Alles muss mal enden im Leben, redet man sich gern ein. Beziehungen, Arbeitsstellen, Inneneinrichtungen: Irgendwann hat sich alles auserzählt. Das Alte wird einem zu Ballast, das Neue schon wegen seines bloßen Neuseins zur Verlockung. Trenn dich, lass die Vergangenheit hinter dir, wag die Zukunft, zieh weiter, fang noch mal von vorne an, drück auf Neustart, trau dich ins Unbekannte, schallt es einem von überall entgegen.

Sollte die Sehnsucht nach Veränderung, nach Abschluss und Neuanfang tatsächlich eine menschliche Konstante sein, so handeln wir überraschend oft wider unsere Natur. Dann dürfte es zum Beispiel keine Fortsetzungsfilme geben, und die derzeit erfolgreichste Hollywood-Firma müsste eigentlich pleite sein. Die Walt Disney Company besitzt die Rechte an den beiden weltweit umsatzstärksten Filmreihen der Gegenwart, der des Marvel Cinematic Universe und die von Star Wars; im Laufe dieses Jahres sollen drei neue Marvel-Filme ins Kino kommen, beginnend in dieser Woche mit Black Panther. Im Mai startet Solo, der zweite der Star Wars-Anthology-Filme, die nicht zu den insgesamt drei Trilogien der Hauptreihe gehören.

Irgendein Ende sucht man da vergeblich. Die Kinostarts drei weiterer Marvel-Filme sind für 2019 geplant, ebenso der von Episode 9 von Star Wars. Und in der vergangenen Woche kündigte Disney an, neben einer ohnehin schon projektierten vierten Star Wars-Trilogie, die sich Rian Johnson, der Regisseur von Der letzte Jedi, gerade ausdenkt, solle es auch noch eine fünfte geben. Die werden D. B. Weiss und David Benioff übernehmen, wenn die Showrunner der aktuell weltweit erfolgreichsten Fernsehserie Game of Thrones mit dieser im kommenden Jahr fertig sind. Was aber nicht heißt, dass Das Lied von Eis und Feuer dann zu Ende sein wird – im Auftrag des Fernsehsenders HBO sollen bis zu fünf Drehbuchautoren bereits Ideen für Prequel-Reihen entwickeln, an deren Verwirklichung Benioff und Weiss allerdings nicht mehr beteiligt sein werden. Welche Vor-, Nach- oder Nebenerzählung sie für Star Wars erschaffen sollen, ist noch völlig unklar.

Puh. Um bei der Fortschreibung dieser sogenannten Universen noch den Überblick zu behalten, darf man als Fan eigentlich keine anderen zeitraubenden Hobbys haben. Und als Kritiker seufzt man und diagnostiziert wie etwa eine Autorin des Gaming- und Entertainment-Portals Polygon in der vergangenen Woche bereits erste Symptome von "Star Wars-Ermüdung". Zumal der ebenfalls vor einigen Tagen veröffentlichte erste Solo-Trailer einen eher müden Eindruck macht und mit seiner Eisplanetenoptik samt Protagonisten-in-unförmigen-Mänteln-Kostümierung lustigerweise an Game of Thrones erinnert. In den Kommentaren unter dem Polygon-Text indes widersprachen Fans fast unisono, von Ermüdung könne bei Star Wars gar keine Rede sein, weder in kreativer noch kommerzieller Hinsicht.

 Dabei ist es aber tatsächlich so, dass die beiden Star Wars-Filme, die auf den Reboot der Reihe mit Das Erwachen der Macht im Jahr 2015 folgten, bislang deutlich schlechtere Einspielergebnisse in den Kinos hatten. Was allerdings bedeutet: Nach dem dritterfolgreichsten Film der Kinogeschichte (Das Erwachen der Macht: zwei Milliarden Dollar Umsatz) kommen Der letzte Jedi (1,3 Milliarden Dollar seit Dezember 2017) und Rogue One (eine Milliarde Dollar) immer noch auf Platz 9 respektive 23 der ewigen Bestenliste. Als Disney im vergangenen November seine Bilanz fürs Fiskaljahr 2017 veröffentlichte, das im September endete, begründete das Unternehmen den Umsatzrückgang von rund 500 Millionen Dollar auf dann 55,6 Milliarden Dollar einzig damit, wie außergewöhnlich im Jahr zuvor der Erfolg von Das Erwachen der Macht gewesen sei. 

Auch die drei im vergangenen Jahr gestarteten Marvel-Filme Guardians of the Galaxy Vol. 2, Thor: Tag der Entscheidung und Spider-Man: Homecoming (bei dem die Rechte nicht bei Disney, sondern bei Sony liegen) erreichten nicht mehr die Einspielergebnisse ihrer bestlaufenden Vorgänger. Und das, obwohl 2017 nach ersten Schätzungen des Marktforschungsunternehmens comScore mit fast 40 Milliarden Dollar weltweitem Gesamteinspielergebnis das erfolgreichste Jahr in der Geschichte des Kinos war

Ewiger Erzählzyklus: Bedrohung, Zerstörung, Rettung

Die Schöpfer von "Game of Thrones", D. B. Weiss und David Benioff, vor der Premiere der 7. Staffel am 12. Juli 2017 in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles © FilmMagic for HBO/Getty Images

Die Zahlen stützen letztlich also die These, dass, wenn nicht bei den Kreativen, so doch bei den Zuschauern ein gewisser Erschöpfungszustand angesichts des Franchise-Overkills eingesetzt haben könnte. Um im Krankheitsbild zu bleiben: Diese Universen metastasieren ja erzählerisch eher, als dass sie einer Chronologie folgten, die letztlich auf ein wie auch immer geartetes Ende hinauslaufen würden – immerzu müssen irgendwelche Vorgeschichten und Nebenhandlungen erfunden werden, vorangehen soll es bitte nicht, ändern darf sich schon gar nichts. Ermüdend ist vor allem die völlige Folgenlosigkeit des ewigen Erzählzyklus aus Bedrohung, Zerstörung, Rettung, der fast allen Fortsetzungsfilmen zu eigen ist. Nur den logisch notwendigen Wiederaufbau dieser Universen bis zur nächsten Zerstörung in der ewig nächsten Folge sieht man fast nie. Und wenn doch, ist es schon lange her: Doch selbst die mühevolle Errichtung eines neuen Todessterns in Die Rückkehr der Jedi-Ritter vor 35 Jahren war bloß ein Plot-Point, um die ganzen Bösen der Galaxie mal zum selben Zeitpunkt am selben Ort zu haben.

Nun die Game of Thrones-Macher mit einer weiteren Trilogie zu beauftragen, hat insofern etwas Zwingendes, als Benioff und Weiss nicht nur über hervorragendes technisches Vorwissen verfügen, wie man so ein Universum im Computer ganz schön zusammenschrauben kann. Im Grunde haben sie dank der Buchvorlagen zu Game of Thrones von George R. R. Martin im Fernsehserienformat bereits eine Erzählform ausprobiert, die der Regisseur Gareth Edwards dann bei Rogue One für das Star Wars-Kosmos in aller Konsequenz für einen Franchise-Film adaptiert hat: den Abzählreim des systematischen Figurentötens.

Kreative Entsorgung von Charakteren

Die ganze behauptete Komplexität von Game of Thrones fußt ja letztlich auf der brutal simplen Logik, am Anfang eine unüberschaubar große Menge an Protagonisten an verschiedenen Orten eines überschaubaren Fantasy-Universums aufzustellen – und dieses Figurenheer dann systematisch zu dezimieren, aber möglichst überraschend, was Zeitpunkt und Auswahl der auf bestenfalls kreative Weise zu Entsorgenden betrifft. Die Beziehungen zwischen den Figuren sind eigentlich nur eine Verkomplizierung, erzählerischer Füllstoff und Motivbegründung dafür, warum wer wen wann zu töten gedenkt.

Irgendwie muss man ja die Zeit rumbringen, die so eine Fernsehserie braucht. Oder eine Filmreihe. Bis – fast! – niemand mehr lebt. Alle dürfen jedenfalls nicht sterben. Denn sonst drohte, was zumindest alle Fortsetzungserzähler in Film und Fernsehen am meisten fürchten: ein Ende.