Dieser Panther schnurrt nur – das immerhin bedeutsam

Es gibt nicht viele Superheldenfilme, die über das Vermächtnis des Kolonialismus nachdenken, Black Power promoten und Frauen feiern. Es ist leichter, das nicht zu tun, und ganz schön mutig für einen Marvel-Film, sich dieser Fülle Stoff anzunehmen. Dafür hat der afroamerikansiche Regisseur Ryan Coogler nicht gleich das Genre neu erfunden. Seine Comic-Adaption fühlt sich noch immer wie ein klassisches Drei-Akt-Disney-Abenteuer an, sie ringt mit den gleichen Ideen, die schon die letzten beiden Captain-America​-Filme groß gemacht haben – die Dinge, die du verteidigst, sind vielleicht nicht so ehrenhaft, wie du glaubst –, und natürlich soll der Film viel Geld einspielen. Aber von Black Panther wird zudem erwartet, dass er die Hoffnungen der afrikanischen Diaspora trägt. Da ist es schon zweitrangig, dass der Weltverbesserer im Zentrum des Films ein Langweiler ist. Der Held ist hier das schwächste Element in seinem eigenen Film. Dieser Panther brüllt nicht, er schnurrt.

Sein Name ist T'Challa (Chadwick Boseman) und er ist der neue König von Wakanda, der technologisch fortschrittlichsten Nation der Welt. Vor der Außenwelt durch ein Kraftfeld verborgen, ist das ostafrikanische Land eine gelungen Symbiose aus Natur und High-Tech. Raumschiffe schweben über prächtige Wasserfälle und Wolkenkratzer mit strohbedeckten Dächern. Die Frauen in diesem Land kennen das Wort Feminismus vermutlich nicht, weil sie ganz offensichtlich schon immer in dem Glauben bestärkt worden sind, dass sie alles sein können.

Wakanda ist aber auch eine Nation von selbsternannten Isolationisten, die sich buchstäblich als Entwicklungsland ausgeben, um ihre Errungenschaften vor dem Rest der Welt zu verstecken, ein "Drecksloch" würde Donald Trump es vermutlich nennen. Die Menschen in Wakanda sind im Gegensatz zum Rest Afrikas nie ihrer Ressourcen beraubt, versklavt oder anderweitig unterdrückt worden. Zu verdanken haben sie all dies dem magischen Vibranium, einem Metall, aus dem auch Captain Americas Schild geschmiedet wurde. Es ist das gleiche Zeug, aus dem T’Challas schwarzes, unzerstörbares Katzenkostüm gefertigt ist. Ein leuchtendes, lilafarbenes Kraut verleiht ihm darüberhinaus spirituelle Kraft, die Kraft des schwarzen Panthers.

Ein Akt der Feigheit

T'Challa gehört zu jenen, die das Wissen um das Vibranium geheim halten und mit dem Rest der Welt lediglich unverbindliche Diplomatie betreiben wollen. Andere denken, dass die Entscheidung, sich vor der Welt zu verstecken, anstatt sie zu verbessern, letztlich ein Akt der Feigheit ist. Der Superschurke Erik Killmonger (Michael B. Jordan), ein US-Amerikaner mit wakandischen Wurzeln und Gangster-Vibes, will nun die Substanz in seiner neuen Heimat dazu nutzen, eine schwarze Rebellion anzuzetteln. Er ist das Produkt von jahrzehntelangem Rassismus. Er ist stinksauer – und das zurecht.

"Helden, soweit ich sehen konnte, waren weiß, und das nicht nur wegen der Filme, sondern wegen des Landes, in dem ich lebte, von dem Filme nur ein Spiegelbild waren", sagte einst der afroamerikanische Intellektuelle James Baldwin über die weißen Leinwandhelden, die er als Kind angehimmelt hatte. "Und es ist ein großer Schock", fuhr er fort, "wenn man im Alter von fünf oder sechs Jahren feststellen muss, in einer Welt Gary Coopers der Indianer zu sein." Denn natürlich ist unsere Beziehung zu Charakteren auf dem Bildschirm nicht nur notwendig, damit wir uns gesehen und verstanden fühlen, sondern auch, damit uns andere sehen und verstehen können. Darum ist der neue Superhelden-Blockbuster Black Panther so wichtig für Amerika.

Also widmet sich der talentierte Ryan Coogler (Nächster Halt: Fruitvale Station, Creed) mit Black Panther der alten Debatte zwischen Martin Luther King Jr. und Malcolm X, ob der Weg in die Gleichberechtigung über friedvollen Widerstand oder aber militanten Protest führen müsse. Doch während der Konflikt viel tiefer verläuft als es zunächst scheint, nimmt der Film, geschrieben von Coogler und Joe Robert Cole, die Dimensionen einer antiken Tragödie an, die sich leider in Wohlgefallen auflöst. Black Panther scheitert zumeist an den gleichen Punkten wie andere Marvel-Filme: Die Story ist allzu vorhersehbar, hat eine klassische Drei-Akt-Superhelden-Struktur und am Ende wartet ein Kampf, den wir in anderen Marvel-Filmen schon besser gesehen haben. Die Action und die Computereffekte sind zu oft zu schlampig gemacht. Aber immerhin wird endlich mal keine Stadt vernichtet.

Ein euphorisches Hosianna auf Ryan Coogler

Die erste Welle von Kritiken in den USA war dennoch ein euphorisches Hosianna auf Ryan Coogler. Ein US-Kritiker nannte den Film mit überwiegend schwarzen Darstellern wie Daniel Kaluuya, Forest Whitaker, Lupita Nyong'o und Angela Bassett zu Recht einen "superstarken Liebesbrief an Schwarze". Das Onlinemagazin IndieWire kürte ihn zum "besten Marvel-Film" und Rolling Stone benutzte gar ein so prächtiges Wort wie "Meisterwerk". 

Und diese Euphorie beschränkt sich nicht nur darauf, dass der neue Superhelden-Blockbuster so wichtig für die Gleichberechtigung zwischen Schwarz und Weiß wäre, sondern er feiert auch gleich noch die neue Weiblichkeit. T'Challa ist umgeben von furchtlosen, fabelhaften, wilden Frauen, die ihn beschützen und anfeuern. Da wäre zum einen Okoye (Danai Gurira), die Anführerin einer glatzköpfigen Elite von Leibwächterinnen. Seine jüngere Schwester Shuri (Letitia Wright) ist ein Tech-Genie, das den Bruder mit coolen Waffen ausstattet. Und dann gibt es noch die erhabene Mutter (Angela Bassett) und eine Agentin (Lupita Nyong'o), die gleichzeitig die große Liebe ist. Diese Frauen stehlen T'Challa die Show.

Obwohl Boseman als T'Challa solide spielt, könnte seine Figur nicht unzugänglicher sein. Selbst Captain America, Idealist in Reinform, ist mittlerweile durch einen Realitätscheck und eine Existenzkrise geschlittert. Am auffälligsten ist T'Challas Mangel an Humor, dabei hätte der einem so bedeutungsschwangeren Film wie diesem gut getan. Michael B. Jordans Schurke hingegen ist eine so charismatische Erscheinung, dass jede Szene ohne ihn ein Verlust ist.

Einst mit Chuzpe

Die Figur des Black Panther trat zum ersten Mal vor zwei Jahren in The First Avenger: Civil War auf, und damals hatte sie Chuzpe. Der Black Panther war auf Rache für den Mord an seinem Vater aus und die Avengers konnten ihn mal gern haben. Aber selbst wenn er diesen eigensinnigen Stolz jetzt verloren hat, sind es viele Afroamerikaner so müde, Oscar-würdige Filme mit gepeinigten schwarzen Schauspielern in Fesseln zu sehen, dass sie einen Film wie diesen nun nahezu bedingungslos feiern. Als ein südafrikanischer Journalist auf seinem Twitter-Account die Tatsache kritisierte, der Film sei größtenteils in den USA, Südkorea und Argentinien gedreht worden, wurde er von einigen Amerikanern als lächerlich abgetan, obwohl das durchaus ein Punkt ist. Offensichtlich wird vor lauter Euphorie jede kritische Anmerkung unterdrückt.

Sicher, es gab Falcon, War Machine und Storm und ehemals weiße Rollen wurden mit schwarzen Schauspielern besetzt (Idris Elba als nordischer Gott Heimdall in Thor und Michael B. Jordan als die menschliche Fackel der Fantastischen Vier), aber diese Figuren haben nie so viel eigenständige Präsenz wie der Black Panther bekommen, eine Figur, die Stan Lee und Jack Kirby auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung im Jahr 1966 geschaffen hatten, wenige Monate vor dem Start der Black Panther Party. Er war der erste schwarze Superheld im amerikanischen Comic-Mainstream.

Textilien, Hirten, coole Outfits

Damals, während der schwarzen Black-Power-Bewegung und der Zeit von Blaxploitation-Filmen in den sechziger und siebziger Jahren, entstanden die meisten schwarzen Superhelden. Aber erst 1998 spielte Wesley Snipes den ersten schwarzen Comic-Helden, der auch als Verfilmung ein Publikumserfolg wurde: Blade stammte ebenfalls aus dem Hause Marvel und war ein schwarzer Vampirjäger in coolen Lederklamotten mit einem Ninja-Schwert und einer Oakley-Sonnenbrille.

Black Panther ist also nicht der erste schwarze Superheld, der seinen eigenen Film bekommt, aber er ist der erste, dem so viel Aufmerksamkeit zuteil wird. Zudem ist Coogler der erste schwarze Regisseur im Marvel-Universum, und sein Film könnte zum ersten Mega-Blockbuster mit einem schwarzen Ensemble werden, der tief in die afrikanische Kultur eintaucht. Die Musik von Ludwig Göransson verwendet afrikanische Trommeln und Holzbläser und nutzt Songs von dem Rapper Kendrick Lamar und The Weeknd.

"Was weißt du über Wakanda?", fragt im Film der südafrikanische Waffenhändler Ulysses Klaue (Andy Serkis), ein übler Bursche und einer von zwei weißen Charakteren. "Es ist ein Drittweltland: Textilien, Hirten, coole Outfits", antwortet ein ahnungsloser CIA-Agent (Martin Freeman, der andere Weiße). Es sind Stereotypen, wie sie Filme über Afrika zeigen und die ein schwarzes Publikum aufstöhnen lassen. Black Panther wendet sich davon radikal ab, widmet sich in der Form eines utopischen Fantasyfilms der postkolonialen Politik in Afrika und feiert die Traditionen des Kontinents.

In der Originalfassung des Films sprechen viele Wakandaner Englisch mit einem afrikanischen Akzent. Die rot gepanzerten Outfits der weiblichen Leibgarde beziehen sich auf Elemente der Stämme Turkana, Himba und Massai; ihre Halsringe sind eine Anspielung auf den Stamm der Ndebele. Coogler, der vor zwei Jahren mit Creed einen schwarzen Boxer in ein weißes Franchise einführte, will Schwarzen auf der ganzen Welt Selbstbewusstsein zurückgeben und ihnen eine imaginierte Zukunft schenken, derer sie beraubt wurden.

Mit dem Aufstieg des Autoritarismus in den USA, der Black-Lives-Matter-Bewegung, dem #OscarSoWhite-Debakel und dem Wiederauflammen von weißem Nationalismus kann die schiere Existenz dieses Films eigentlich gar nicht überbewertet werden. Anfang Februar ging ein Video von jungen Schülern viral, die in ihrem Klassenzimmer tanzten, nachdem sie erfahren hatten, dass sie den Film zusammen sehen würden. Black Panther ist zu einem Leuchtfeuer geworden, das das "schwarze Amerika", nein, eigentlich ganz Amerika, ein halbes Jahrhundert nach der Bürgerrechtsbewegung braucht.