Manchmal scheinen Hollywoodfilme tatsächlich etwas vorauszuahnen. Die Dreharbeiten zu dem Film "Molly's Game"endeten knapp acht Monate vor den ersten Missbrauchsvorwürfen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein und bald danach gegen viele andere mächtige Männer, nicht nur in Hollywood. Und doch wirkt "Molly’s Game" nun wie ein erster filmischer Kommentar zur aktuellen Geschlechterdebatte: Jessica Chastain spielt darin eine Frau, die sich in der von Männern dominierten Welt des Glücksspiels durchsetzen will. Der Film basiert auf den realen Begebenheiten um Molly Bloom, die vor einigen Jahren in Los Angeles Pokerrunden veranstaltete, an denen auch Hollywoodstars wie Tobey Maguire teilgenommen haben sollen. Aaron Sorkin, der unter anderem die Vorlagen zu "The Social Network", "Steve Jobs" und "Moneyball" schrieb, hat Blooms Geschichte fürs Kino nur leicht verändert und diesmal auch Regie geführt. Er ist mit dem Film für den Oscar als Bestes adaptiertes Drehbuch nominiert.

ZEIT ONLINE: Frau Chastain, betrachten Sie Molly’s Game eigentlich als eine Metapher für das weiterhin von Männern beherrschte Hollywood?

Jessica Chastain: Das kann man so sehen, und darum ist Aaron Sorkin ja ein so großartiger Drehbuchautor. Er ist ein politischer Kopf. Bei allem, was er schreibt, versucht er, aktuelle gesellschaftliche Veränderungen zu erfassen. Und er ist ein Idealist. Er glaubt daran, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird, selbst wenn alles dagegen spricht. Deshalb empfinde ich es auch nicht als sonderlich überraschend, dass ein Film, in dem Aaron eine weibliche Figur ins Zentrum stellt, vor allem vom Geschlechterverhältnis handelt.

ZEIT ONLINE: Die reale Molly Bloom erinnert sich in ihrer Autobiografie, auf der das Drehbuch in Teilen basiert, sie habe sich vor ihrer ersten Pokerrunde zugeredet: "Du trägst das Kleid deiner Träume, du bist selbstsicher und souverän, und du wirst perfekt sein." Das klingt nach einer Klischeevorstellung von weiblicher Perfektion – und ziemlich traurig, oder?

Chastain: Unser Film geht unter anderem der Frage nach, wann eine Frau als nützlich und wertvoll betrachtet wird. Wonach bewerten wir Frauen? Unsere Gesellschaft benutzt offenkundig weiterhin die sexuelle Anziehungskraft einer Frau als wichtigste Maßeinheit. In unserem Film verändert Molly alles Mögliche an sich, um sexuell attraktiver zu werden. In der Hoffnung, dass Männer sie dann ernst nehmen werden.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht paradox?

Chastain: Natürlich. Aber so ist die Gesellschaft verfasst, in der wir leben. Frauen werden nicht dafür gefeiert, was sie sagen oder tun. Sondern dafür, wie sie aussehen. Genau das thematisiert dieser Film: Wir beobachten eine Frau dabei, wie sie eine Idee von Weiblichkeit anstrebt, dank derer sie sich Gehör verschaffen kann.

ZEIT ONLINE: Bloom selbst beschrieb kürzlich, dass sie in der Rolle als Geschäftsfrau gleichsam zu sich selbst fand. "Ich war nicht länger das Objekt der Begierde. Ich war jemand, der ihnen – den Männern – die Möglichkeit gab, um Geld zu spielen." Und doch musste sie ewig weiter deren eye candy sein?

Chastain: Sie bleibt in Wahrheit das Objekt männlicher Begierden, klar. Molly selbst hat mir erzählt, dass keiner ihrer Spieler sie je zwei Mal im selben Outfit gesehen hat. Um das zu garantieren, hat sie darüber sogar eigens eine Tabelle geführt. Ich glaube, sie selbst hatte das Gefühl, in dem Augenblick Macht zu erlangen, da sie zu Männern Ja oder Nein sagen konnte. Sie besaß die alleinige Kontrolle darüber, wer an ihrem Pokertisch sitzen durfte und wer nicht.

Solange Frauen nicht danach beurteilt werden, was sie denken, sagen, tun – solange bleiben wir in einer Welt gefangen, die Frauen lediglich als Requisiten betrachtet.
Jessica Chastain


ZEIT ONLINE: Wie sehr können Sie Mollys Erfahrung aus Ihrem beruflichen Alltag als Schauspielerin nachvollziehen? Der Job bringt es ja sozusagen mit sich, dass man angestarrt wird.

Chastain: Das Verrückte ist doch, dass das immer noch ganz selbstverständlich zum Leben absolut jeder Frau dazugehört. Man muss sich nur daran erinnern, wie Hillary Clinton im US-Wahlkampf 2016 behandelt wurde. Ich fand das schockierend. Alle Welt sprach über ihre Hosenanzüge, ihre Frisur, den Klang ihrer Stimme oder darüber, wie häufig sie gelächelt hat. Bei einem männlichen Kandidaten hätte man so etwas nie getan. In meinem Beruf wiederum wird man als Frau ständig medial beobachtet – es ist leicht zu erkennen, was daran problematisch ist. Doch da wird nur sichtbarer, was letztlich ein Wesenszug unserer gesamten Gesellschaft ist. Solange Frauen nicht danach beurteilt werden, was sie denken, sagen, tun – solange bleiben wir in einer Welt gefangen, die Frauen lediglich als Requisiten betrachtet. Oder als Objekte.

ZEIT ONLINE: Die Bilder von Schauspielerinnen und Schauspielern werden allerdings im Kino genau dazu gemacht, dass wir Zuschauer sie anstarren. Ist dieser Widerspruch je aufhebbar?

Chastain: Es kommt auf die Absichten an, mit denen das getan wird. Wenn ich zum Beispiel an meine Figur in The Tree of Life von Terrence Malick zurückdenke – die wurde überhaupt nicht sexualisiert. Man glaubte in jeder Großaufnahme, die Kamera wolle ins Innere des jeweils Abgebildeten schauen, wolle seine oder ihre Gedanken finden, die Sehnsüchte, Träume, Hoffnungen dieser Person. Daran ist nichts, was einen zum Objekt degradierte. Im Kino geht es darum, dem Betrachter eine Verbindung zu den Figuren zu ermöglichen. Bestenfalls können die Zuschauer im Kinosaal sich dadurch mit ihnen identifizieren und erkennen, dass sie nicht allein sind auf der Welt.

ZEIT ONLINE: Kann ein Kamerablick wirklich noch unschuldig sein?