In ihrem Arbeitszimmer sortiert Lauren Greenfield Berge an Fotografien. Im Hintergrund stapeln sich Kisten mit weiterem Material. Sie heftet Abzüge an eine Wand, verändert die Reihenfolge. Es seien Schnappschüsse, erläutert sie, die sie in den neunziger Jahren auf einer schlechten Party gemacht habe. Ihr achtjähriger Sohn, der im Bademantel durch das Arbeitszimmer strolcht, wird stutzig: Was, bitte, ist eine schlechte Party?

Seit 25 Jahren fotografiert Lauren Greenfield die Reichen und Schönen von Los Angeles und diejenigen, die es um jeden Preis werden möchten. Ihr 2017 erschienener Fotoband Generation Wealth zeigt Models, Schauspielerinnen, Pornodarsteller, Manager, operierte Nasen, Brüste, aufgespritzte Lippen. Auf der Berlinale läuft nun der gleichnamige Film, den Lauren Greenfield über ihre Arbeit als Fotografin gedreht hat.

Sie besucht darin einige der Menschen, die sie für ihre Projekte porträtiert hat. Die Frau, die ihre dreijährige Tochter zu Schönheitswettbewerben schickt. Die erfolgreiche Managerin, die unbedingt ein Kind haben will und sich nach etlichen gescheiterten Versuchen künstlicher Befruchtung schließlich eine Leihmutter nimmt. Die Frau, die sich ihren Traum vom Wohlstand erfüllt, indem sie ihr Leben in größtmöglicher Nähe zum Luxus führt: Als Hostess begleitet Tiffany in Las Vegas reiche Leute beim Feiern. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Champagnerflaschen immer griffbereit stehen. Ihren 21-jährigen Sohn nimmt sie auf die Partys mit, seine Aufgabe ist unklar, mitfeiern eben.

Man könnte Greenfields Ansatz ethnografisch nennen; nach ihrem Anthropologie-Studium in Harvard führte sie ihr erster Auftrag als Fotojournalistin fürden National Geographic zu den Maya nach Mexiko. Sie merkte jedoch schnell, dass sie das Leben der Menschen in Los Angeles und deren mit Hollywood verbundenen Schicksale und Träume genauso spannend fand. Zu einem Schlüsselerlebnis wurde für sie eine Begegnung mit drei Jungs, nicht älter als 13, die sie danach fragte, was für sie im Leben am wichtigsten sei. Da zückten sie Geldscheine und posierten damit. Erst nachdem Greenfield das Foto im Labor entwickelt und genauer hingesehen hatte, bemerkte sie, dass es Hundert-Dollar-Scheine waren.

In ihrem Film reflektiert die Fotografin nun ihre eigene Arbeit, ihren eigenen Bezug zu Los Angeles, der Stadt, dem Milieu, in dem sie aufwuchs, ohne die Mittel zu haben, wirklich dazuzugehören. Generation Wealth wird so auch zu einem Porträt ihrer Familie. Greenfields Eltern kommen zu Wort, sie konnten noch den alten amerikanischen Traum verwirklichen, der dank harter Arbeit zum sicheren Erfolg führt. Ihre Söhne gehen auf die gleiche High School wie ihre Mutter damals, sie erleben denselben sozialen Druck. Mit dieser Ausbreitung des Privaten im Öffentlichen verhält sich die Fotografin also gar nicht so viel anders als diejenigen, die sie seit Jahren porträtiert: Viel ist gut, mehr ist besser.

Bei all dem wirkt Greenfield betont lässig und normal. Der Film ist vielleicht auch ein Versuch, ihre eigene Faszination für das Leben der Reichen und Schönen zur Sprache zu bringen. Das zumindest wäre die positive Lesart, die andere Interpretation hieße: Greenfields Anverwandlung an den Lebensstil, den sie fotografiert, geht so weit, dass sie – genau wie diejenigen, die sich vor ihrer Kamera im Schönheitswahn, in Essstörung und Geltungssucht verlieren – auch für ihr eigenes Leben eine Diagnose braucht. Sie sei nämlich, das lässt sie sich von sämtlichen Familienmitgliedern bestätigen, ganz offensichtlich ein Workaholic.