monatelang leiden musste, bevor ihr die Flucht übers Mittelmeer doch noch gelang, fragt Imhoof einen Mann, der über die Asylanträge von Geflüchteten entscheidet: Wer klagt diese Verbrechen in den libyschen Gefängnissen eigentlich an? "Das ist eine gute Frage", antwortet der Mann vor der Kamera, "ich weiß es nicht." So überrascht, wie er dabei wirkt, hat er sich diese Frage wohl noch nie gestellt. "Die Geflüchteten werden behandelt wie heiße Kartoffeln", versucht Imhoof auf der Berlinale das Verhalten vieler zu beschreiben: Jeder ist froh, wenn er seinen "Fall" möglichst rasch weiterreichen kann.

Imhoofs Film bezieht seine große Kraft aber auch aus der dazwischengeflochtenen Geschichte von Giovanna aus Imhoofs Kindheit. Wie die Schweizer Familie sich damals kümmerte, das Mädchen, das zunächst nicht ihre Sprache sprach, annahm und liebte, davon erzählen alte Briefe und Fotografien. Dennoch konnten Imhoofs Eltern nicht verhindern, dass Giovanna irgendwann wieder in ihre Heimat zurückgeschickt wurde. Schon damals war Solidarität mehr Sache des einzelnen Menschen als von Staaten: Im Juli 1938 scheiterte im französischen Evian der Versuch der internationalen Staatengemeinschaft, sich auf ein "gemeinsames Vorgehen in der Flüchtlingsfrage" zu einigen.