Ausgerechnet Susi und Strolch! Diesen Walt-Disney-Zeichentrickfilm um zwei verliebte Hunde aus den Fünfzigern führt der amerikanische Filmemacher Wes Anderson als emotionale Inspiration für seinen Animationsfilm Isle of Dogs – Ataris Reise an. Der feiert als Eröffnungsfilm der 68. Berlinale seine Weltpremiere und bewirbt sich damit als Erster für den Goldenen Bären.

Tatsächlich handelt auch Isle of Dogs von einem streunenden Köter, Chief, und einer äußerst gepflegten Hundedame, Nutmeg, die sich am Ende gegen alle Widrigkeiten kriegen. Doch Anderson wäre nicht der große Verzauberer des Kinos (und die Berlinale nicht mehr der Rede wert), wenn er es dabei beließe.

Isle of Dogs ist Andersons zweiter Animationsfilm nach Der fantastische Mr. Fox aus dem Jahr 2009 und wie dieser im extrem aufwändigen Stop-Motion-Verfahren gedreht. Jede Szene wird dabei mit Puppen in Kulissen nachgestellt und Bild um Bild um Milimeterbruchteile verändert, sodass beim Abspielen der Eindruck fließender Bewegungen entsteht. Die Handlung spielt in einer japanischen Megacity der nahen Zukunft. Der korrupte Bürgermeister will alle Hunde der Präfektur unter dem Vorwand, sie übertrügen Krankheiten, auf eine Insel verbannen, nach Trash Island, einer riesigen Müllkippe. Den ersten Hund, den er ausweist, ist der seines zwölfjährigen Pflegesohns Atari. Natürlich begibt sich Atari daraufhin – in einem winzigen Propellerflugzeug – selbst nach Trash Island, um seinen geliebten Spots wiederzufinden. Bei seiner Suche werden ihm fünf ebenfalls verbannte Hunde helfen, darunter der Streuner Chief.

Eigentlich ist Isle of Dogs ein klassischer Abenteuerfilm, bei dem sich der Held mit einem Rudel neuer Freunde auf eine epische Reise begibt und nicht nur sein eigenes Schicksal und das seiner Gefährten verändern wird, sondern die Zukunft der ganzen Präfektur. Im Zentrum des Films steht allerdings nicht der Junge Atari. Andersons wahre Helden sind die Hunde. Sie können sprechen und ihre Situation ziemlich gut reflektieren: Einerseits brauchen sie ein Herrchen, andererseits ist auf die Menschen kein Verlass mehr. Jetzt sind sie die Under-Dogs und bald schon ahnen sie, dass sie nicht nur verbannt wurden, sondern ausgerottet werden sollen.

An diesem Punkt kippt das Ganze heftig ins Politische. Von wegen Susi und Strolch! Disney hatte damals ein idealisiertes Familien- und Gesellschaftsbild am Rande des Kitschs entworfen, während bei Isle of Dogs am Eröffnungsabend der Berlinale kaum einer der geladenen Gäste nicht an die Situation vieler Menschen denken, die dort, wo sie leben, ungewollt sind. Auch sie landen viel zu oft an unwirtlichen Orten, wo sie von Hunger, Durst und Krankheit bedroht sind. Es bedarf schon eines Filmmagiers wie Anderson, so einen gewaltigen Stoff in eine zauberhaft-schrullige Fabel zu verpacken.

Wie ein japanischer Science-Fiction-Film der Sechziger

Hunderte von Puppen hat er dafür wiederherstellen lassen, jede von ihnen hat mehrere auswechselbare Gesichter; die Hunde zudem unterschiedliche Gesichtsteile, Oberkiefer, Stirn, Lefzen, die je nach Ausdruck einzeln ausgetauscht werden. Die menschlichen Protagonisten tragen fantastische Kostüme, handgeschneidert, die Tiere fluffige Fellbezüge, handzerfleddert. Und das sind nur die Figuren. Sie bewegen sich durch apokalyptische Landschaften, die von Tsunamis, Erdbeben oder Menschen zerstört wurden, und städtische Räume, die aussehen, als hätte sie sich ein japanischer Filmemacher der sechziger Jahre für einen Science-Fiction-Film ausgedacht.

Was so falsch gar nicht ist. Anderson gibt freimütig zu, dass er sich für Isle of Dogs in die Filme von Akira Kurosawa vertieft habe, vor allem in Engel der Verlorenen und Die Bösen schlafen gut, aber auch in Monsterfilme wie Godzilla. Damit das am Ende bei aller Künstlichkeit nicht nach japanischer Folklore aussieht, hat Anderson sich etliche japanische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ins Team geholt, die ihn beraten sollten. Und so wie er am ersten Berlinale-Tag über japanische Holzschnittkunst oder Trommelrhythmen spricht, ist er inzwischen tatsächlich in etlichen Kulturtechniken des Landes so bewandert, dass er aus dem Stegreif ein Impulsreferat halten könnte.

Diese Begeisterung für Details ist seinem Film in jeder Einstellung anzumerken. Was ist Anderson da also gelungen? Ein politischer Kinderfilm? Man könnte ihn so nennen. Vor allem aber ein Film, der das Kind im politischen Menschen anspricht – und das hat vielleicht einst auch Susi und Strolch geliebt.