ZEIT ONLINE: Investmentbanker gehören spätestens seit der Finanzkrise 2007 zur wohl unbeliebtesten Berufsgruppe in Deutschland. Warum wollten Sie ausgerechnet über diese Menschen eine Serie erzählen?

Christian Schwochow: Ich wollte verstehen, wer die Akteure dieser Welt sind. Mein Ansatz als Filmemacher ist, zu versuchen, meine eigenen Bilder im Kopf aufzubrechen. Ich wollte also definitiv keine Serie machen, in der wir sechs Stunden lang nur über Schweine und Verbrecher erzählen. Es ist leider ein sehr deutscher Blickwinkel auf Themen, bestehende Haltungen noch mal zu bestätigen. Wir versuchen vielmehr, die Ambivalenzen, die Abgründe, aber auch die Faszination dieser Welt zu fassen.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie an der Finanzwelt besonders fasziniert?

Schwochow: Dass wir an ihr wirklich etwas Globales erzählen können, aber auch etwas, das mit uns allen zu tun hat, mit unserer Vorstellung von Wohlstand und Sicherheit. Nach der Finanzkrise fand ich es naheliegend, einmal das Szenario durchzuspielen, was wäre, wenn die größte deutsche Bank vor der Pleite stünde. Wie die Menschen reagieren würden, wenn wirklich mal keine Kohle aus dem Automaten käme.

ZEIT ONLINE: Bad Banks ist Ihre erste TV-Serie und wird nun gleich auf der Berlinale vorgestellt – was waren die größten Unterschiede zum Fernseh- oder Kinofilm?

Schwochow: Man hat ein viel größeres Ensemble, dem man gerecht werden muss. Wann gibst du welcher Figur wie viel Raum, woraus ziehst du deine Spannung? Das zu orchestrieren ist wahnsinnig schwierig, weil man die einzelnen Folgen immer in Bezug zueinander setzen muss. Was die Autoren in Folge 5 schreiben, hat auch wieder Auswirkungen auf Folge 2. Der Begriff der Orchestrierung trifft es tatsächlich am besten, denn auch in der Musikgestaltung musst du überlegen: Wo baust du ein Thema früh auf, was vielleicht drei Folgen später zu einer Explosion führt? Das ist schwierig, aber auch wunderschön.

ZEIT ONLINE: Was auffällt im Unterschied zu vielen anderen deutschen Serienproduktionen: Sie erklären ihre Charaktere nicht zu Tode. Man erfährt zum Beispiel erst sehr spät etwas über den Hintergrund der Hauptprotagonistin Jana (Paula Beer) und bleibt lange im Unklaren, was diese extrem ehrgeizige junge Bankerin antreibt oder welche Abgründe sie hat.

Schwochow: Unser Headautor Oliver Kienle hat es bewusst darauf angelegt, dass man nie lange in den Privaträumen der Protagonisten ist. Aber wenn, dann eröffnet sich immer ein kleines Universum. Wir geben den Figuren Raum, lassen aber noch ganz viele Geheimnisse offen. Es ist eine Krankheit im deutschen Seriengenre, alles unbedingt auserklären zu wollen, am besten schon in der ersten Episode. Anstatt dem Zuschauer zuzumuten, dass er auch mal von einer Figur verstört ist.

Christian Schwochow, geboren 1978 auf Rügen, arbeitete nach seinem Abitur zunächst als Journalist, dann studierte er Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Für seinen TV-Zweiteiler "Der Turm" nach dem Roman von Uwe Tellkamp erhielt er 2013 einen Grimme-Preis. Sein Fernsehfilm "Die Täter – Heute ist nicht alle Tage" war Teil der NSU-Trilogie in der ARD. Im Kino lief zuletzt seine Künstlerbiografie "Paula" (2016). © Peter Hartwig / Kineofoto

ZEIT ONLINE: Ich fand interessant, dass Sie zwei Führungspersönlichkeiten der Banken mit fast vergessenen Stars besetzt haben: Désirée Nosbusch und Jean-Marc Barr (Im Rausch der Tiefe).

Schwochow: Es war ein großes Geschenk, Désirée zu finden, sie ist Luxemburgerin und spricht sechs Sprachen. Außerdem ist sie selbst Unternehmerin, hat eine eigene Produktionsfirma und bewegt sich auf zwei Kontinenten, ist also gewohnt, fit zu sein und Verhandlungen zu führen – genau wie ihre Serienfigur Christelle Leblanc. Jean-Marc Barr als Chef der Deutschen Global Invest zu besetzen, leuchtete mir von Anfang an ein. Wir wollten einen Firmenchef haben, der nicht deutsch ist, weil es normal ist, dass Leute die Bank eines Landes übernehmen, ohne selbst von dort zu kommen.

ZEIT ONLINE: Die Bankenwelt ist hermetisch abgeriegelt. Wie haben Sie Ihre Insiderinformationen für die Serie bekommen?

Schwochow: Alle offiziellen Anfragen über die Pressestellen großer Banken scheiterten recht schnell. Über meinen weiteren Bekanntenkreis habe ich einen Mann kennengelernt, der in Frankfurt am Main in einer großen deutschen Bank arbeitet. Er hat mir geholfen, weitere Leute kennenzulernen. Und irgendwann hatte ich dann 20 Telefonnummern, die ich anrufen konnte, natürlich immer unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Banker sind Menschen, die unglaublich selten vermitteln können, was sie eigentlich machen. Und wenn dann einer kommt, der wirklich etwas herausfinden will – das hat für viele von ihnen etwas Therapeutisches. Einige meiner Kontakte fingen sogar an, für mich zu recherchieren. Einmal rief mich einer von ihnen an und fragte mich, ob ich die erste weibliche Traderin an der Wall Street treffen möchte. Ich bin dann nach London gefahren und habe eine Dame von etwa 80 Jahren kennengelernt, die in den Siebzigern als einzige Frau an der Wall Street im Aktienhandel tätig war. Da bekomme ich jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. 

ZEIT ONLINE: Sie thematisieren in Bad Banks auch den Machismo in der Bankenwelt. In einer Szene fährt Fenger, Janas Chef in Frankfurt, mit seinem Rennrad durch den Tradingfloor und wechselt dann vor ihr und ihrer Kollegin demonstrativ das Hemd. Wie ist Ihnen das Thema Sexismus bei Ihren Recherchen begegnet?

Schwochow: Je älter die Bankerinnen waren, desto eher haben sie diese Frauenfeindlichkeit bestätigt. Die 80-jährige Ex-Brokerin etwa sagte: "Das waren Schweine, die Männer." Sie hätten sich auch heute nicht gebessert, sie würden ihren Kolleginnen einfach subtiler begegnen. Die ganz jungen Frauen, mit denen wir an der Uni oder in den Banken gesprochen haben, nahmen das ganz anders wahr. Sie sahen sich nicht als Opfer. Ähnlich empfinden das Jana und Thao, die in der Serie zunächst Konkurrentinnen sind, aber dann auch eine Art Seilschaft eingehen. Ich will damit nicht sagen, dass es keine Opfer von Sexismus in einer Bank gibt, die gibt es ganz sicher. Aber es hat sich etwas verändert: Ich glaube, dass die meisten Angestellten – egal welche Hautfarbe, welche Religion oder welches Geschlecht sie haben – am Ende vor allem für ihre Leistung bewertet werden.

ZEIT ONLINE: Sind Sie dann auch irgendwann selbst ins Innerste einer Investmentbank hineingekommen?

Schwochow: Ja, einer meiner Kontakte fand einen Weg, mich reinzubringen. Als sein Praktikant konnte ich einen Tag lang mit in den Handelsraum gehen. Das war toll, weil es einfach so viele Details gibt, die ich sonst nie gewusst hätte: wie die Angestellten ihre Namensschilder auf dem Computer haben, dass der Computer nur angeht, wenn du deine Schlüsselkarte reinsteckst. Oder dass du weißt, dass du gefeuert wurdest, wenn die Security an deinen Tisch kommt. Es sind Hunderte Details, die wichtig sind, wenn man glaubwürdig erzählen möchte.