"Mein Film wird kein Sommerhit werden." Philip Gröning ist Realist. 173 Minuten, die ein Zwillingspaar am Übergang zum Erwachsenwerden beim Philosophieren über die Zeit zeigen – darauf muss man sich einlassen, wie auf alle vorangegangenen Werke des deutschen Filmemachers. Wer es tut, vertreibt nicht einfach die Zeit, sondern mit dem geschieht etwas. Das Kino wird bei Gröning zu einem verstörenden Erfahrungsraum. Und es ist auch nicht so, dass in seinem Berlinale-Beitrag Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot dann nicht doch noch allerhand passieren würde. Denn irgendwann gleiten die beiden, Elena und Robert, vom Theoretisieren ins Experimentieren hinüber: Was bedeuten Vergangenheit und Zukunft? Was genau ist Gegenwart?

Der Film erzählt von einem Wochenende im Hochsommer. Elena steht am Montag ihre mündliche Abiturprüfung im Fach Philosophie bevor. Jetzt bricht sie gemeinsam mit ihrem Bruder und mit etlichen Büchern im Rucksack ins Grüne auf, um noch mal das Thema ihrer Wahl durchzugehen: Was ist Zeit?

Zugegeben, keine einfache Frage, obwohl jeder dauernd von der Zeit spricht und das auch noch ganz selbstverständlich. "Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht", zitiert Robert recht bald den Kirchenlehrer Augustinus, der sich schon vor 1.600 Jahren über die Unbeschreiblichkeit des Wesens der Zeit den Kopf zerbrochen hat: Wenn die Gegenwart nur darum zur Zeit wird, weil sie in die Vergangenheit übergeht, also gar nicht mehr existiert, oder nur darum, weil sie aus der Zukunft übergeht, also nie mehr existieren wird, wie können wir da sagen, dass sie überhaupt existiert? Ganz schön verzwickt.

Philosophie mit Kaugummi

In den Gesprächen der beiden Geschwister sagt Elena viel weniger als Robert. Aber es wäre falsch, daraus zu schließen, er könne sie belehren. Elena hat eine verblüffend überzeugende Art, die langen Überlegungen ihres Bruders auf den Punkt zu bringen. Einmal fragt Robert sie danach, was denn ihre eigene Essenz ausmache: Wäre sie noch Elena, wenn ihre Beine abgeschnitten würden? Wenn ihre Arme, ihre Brüste, ihr Haar abgeschnitten würden? "Eine Elena ohne Beine, ohne Arme, ohne Kopf wäre einfach eine Elena in einer anderen Zeit", beendet die Schwester seine Grübeleien. Oder sie definiert den ominösen Punkt vom Übergang zwischen Zukunft und Vergangenheit, den Robert mit einem Stein auf den Asphalt einer Tankstelle zu skizzieren versucht, einfach mit ihrem Kaugummi.

Diese Elena (Julia Zange) ist ein durchscheinendes Wesen, die Haare weißblond, die Wimpern fast durchsichtig, der Körper ganz schmal. Robert (Josef Mattes) ist kräftiger, dunkler und in Liebesdingen erfahrener. Doch man sollte Elenas Erscheinung nicht mit Unbedarftheit verwechseln. Zwischen den philosophischen Exkursen zu Heidegger und Novalis fragt sie ihren Bruder nach seinem Sex mit einer Klassenkameradin oder wettet mit ihm, dass sie noch vor Montag "mit jemandem ficken wird". Eine dumme, alberne Wette in der Art, wie Kinder sie abschließen. Doch während sich die beiden dem Kern ihrer Überlegungen nähern, was denn nun Gegenwart ausmache, beginnt Elena ihre Ankündigung in die Tat umzusetzen, halb aus Trotz darüber, dass ihr Bruder es schon getan hat und sie nicht für voll nimmt, halb aus Eifersucht, dass ihre Liebe zueinander nicht mehr exklusiv ist.

Das Du oder das Ich?

Denn natürlich hat Gröning seine zwei Protagonisten bewusst zu Zwillingen gemacht. In seinem Film geht es nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch um den Übergang von Vergangenheit und Zukunft, dem Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Nicht zufällig steht nach dem Wochenende die Reifeprüfung an. Doch wie entsteht eine eigenständige Identität? Sie setzt Erinnerungen voraus. Dafür ist es unerlässlich zu lernen, das, was um einen herum geschieht, von der eigenen Person trennen zu können. Eine Entwicklung, die jedes Kind durchmacht, die für Zwillinge aber komplexer und womöglich schmerzlicher ist. Ein altes Kinderspiel, das Elena und Robert gleich mehrmals im Film miteinander spielen, verweist darauf. Wenn sich die beiden durch Zufall ein paar Schritte voneinander entfernt gegenüberstehen, fragt einer: "Kommst du oder komm ich?" Dann warten sie, bis einer von beiden – das Du oder das Ich – "Ich" sagt.