Es ist der Sommer 2016. Polens PiS-Regierung ist seit einem Jahr im Amt. Westliche Beobachter hoffen noch, dass die polnische Bevölkerung rasch aufwacht. Doch das Gegenteil tritt ein: Die Umfragewerte der PiS in Polen steigen. Die Menschen sind zufrieden. Es gibt mehr Kindergeld, ein neues Bauprogramm und eine neue völkische Rhetorik, die vielen Polen offenbar ein neues Selbstwertgefühl vermittelt. 

Genau in dieser Zeit ist die deutsch-polnische Regisseurin Alexandra Wesolowski in das Land ihrer Eltern gefahren und hat die Goldene Hochzeit ihrer Tante mit der Kamera begleitet. Ihr Dokumentarfilm Impreza - Das Fest ist einer von zwei Beiträgen auf der Berlinale, die sich dem Mikrokosmos einer polnischen Familie widmen. Wesolowski spiegelt ihre eigene Zerrissenheit als in Deutschland sozialisierte Polin auch filmisch wider: Sie bleibt nicht hinter der Kamera, sondern steigt selbst in die Debatte mit ihrer Familie ein, die in der Mehrheit die PiS-Partei unterstützt.

Die Regisseurin stellt sich die Frage: Wie kommt es, dass ich eine vollkommen andere Perspektive auf Streitthemen wie Flucht und Vertreibung, Geschlechtergleichheit und europäische Solidarität habe als meine Verwandten? Woher kommt der Unterschied zwischen meiner westlichen Perspektive (Wesolowksi hat an der Hochschule für Film und Fernsehen in München studiert und spricht Polnisch mit deutschem Akzent) und der Sicht der Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen in Warschau? Dieser Ansatz ist wohl auch der Grund, aus dem Wesolowskis Film nicht in der Panorama- oder Forumssektion der Berlinale zu finden ist, sondern in der Perspektive Deutsches Kino.

Skurriler, leiser Psychothriller

Auch in Wieża. Jasny dzień. / Tower. A Bright Day, der im Forum der Berlinale läuft, erzählt eine junge polnische Regisseurin von einem Familientreffen. Doch die 1984 geborene Jagoda Stelz wählt eine ganz andere Perspektive, um sich mit der Zerrissenheit ihres Landes auseinanderzusetzen. Sie hat einen hintergründigen, surrealen Psycho-Thriller gedreht, der in seiner anspielungsreichen Sprache an die Werke des Österreichers Michael Haneke erinnert.

In einem Ferienhaus, verborgen in den dunklen Wäldern des südlichen Polen, treffen sich mehrere gutbürgerliche Mittvierziger mit ihren Kindern. Anlass des Treffens ist die Erstkommunion von Nina (Laila Hennessy), der Tochter der Gastgeberin und Hausbesitzerin Mula (Anna Krotoska). Schnell stellt sich heraus, dass das Familientreffen einen bitteren Beigeschmack hat: Kaja (Małgorzata Szczerbowska), Mulas Schwester, war sechs Jahre lang verschwunden. Und, so erfährt der Zuschauer rasch, nicht Mula, sondern Kaja ist Ninas leibliche Mutter. Die angespannte Stimmung, der düstere Sound, die spröden Blicke deuten an, dass diese Familie noch ein weiteres dunkles Geheimnis hütet.

Ein Flüchtling, der abgerutscht ist

Die Pointe dieses skurrilen, leisen Psychothrillers liegt darin, dass seine Abgründe im Unbewussten liegen, wo die Blicke des Zuschauers nicht hinreichen. Und so balanciert der Film auf einem schmalen Grat zwischen Andeutung und Suggestion, kurzen Schreien, Schnitten und Dialogen, die nie ganz das Zentrum des Konflikts erreichen. Immer wieder tauchen kurze Anspielungen auf die politische Gegenwart auf. Da wird etwa von einem Geflüchteten gesprochen, der im Wald herumgeirrt und nun in einer Schlucht gefunden worden sei. "Eine Schlucht, die wegen des Klimawandels entstanden ist." Er sei abgerutscht, heißt es weiter. Man muss genau zuhören, um die Zwischentöne in diesem Film zu erkennen.