Franz Rogowski ist der Liebling des Berlinale-Publikums. Wo immer er auftaucht, wird ihm zugejubelt, und die Begeisterung für ihn scheint sich vom Kreischen für andere Stars zu unterscheiden. Rogowski bewundert man nicht einfach für das, was er mit seinem durchtrainierten Körper und seinen sanften Augen auf der Leinwand tut. Man würde ihn gerne mal abends in einer ruhigen Kneipe treffen und dann sehen, wohin die Gespräche führen. Aber das ist natürlich nicht drin, schon gar nicht während der Berlinale. Rogowski ist eingespannt: Er ist einer der zehn europäischen Shootingstars und mit gleich zwei Filmen im internationalen Wettbewerb vertreten. Da bleiben nur 20 Minuten Interview in einem Hotel. Immerhin bietet er sofort das Du an. Das ist ungewöhnlich.

ZEIT ONLINE: Sie sehen ganz schön alt aus für einen Jungstar … Oh, Entschuldigung, jetzt habe ich doch "Sie" gesagt.

Franz Rogowski: Das ist schon okay. Bei diesem Einstieg sollten wir sowieso besser beim "Sie" bleiben.

ZEIT ONLINE: Sie sind 31 und werden gerade auf der Berlinale als europäischer Shootingstar geehrt. Louis Hofmann, Ihr Vorgänger im vergangenen Jahr, war 19. Haben die keine Altersbegrenzung?

Rogowski: Doch und ich bin gottfroh, dass es noch geklappt hat. Mit 32 ist da Schluss.

ZEIT ONLINE: Ich wollte Sie gar nicht ärgern, das war nur ein schlecht verpacktes Kompliment. Sie haben ja wirklich schon eine lange Karriere hinter sich: von dem Mumblecore-Hit Love Steaks von Jakob Lass 2013 über Sebastian Schippers Victoria auf der Berlinale 2015 bis zur Cannes-Teilnahme mit Michael Hanekes Happy End 2017. Gerade haben Sie mit Terrence Malick Radegund abgedreht, die Geschichte des Franz Jägerstätter, der im Zweiten Weltkrieg den Wehrdienst verweigerte. Und jetzt spielen Sie in gleich zwei deutschen Beiträgen, Transit und In den Gängen, im Berlinale-Wettbewerb. Wird Ihnen manchmal schwindelig?

Rogowski: Es ist ja nicht so, dass das alles auf einmal passiert. Es hört sich extremer an, als es sich für mich anfühlt. Ich versuche einfach jeden Tag, meine Sachen gut zu machen.

ZEIT ONLINE: Sie haben oft betont, dass Sie als junger Mensch, also als ganz junger Mensch, praktisch immer gegen etwas waren, gegen etwas ankämpften. Jetzt baden Sie im Erfolg. Wie nehmen Sie diese Wandlung von Contra zu Pro wahr?

Rogowski: Ich hatte Prellungen im Gesicht, dann hat man mich gestreichelt und die Prellungen gekühlt. Als die irgendwann abgeklungen waren, hat man mir ein Schaumbad eingelassen. Da sitze ich nun drin und werde langsam milder.

ZEIT ONLINE: Sie machen extrem unterschiedliche Filme. Inwiefern spiegelt sich das in der Arbeit mit den jeweiligen Regisseuren wider?

Rogowski: Jakob Lass ist ein Mensch, der strukturierte Improvisation bevorzugt – in allen Lebenslagen, und deswegen auch in seinen Drehbüchern große Freiräume schafft. Daher bekommt er zu Recht Fördermittel für Anträge ohne Dialogdrehbuch. Vor der Kamera ähnelt seine Arbeitsweise sehr der von Terrence Malick. Der improvisiert auch, aber anders, und das Ergebnis ist auch anders.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Rogowski: Terrence macht auch halbstündige Improtakes, allerdings mit relativ wenig Dialog. Ihm geht es mehr um Vorgänge und Stimmungen. Im Schnitt arbeitet er dann mit dem Material eher wie an einer Collage. Jakob lässt auch improvisieren, kreiert daraus aber ganz konkrete Dialogszenen. Dazu arbeitet er mit Problemstellungen: Er gibt zwei Schauspielern zwei verschiedene Aufgaben, und die dürfen sich dann vor der Kamera aneinander reiben, sozusagen.

ZEIT ONLINE: Haneke wäre der Antipode dazu. Er gilt als überaus präziser Planer.

Rogowski: Er arbeitet sehr genau nach einer inneren Vorgabe und weiß eigentlich schon, wie alles am Ende aussehen soll. Er ist also weniger prozess- als vielmehr ergebnisorientiert. Das ist vielleicht das Schönste für mich in den letzten Jahren: dass ich so viele verschiedene Ansätze kennenlernen durfte.